Die Vehemenz, mit der Felix Magath einen Teebeutel ausquetschen kann, beeindruckt unseren Autor Günther Schroth bereits seit Kindheitstagen. In Bochum wiederum ist das einzig beeindruckende die Hymne der Fans.
Es war im Jahre 2001, als ich lernte, wieviel Tee aus einem einzelnen Teebeutel herausgeholt werden kann. Felix Magath war gerade vom VfB Stuttgart verpflichtet worden, um die Mannschaft in aussichtsloser Lage vor dem Abstieg zu retten. Was ihm selbstverständlich gelang. Magath beeindruckte mich auf seinen Pressekonferenzen schon damals nachhaltig durch seine ausgefeilte Methode, einem Teebeutel mithilfe eines Löffels auch noch den letzten Tropfen Inhalt abzuringen.
Für mich war das ein schönes Sinnbild dessen, wie Magath auch aus seinen Spielern das Letzte herauszuholen imstande war. Was ihm auch jetzt bei der Hertha auf Anhieb zu gelingen scheint. Trotz seiner Corona-bedingten Abwesenheit. Denn die Hertha lieferte gegen Hoffenheim einen Auftritt ab, den so keiner erwarten konnte.
Magath lässt sich von einer Quarantäne nicht vom Coachen abhalten
Erstaunlich befreit bewegte sich das Team unter der Regie von Magath-Stellvertreter Mark Fotheringham. Der hielt den Kontakt ins Hotelzimmer und versorgte das bislang so verzagte Team mit unerwarteter Herzenswärme samt neuem Selbstbewusstsein. Boss Felix Magath war im Berliner Hotel nicht gänzlich zur Untätigkeit verdammt, coachte per Bildschirm. Sein Team gewann überzeugend und hoch mit 3:0. Dem Tele-Trainer Magath gelang selbst aus der Abgeschiedenheit des Hotelzimmers ein Sieg, den der Hertha vorher kein Experte zugetraut hatte. Die moderne Kommunikationstechnik machte es möglich, dass Magath vor dem Spiel und in der Pause ganz nahe bei seinem Team war.
Sein so plötzlich ins Blickfeld gerückter schottischer Assistenztrainer würde auch sehr gut nach Bochum passen, wo, wenn sie gerade nicht mit Bier werfen, die Fans den mit Abstand coolsten Stadionsong der ganzen Liga zum Vortrag bringen. Das ist Grönemeyers Bochum-Hymne, die jetzt vor dem Spiel endlich wieder voller Inbrunst gesungen werden kann. Kaum ist in den Stadien aber wieder Publikum zugelassen, gibt es prompt auch wieder Problem-Fans. Trotz allen Liedgutes.
Der Bierbecher traf den Assistenten
In Bochum hat so einer mit Bier geworfen. Das ist nicht weiter überraschend, das kommt in den besten Stadien vor. Das Problem mit dem Bochumer Bierbecher-Weitwurf ist auch nicht so sehr, dass der Bierbecher geworfen wurde. Das Problem ist, dass der Linienrichter getroffen wurde. Man kann realistischerweise davon ausgehen, dass bei zehn Versuchen, mit einem Bierbecher ein bewegliches Ziel zu treffen, in der Regel alle zehn daneben gehen. Zieht man dann in Betracht, dass der becherwerfende Bochumer wohl schon ausreichende Mengen Bier getrunken hatte, liegt der Schluss nahe, dass er nicht mehr ganz Herr seiner Sinne war. Trotzdem muss man dem Mann Absicht unterstellen. Deswegen geht der Spielabbruch auch völlig in Ordnung.
Der Bochumer-Problem-Fan hat möglicherweise einen Sieg verhindert
Dabei war das Spiel gegen Mönchengladbach noch gar nicht verloren, trotz eines 0:2 Rückstandes. Dass die Gladbacher gerade auswärts eine Zwei-Tore-Führung auch mal gerne aus der Hand geben, konnte man vor kurzem in Stuttgart sehen. Da war man vor Wochen auch mal mit 0:2 hinten gelegen, auch gegen Mönchengladbach, und hatte das Spiel noch mit 3:2 gewonnen. 25 000 Zuschauer waren damals auch in Stuttgart anwesend, von ihnen hatte allerdings dankenswerterweise keiner versucht, mit einem Bierbecherwurf Einfluss auf das scheinbar verlorene Spiel zu nehmen. Die Stuttgarter holten dann auch die drei Punkte.
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Der Bochumer Problem-Fan übrigens wäre gar nicht so sehr zum Problem geworden, wenn man auf den Tribünen beizeiten die Trinkgewohnheiten von Felix Magath angenommen hätte. Deswegen ist es jetzt an der Zeit, den Bier-Konsum in den Stadien durch alternative Getränke zu ersetzen. Der gesittete Tribünengast sollte in Zukunft Tee zu sich nehmen. Und meinethalben kann er den restlos ausgepressten Teebeutel anschließend auch auf’s Spielfeld werfen.