Deutschland verfügt über die weltweit zweitgrößten Goldreserven – etwas mehr als ein Drittel der rund 3400 Tonnen deutscher Goldreserven lagert die Bundesbank nach eigenen Angaben in eigenen Räumen in Frankfurt. Foto: Bundesbank/Darchinger

Der Bundesrechnungshof fordert eine stärkere Kontrolle des deutschen Goldbesitzes. Ein großer Teil davon lagert im Ausland. Doch nun wollen es auch Politiker genauer wissen.

Berlin - Peter Gauweiler schnauft durch das Lokal. Sucht ein Hinterzimmer, in dem er verabredet ist, verläuft sich kurz, fragt die verdutzte Serviererin, wie es ihr geht, und hält sich bei all dem auch noch ein Telefon ans Ohr. Der Mann hat eine erstaunlich junge Stimme, und das liegt beileibe nicht am bayrischen Idiom. Der 63-Jährige, der vielen als letzt verbliebenes CSU-Urgestein gilt, ist aufgebracht. Es geht ums Geld. Ums Gold. „Um unsere Zukunft“, sagt er.

Als Philipp Mißfelder den Raum betritt, dauert es keine zwei Minuten, und die beiden Freunde debattieren eben darum – ums Geld, ums Gold – und darum, ob die deutsche Goldreserve noch sicher ist.

Mißfelder kommt aus Recklinghausen, ist Vorsitzender der Jungen Union und außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag. Vor Jahren produzierte er Schlagzeilen, als er alten Menschen zur Entlastung der Krankenkassen keine Hüftprothese mehr finanzieren wollte. Inzwischen ist er 33 Jahre alt und für Gauweiler sogar nach Amerika gefahren.

Über 50 Prozent des deutschen Golds liegen in New York – es wurde dort gekauft

Dort wollte er Goldbarren sehen. Jenes Gold der Bundesbank, welches als deutsche Währungsreserve gilt. Die Währungsreserve ist das Vermögen der Bundesbank, das nicht in Euro geführt wird – also Guthaben und Wertpapiere in fremden Währungen, Sorten oder Einlagen. Diese Reserven werden, so die Bundesbank, möglichst rentabel angelegt, um auf schwankende Wechselkurse reagieren zu können. Die Deutschen haben nach der US-Notenbank die zweitgrößten Goldreserven. Über 50 Prozent des deutschen Golds liegen in New York – es wurde dort gekauft. Weitere Bestände liegen bei der Bank of England und zu kleinen Teilen bei der Banque de France in Paris.

Und eben weil diese Währungsreserve ausdrücklich nicht am Euro-Gegenwert bemessen werden soll, um vor Ausschlägen nach oben wie nach unten sicher zu sein, zieht sie in Krisenzeiten die Aufmerksamkeit auf sich. Erst recht im Verlauf der Finanzmarktkrise ist das Gold seit 2008 immer wertvoller geworden. Heute liegt der Goldpreis bei über 42.000 Euro pro Kilogramm – zu Beginn der Krise 2008 waren es 19 399 Euro pro Kilo. Damals besaß die Bundesbank sogar noch mehr Gold: 3412,6 Tonnen; knapp zwölf Tonnen wurden seither ausgeprägt. Im September 2009 lag der Kilopreis bereits bei 22 024 Euro, ein Jahr später schon bei 31 027 Euro. Heute zählt die Bundesbank knapp 3400 Tonnen – ein Gegenwert von 136 Milliarden bis 143 Milliarden Euro.

Aber wo ist das Gold in den USA? Philipp Mißfelder wollte es sehen. Und will heute darüber reden, wie das war, als er sich bei der Federal Reserve anmeldete, das Gold aber partout nicht zu sehen bekommen durfte. Es soll um eine Barren-Liste gegangen sein, die irgendjemand nicht herausrücken wollte. Nicht herausrücken sollte. „Es gab eine Kommunikationspanne“, sagt Mißfelder. Er war ganz nah dran.

