Bundesliga-Kolumne Hamburg, meine Perle

Von Gunter Barner 

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Wer am letzten Spieltag auf ein Wunder hoffen muss, ist das Opfer seiner Fehler: wie die Stuttgarter Kickers und der Hamburger SV.

Stuttgart - Wunder sind Ereignisse, die sich der Mensch selbst dann nicht richtig erklären kann, wenn er allen Grips zusammen nimmt, seinen Chef fragt und den Videobeweis zurate zieht. Oder hätte jemand seinen Jahresurlaub darauf verwettet, dass der VfB Stuttgart am letzten Spieltag auch noch die Lederhosen bezwingt?

Die blaue Schande

Oft geschehen Wunder gerade dann, wenn kein Mensch mehr damit rechnet. Vor allem im Fußball: Don Jupp trainiert nun doch nicht bis zu seinem Lebensende den FC Bayern, der FC Schalke will den Ball nicht und wird trotzdem Zweiter, Bruno Labbadia und sein Adjutant Eddy Sözer haben wieder einen Job und können den VfL Wolfsburg noch vor dem Abstieg retten. In Bibiana Steinhaus schaffte zum ersten Mal eine Frau den Sprung in die Herrenrunde der Bundesliga-Pfeifen. Und Halbzeit ist jetzt erst, wenn der Schiri die Seitenlinie überschritten hat. Wunder passieren selten, wiederholen sich eigentlich nie und schon gar nicht am selben Ort. Weshalb, wer am letzten Spieltag zu sehr darauf hofft, sein blaues erleben kann. So wie die Stuttgarter Kickers. Die Blauen kicken bald in der Oberliga, was für einen Club ihres Zuschnitts eine Schande ist. Aber die Dilettanten in der Vereinsführung denken noch immer, sie könnten einen Fußballclub führen wie eine Würstchenbude: Jeder gibt zu allem seinen Senf dazu.

Und so wie der Hamburger SV: Weil die Pfeffersäcke im Kampf gegen den Abstieg schon ein paar Mal diesen unerklärlichen Glücksfall in Anspruch genommen hatten, war ihr Wunder-Konto leer geräumt. Nach 55 Jahren in der Bundesliga wechselt der Dino sein Revier. Er hat es verdient: Der Verein hat sich jahrelang intensiv um den Abstieg beworben.

HSV: schlechtes Beispiel für Ausgliederung

Unbeirrt warf der HSV schlechtem Geld gutes hinterher, in der Personalpolitik entschied mehr der Würfel als der Sachverstand, die eitlen Pfaue in den Gremien begegneten sich mit Neid und Missgunst, und wenn Großinvestor Klaus-Michael Kühne mit dem linken Fuß aufgestanden war, gab er erst ein übellauniges Interview, dann griff er schlechten Gewissens wieder ins Portemonnaie. Jetzt ist der große Club mit der kleinen Raute mit angeblich über 100 Millionen Euro verschuldet und abhängig von einem greisen Milliardär, der ihn an der kurzen Leine führt. Der HSV liefert das beste Beispiel dafür, was man nach der Ausgliederung des Profifußballs in eine Kapitalgesellschaft alles falsch machen kann. Das Geschäft mit dem Fußball ist schnelllebig, anspruchsvoll und es verzeiht keine Fehler. Dafür braucht es Führungskräfte mit Branchenkenntnis und keine Volksschauspieler aus dem Ohnesorg. Es wird für den sofortigen Wiederaufstieg nicht reichen, wenn die Sozialromantiker unter den Sportsfreunden an der Elbe von Uwe Seelers Abstauber-Toren schwärmen, das Urheberrecht auf die Bananenflanke von Manni Kaltz beanspruchen und den Schädel ihres Kopfball-Ungeheuers Horst Hrubesch in Bronze gießen. Hamburg, meine Perle. Willkommen in der Wirklichkeit.

Der VfB und der schwäbische Fleiß

Zwar ist auch beim VfB Stuttgart noch nicht endgültig entschieden, ob jetzt immer alles wieder gut wird, aber den Bayern ein wenig in die Suppe ihrer Meisterfeier gespuckt zu haben, hebt den landsmannschaftlichen Wohlfühlfaktor und trägt dazu bei, an die sich entfaltende Wirkung der selbstreinigenden Kräfte nach dem Abstieg zu glauben. Sollte Weiß-Rot dank der Schützenhilfe aus Bayern tatsächlich bald zur Farbenlehre des Europäischen Fußballs zählen, dann wäre bis auf weiteres der Beweis erbracht, dass man mit Beharrlichkeit, Vernunft, Verstand, Fleiß, dem passenden Personal und treuen Fans sein Glück im Fußball auch ein kleines bisschen erzwingen kann.

Wundern wird das aber niemand.

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