Bundeslager des Verbands Christlicher Pfadfinder Feuer und Flamme für die Gemeinschaft

Von Carola Fuchs 

Die Gemeinschaft zählt – und am Abend sitzt man am Lagerfeuer. Foto: Pfadfinder Bund Hohenstaufen
Die Gemeinschaft zählt – und am Abend sitzt man am Lagerfeuer. Foto: Pfadfinder Bund Hohenstaufen

Am Donnerstag treffen sich 4500 junge Leute in Wittenberg zum Bundeslager des Verbands christlicher Pfadfinder. Sie schlafen in Zelten und zelebrieren ihre Gemeinschaft als Abenteuer. Die bündische Jugendarbeit fasziniert nach wie vor Hunderttausende

Stuttgart - Werner Rößler weiß sich zu helfen. Er hat es gelernt. „Wie ich eine Aufgabe anpacke und sie bewältige“, sagt der 63-Jährige aus dem Heilbronner Stadtteil Kirchhausen, „das haben mir die Pfadfinder beigebracht.“ Als Zwölfjähriger trat er dem Stamm Hans-Riesser im Osten der Stadt bei. Als 21-Jähriger gründete er mit drei anderen seinen eigenen Stamm Böckingen: den Stamm Vulkan. Und heute, als Vater von zwei erwachsenen Kindern und mittlerweile sogar Großvater, pflegt er nach Feierabend mit seiner Ehefrau Elisabeth „unser drittes Kind“ – das Pfadfinderheim, die Altböllinger Höfe.

Dort kümmern sie sich im Sommer zur Lagerzeit um ihre Nachnachnachfolger, die sich als Wölflinge ihr Halstuch erst noch erarbeiten müssen, die sich in der Sippe bewähren und dann als Ranger und Rover Verantwortung übernehmen: einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder. Die Faszination an dieser Form der bündischen Jugendarbeit ist offenbar ungebrochen. Die Pfadfinder sind mit geschätzten 40 Millionen Anhängern weltweit die größte Jugendorganisation.

„Ich finde immer einen Platz zum Übernachten“

An diesem Donnerstag beginnt in Wittenberg das Bundeslager des Verbandes christlicher Pfadfinder (VCP) zum Thema „Luthers Mut“. 4500 Jugendliche aus Deutschland und 300 unter anderem aus den USA, Australien, Norwegen, Schweden, Simbabwe und der Schweiz verbringen die nächsten zehn Tage gemeinsam in der Lutherstadt. Sie werden sich mit dem Reformator beschäftigen, in Workshops zusammenarbeiten und in einem Gruppenspiel nichts weniger tun, als – im Gedenken an Luthers Aufbegehren vor 500 Jahren – die Welt vor einem durchgeknallten Professor zu retten. „Uns verbindet ein weltweites Gemeinschaftsgefühl“, sagt der VCP-Generalsekretär Jan Behrendt. „Mit meinem Halstuch finde ich immer einen Platz zum Übernachten.“ Mit 47 000 Mitgliedern ist der evangelische VCP der zweitgrößte Pfadfinderverband im Ring deutscher Pfadfinderverbände. Dieser Dachverband vereint vier Pfadfindergruppen in Deutschland mit insgesamt mehr als 200 000 Mitgliedern und gehört der Weltpfadfinderbewegung an.

Die Bandbreite ist groß

Die Gesamtzahl der Pfadfinder in Deutschland lässt sich nicht beziffern. Denn es gibt eine Vielzahl von Pfadfindergruppen, die sich der bündischen Jugendarbeit verschrieben haben, mit einer großen Bandbreite an religiösen und weltanschaulichen Hintergründen. Es gibt interkonfessionelle, katholische, evangelische, konfessionslose oder konservative Pfadfindergruppen. Der Bund Deutscher Pfadfinder/innen (BDP) etwa gilt als eher am linken Spektrum ausgerichteter Verband, der auf die traditionelle Kluft verzichtet und sich als Sprachrohr der Jugend gegenüber den „machthabenden Institutionen“ versteht. Dem gegenüber wird der sogenannte Freibund, in dem laut Homepage „Natur, Kameradschaft und deutsche Kultur nicht nur erlebt, sondern auch gelebt“ werden und man ein „natürliches Verhältnis zu Volk und Heimat“ aufbauen möchte, eher am rechten Rand verortet.

Das Beten gehört dazu

Beim VCP steht das C nicht nur zur Zierde im Namen. Die Pfadfinder der Böckinger Vulkane etwa halten im jährlichen Zeltlager morgens und abends eine Andacht. Vor und nach dem Essen wird gebetet. Und vor der Jahreshauptversammlung findet ein gemeinsamer Gottesdienst in Pfadfindertracht statt. Die 18-jährige Charlotte Börner ist überzeugte Stammesführerin der 44 aktiven „Vulkan“-Pfadfinder: „Wenn man eine Woche lang nur ein Plumpsklo und keine richtige Dusche hatte, weiß man vieles daheim wieder mehr zu schätzen.“Der Gau Unterland im Raum Heilbronn ist einer der größten des 3800 Mitglieder starken VCP Württemberg. Und er gilt als einer der traditionelleren. Die Heilbronner führen beispielsweise noch ein Probenbuch. Wer von einer Stufe zur nächsten kommt, muss kleine Prüfungen bestehen – Bäume erkennen, im Wald aus Stöcken und Steinen Botschaften an die Pfadfinderkollegen hinterlassen, sich mit Knoten auskennen, aber auch wissen, wie man sich im Straßenverkehr verhält. Auch Charlotte Börner schwärmt vom Gemeinschaftsgefühl: „Selbst wenn man sich nicht kennt, ist man auf einer Wellenlänge“, sagt die junge Frau, die eine Ausbildung macht.

Das verhindert aber nicht, dass es mitunter zu Dissonanzen kommt. Als Werner Rößler Pfadfinder wurde, war der Verband noch ein Jungenclub. In den 70er Jahren öffnete sich der Verband für Frauen, „da haben wir Mädchen gebraucht“ – und hat sie dem örtlichen CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen) abgejagt. In den internen Gremien diskutierte man darüber, ob das traditionelle Pfadfindertum noch zeitgemäß sei: „Das waren schon Kämpfe“, erinnert sich Rößler.

Im Lager gilt ein Handyverbot

Diese Diskussionen sind bis heute nicht ausgestanden. „Wir stecken zurzeit wieder in so einem Prozess“, sagt der VCP-Generalsekretär Behrendt. Das beginne im Detail bei der Frage: „Brauchen wir WLAN im Lager?“ Die haben die Organisatoren mit Nein beantwortet. Grundsätzlicher wird es bei dem Problem, Gruppenleiter zu gewinnen und zu halten, weil die Belastungen durch Schule und Studium gestiegen seien. Die katholische Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg, die größte Gruppierung im Dachverband, startet daher nach Angaben eines Sprechers eine Leitergewinnungskampagne. Die richtet sich an Ehemalige, aber auch an junge Familien und Senioren, die bisher noch nichts mit den Pfadfindern zu tun hatten.

Was das WLAN im Lager angeht, gibt es bei den Böckinger Pfadfindern keine Diskussion. „Bei uns gilt ein Handyverbot“, sagt Charlotte Börner: „Es geht darum, dass man Zeit miteinander verbringt und nicht irgendwas in sein Smartphone tippt.“ Schließlich ist die Gemeinschaft das Abenteuer. Werner Rößler bleibt so oder so sein Leben lang mit seiner Böckinger Sippe verbunden. Seine Gattin entdeckte er nicht irgendwo. Die Frau fürs Leben fand er bei den Pfadfindern.

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