Neun Millionen Menschen schalten jeden Samstag das Radio ein, um die Bundesligakonferenz zu hören. Steigt der VfB Stuttgart ab? Wird Dortmund Meister oder doch wieder die Bayern? Eine Laudatio auf eine deutsche Legende.
Letzter Spieltag. In Stuttgart läuft die 92. Minute. Es steht 1:1. Stand jetzt ist der VfB abgestiegen. Doch dann: „Der Ball kommt an den ersten Pfosten, verlängert, Kopfball, Tor, Tor, Tor, Tor für den VfB Stuttgart! Das darf nicht wahr sein“, brüllt der Radioreporter. Das Stadion bebt, der Kessel brennt. Rettung in letzter Minute. Mehr Drama geht nicht.
Ein Jahr später ist es wieder so weit, der letzte Spieltag steht an, und wieder entscheidet sich, wer Meister wird und wer aus der Bundesliga absteigt: Wer folgt Hertha BSC in die zweite Liga? Der VfB Stuttgart, Bochum, Augsburg oder Schalke 04? Und wieder werden Millionen am Samstagnachmittag vor dem Radio sitzen und mitfiebern, wenn die Bundesligakonferenz läuft – eine Radiosendung, die seit 1963 zuverlässig für Herzrasen und Schnappatmung in deutschen Wohnzimmern und Autositzen sorgt.
Ganze Städte halten den Atem an
Längst ist die Liveübertragung der ARD zur Hörfunklegende geworden, zum Sound der Bundesliga, der in der Halbzeitkonferenz ab 16.08 Uhr und der Schlusskonferenz ab 16.55 Uhr seinen Höhepunkt findet, wenn Sätze wie „Tor auf Schalke“ oder „Elfmeter in Stuttgart“ ganze Städte den Atem anhalten lassen. Der Reiz des Ungefähren reißt mit, bleibt anfangs doch unklar, wer das Tor geschossen oder den Elfmeter kassiert hat. Erst das Brodeln des Stadions oder die Stille der Zuschauer gibt Auskunft.
Als Erfinder der Bundesligakonferenz gilt Kurt Brumme. „Ich will mit Worten Bilder malen, der Hörer soll mit den Ohren sehen“, erklärte der 2005 verstorbene Radiomoderator einst. Daran hat sich nicht viel geändert. „Es ist Kino im Kopf. Der Hörer kriegt es ins Ohr, malt sich ein Bild, stellt sich vor, was da gerade auf dem Platz passiert“, sagt Kersten Eichhorn, Radioreporter und -moderator beim SWR. „Und weil man nichts sieht, ist das ein ganz anderer Spannungsbogen als im TV.“
Neun Millionen vor dem Radio
Im Fernsehen sehe man, wenn der Ball ins Aus geht, wisse also, dass gerade keine Torgefahr drohe. „Doch im Radio kann jederzeit etwas passieren. An Schnelligkeit und Spontanität ist die Radio-Übertragung der Bundesliga daher nicht zu überbieten“, sagt Eichhorn.
Das ist nur einer der Gründe, warum jeden Samstagnachmittag neun Millionen Menschen das Radio einschalten, um zu erfahren, wie es um ihren Lieblingsverein steht. Eine bemerkenswerte Zahl angesichts des Umstands, dass immer mehr Vereine im Netz eigene Hörfunk-Übertragungen anbieten und die Pay-TV-Sender die Konferenz längst für das Fernsehen kopiert haben.
Platzhirsch ist dennoch die Sendung der ARD, in der sich die Reporter durch wahre Wortkaskaden arbeiten. Nicht jeder angefangene Satz ist zu Ende gedacht, zu schnell landet der Ball wieder beim Gegner. „Kimmich auf Sané. Ball im Aus.“
„Breitner auf Rummenigge, Rummenigge auf Breitner“
Wie man einen Satz bei all der Hektik dennoch sinnvoll beendet? „Das ist Übungssache. Man braucht Routine, aber zu viel Routine darf es natürlich auch nicht sein“, erklärt Eichhorn.
