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Der FC Bayern München feiert seine 28. deutsche Meisterschaft. Und der Schwabe gratuliert – auch wenn es schwerfällt.

Stuttgart - Rudi, mein Freund, ist ein glühender Verehrer des FC Bayern München. Ich habe ihm, weil sich das so gehört, eine SMS geschickt: „Lieber Rudi, alter Sack! Auch wenn du gar nix dafür kannst: Gratulation zum Titel!“ Dann habe ich eine Kampfansage hinterher geschickt: „Aber der VfB Stuttgart holt auf. Irgendwann ist der Titel wieder unser!“Zurück kam ein Smiley. Der, der Tränen lacht. Es ist nicht einfach, einen Bayern-Fan zu seinen Freunden zu zählen.

Der Bayern-Dusel

Es ist jedenfalls so, dass man Demütigungen ertragen können muss. Stundenlang erzählt er diese Geschichten: Zum Beispiel die, dass er schon mit dem Schwarzenbeck Hans-Georg am Tisch gesessen hat, dem Adjutanten des Kaisers. Rudi darf Katsche zu ihm sagen. Weil er dabei war, als Schwarzenbeck 1974 in der 120. Minute gegen Atletico Madrid zum 1:1 ausgeglichen hat. Rechts unten ins Eck. Aus 25 Metern. Ein Sonntagsschuss. Es gab ein Wiederholungsspiel, das der FC Bayern mit 4:1 gewann. Er war dann zum ersten Mal Europacupsieger der Landesmeister. Eigentlich hat der Katsche ja nie ein Tor geschossen. Vielleicht hat es deshalb nie mehr aufgehört mit den Bayern. Nietzsche sagt: Glück ist Talent für das Schicksal.

Die Eintrittskarte von Rudi liegt als Leihgabe im Bayern-Museum. Und ich vermute ernsthaft, dass er einmal selbst in so einer Vitrine liegt. Als Leihgabe von den Fildern: Sehr seltene Spezies. „Schwäbischer Bazi“, aufgefunden nahe dem Stadion des VfB Stuttgart. Und als Erläuterung der anthropologischen Besonderheit: gebürtiger Schwabe, war häufig im Alpenvorland anzutreffen, Vorfahren vermutlich genetisch beeinflusst von einem bajuwarischen Bergvolk. Trug Sepplhosen. Gesellig, sozial gut verträglich. Feierte runde Geburtstage auf bayerischen Berghütten.

Stolz wie Bolle

Rudi, kann man sagen, ist also zum 28. Mal deutscher Meister geworden. Was man nicht sagen sollte ist: Dass es doch nichts Besonderes mehr für ihn ist. Dann schaut er so streng wie der Richter vom Königlich Bayerischen Amtsgericht und sagt: „Hallo, geht’s noch? Dieses Gefühl ist der Hammer, das ist das Größte. Das ist besser als jeder . . .“ Seine Frau zuckt dann jedes Mal zusammen und errötet auch ein bisschen. Aber das ist nichts, was man näher erläutern muss.

So oder so ist der Rudi stolz wie Bolle auf seine Bayern. Und weil sie jetzt die Allianz-Arena renovieren, hat er sich den Klappsitz von seiner Dauerkarte aus dem Stadion bestellt. Für 20 Euro. Er sagt, dass das geschenkt ist und dass er noch nicht weiß, wo er den Sessel in seinem Haus hinstellen wird. Schorsch, welcher sein Freund ­ist, aber halt auch ein VfB-Fan, hat vorgeschlagen: „Auf dem Klo.“ Dann könne er auf die Bayern pissen. Hohoho. Das war gemein und auch undankbar, weil sich der Schorsch an der Schulter von Rudi ausheulen durfte, als der VfB den Gang in die Niederungen des Fußballs anzutreten hatte. „Schorschi“, hat der Rudi den Schluchzenden getröstet, „dann nehm ich dich ab und zu mit zu den Bayern.“So weit ist es dann doch nicht gekommen. Man hat ja so seinen Stolz und auch eine Ehre. Aber ein bisschen neidisch auf die Weißwurst-Mafia ist man halt schon. Herrschaftszeiten war das noch schön, als der Klinsi im Fallrückzieher den Bazis die Laune verdorben hat.

Ein Titel für den VfB

Aber der Rudi, welcher mein Freund ist, ruht in sich und kontert derlei nostalgische Rückwärtsheuler mit dem Hinweis auf ein Datum und eine Ortsangabe: 25. Mai, 2013, Wembleystadion. Er war dabei. Champions League, Finale. 2:1 gegen Borussia Dortmund. „Das“, schwärmt Rudi, „kannst du nicht toppen.“ Demnächst sitzt er wahrscheinlich mit Arjen Robben am Tisch, weil der den Siegtreffer erzielt hat.

Rudi hat dann noch geantwortet auf meine SMS. „Lieber Gunne, danke für die Glückwünsche. Klar wird der VfB mal wieder Meister. Gleich, wenn sie in Berlin den neuen Flughafen eröffnet haben.“ Tsssss. . .

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