Das Recht zu schreien hätten nur die Zuschauer im Stadion und die Hörer vor dem Radio, aber niemals der Reporter, hatte Kurt Brumme einst verfügt. Aber das ist lange her. Wer einmal Sabine Töpperwien gehört hat, wie sie mit sich überschlagender Stimme „Toooor in Leverkusen!“ schreit, hat bis heute eine Art Knalltrauma. Doch genau diese Emotionen machen einen Teil des Reizes aus. „Emotionen, die du nur im Radio kriegst“, sagt Eichhorn, „hier bist du mittendrin.“
Die Zeiten, in denen Ballstafetten im Radio eher monoton klangen, „Breitner auf Rummenigge, Rummenigge auf Breitner“, sind vorbei. Die Sprache sei dafür flapsiger geworden, aber auch weniger martialisch, erklärt Eichhorn. Der Bomber hat ausgedient.
Kutzop knallt den Ball gegen den Pfosten
Selbst wenn man nebenher das Auto wäscht oder kocht, wie Regisseur Sönke Wortmann, ein bekennender Fan der Bundesligakonferenz, fühlt sich der Hörer so, als sei er mitten im Geschehen. Näher dran ist man nur im Stadion.
Über die Jahre hat die Konferenz den Hörern unvergessliche Momente beschert: etwa den berühmtesten Elfmeter der Bundesligageschichte, als Michael Kutzop am 33. Spieltag in der Partie gegen den Meisterschaftsrivalen aus München den Ball in der 88. Minute gegen den rechten Pfosten setzte und Werder Bremen dadurch den Titel verpasste. Der einzige Elfmeter, den Kutzop in seiner Bundesligakarriere verschoss.
Schalke 04 für vier Minuten Meister
Legendär auch, als Unterhaching Leverkusen um die Schale brachte. Frankfurts Klassenverbleib 1999 – „Fjørtoft, der ist im Strafraum und er trifft, Tooor für die Frankfurter Eintracht“ – oder als sich Schalke 04 vier Minuten als Meister wähnte, ehe ein schwedischer Abwehrspieler des FC Bayern in Hamburg zum Freistoß antrat. Und zuletzt eben der Kopfball von Wataru Endo in der Nachspielzeit, der Stuttgart vor dem Abstieg rettete.
Die Konferenz ist der Star unter den Sportübertragungen im Radio – und hat auch Berühmtheiten hervorgebracht. Nicht wenige Reporter haben es zu Kultstatus gebracht. Etwa das fränkische Original Günther Koch („Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund“). Oder Manni Breuckmann („Holt die Antidepressiva raus, Fortuna Düsseldorf spielt“). Auch Werner Hansch, die Stimme aus dem Pott („Alles andere ist Schnulli-Bulli“). Sie alle haben ganze Generationen durch die Spieltage begleitet.
Das Rennen um den Titel
Er sei als Kind mit dem Transistorradio ins Freibad oder auf den Bolzplatz gegangen, um die Spiele verfolgen zu können, berichtet Eichhorn. Die Faszination für den Fußball, aber auch für das Radio hat sich gehalten. „Ich mache meinen Job seit gut 30 Jahren und freue mich noch immer auf jeden Spieltag.“
Ganz besonders spannend ist natürlich der 34. Spieltag, wenn sich das Rennen um die Meisterschaft, aber auch das um den Klassenverbleib entscheidet. Und während sie in Stuttgart auf eine Wiederholung des vergangenen Jahres hoffen, muss der BVB gegen Mainz 05 gewinnen, um nach einem Jahrzehnt die Vormachtstellung des Münchner Dauermeisters wenigstens für ein Jahr zu unterbrechen. Und Millionen werden dabei vor dem Radio sitzen.
90 Minuten „Tooor in Dortmund“
Der Erfolg der Bundesligakonferenz lässt sich aber nicht allein mit den Emotionen, der Atemlosigkeit und der Spannung erklären. Auch das Geld spielt eine Rolle. Denn wer alle Spiele im TV erleben will, muss heutzutage gleich mehrere Pay-TV-Sender oder Streamingportale buchen. Derzeit Sky und DAZN, zusammen knapp 45 Euro pro Monat.
Viel Geld, das sich Radiohörer sparen können. Oder Nutzer der „Sportschau“-App. Dort werden die einzelnen Bundesligaspiele komplett kommentiert. Die Konferenz fehlt aber natürlich auch nicht im Programm. 90 Minuten lang „Tooor in Dortmund“ oder „Elfmeter in Stuttgart“. Spannender kann ein Samstagnachmittag kaum sein.