Beim Geld beginnt das Misstrauen

Oder ist das Gold schon ganz weit weg, wie sein Freund Gauweiler vermutet? Verliehen, wie dieser glaubt, weil die Amerikaner vom Materialwert profitieren, indem sie das Gold gegen eine Gebühr verleihen und an der Wertsteigerung des steigenden Metallpreises profitieren, wenn es nach einem Jahr zurückkommt: „X minus Y gleich Gewinn geteilt durch zwei“, sagt er. X steht für den blanken Wert des Edelmetalls am Rückkehr-Tag, Y für den Wert am Verleih-Tag. Der Gewinn wird geteilt. „Das Gold hat einen physischen und einen Wertpapier-Wert. Die Amis profitieren vom physischen Wert“, rechnet Gauweiler vor. Das Gold selbst, so seine Handels-Logik, muss also die Lager verlassen – und ist damit vollends der Kontrolle durch die Bundesbank entzogen. „Wir müssen das Gold deshalb physisch prüfen.“ Deshalb die Mission Mißfelder.

Beim Geld beginnt das Misstrauen. Aber es gibt keinerlei belegbare Hinweise, dass die Goldreserven tatsächlich verliehen, verpfändet oder eingetauscht sind gegen Wertpapiere, die im Gegensatz zum Gold tatsächlich nichts mehr wert wären im Fall der Fälle, der größten Krise aller Zeiten.

Bundesbank: „Eine solche Stichprobeninventur ist nicht nur unnötig, sondern in den ausländischen Lagerstellen auch unmöglich“

Aber eben weil der Wert der Goldbestände so immens stieg – und weil es um die fiskalische Substanz der Bundesrepublik geht –, fühlt sich nun auch der Bundesrechnungshof auf den Plan gerufen. Er fordert von der Bundesbank eine genaue Bestandsaufnahme der riesigen Goldreserven im Ausland. Und regelmäßige Kontrollen. Denn die letzte Erhebung stammt aus den späten siebziger Jahren. Künftig sollen die Bestände „in bestimmten Zeitabständen mit einer Stichprobeninventur vor Ort erfasst werden“, mahnen die Rechnungsprüfer. Zudem seien die in Paris, London und New York ausgelagerten deutschen Reserven noch nie von der Bundesbank oder durch andere unabhängige Prüfer „körperlich aufgenommen und auf Echtheit und Gewicht“ geprüft worden.

Muss auch nicht sein, kontert die Bundesbank: „Eine solche Stichprobeninventur ist nicht nur unnötig, sondern in den ausländischen Lagerstellen auch unmöglich.“ In Frankfurt selbst gelten strengere Regeln. Den Goldbestand, der dort bei der Bundesbank liegt, durfte Gauweiler in Augenschein nehmen. Die Barren im Goldtresor der Bank werden regelmäßig Stück für Stück gezählt, auf Qualität geprüft und gewogen. Der Bundesrechnungshof hat „die Rechnung sowie die Wirtschaftlichkeit und Ordnungsmäßigkeit der Haushalts- und Wirtschaftsführung“ zu prüfen. „Er hat außer der Bundesregierung unmittelbar dem Bundestag und dem Bundesrat jährlich zu berichten“, heißt es in Artikel 114 des Grundgesetzes.

Dass die Prüfer nun auch auf die Goldreserve im Ausland schauen, befeuert Gauweiler: „Es ist ein großer Unterschied, ob die Bundesbank physische Goldbestände in ihren Tresoren hat oder ob es sich nur um Goldforderungen handelt. Wenn derjenige, an den sich die Forderungen der Zentralbank auf Herausgabe richten, das Gold bei Fälligkeit der Forderung nicht mehr zurückgeben kann, haben wir ein Problem.“

Und Gauweiler macht noch ein ganz anderes Fass auf: „Es ist aus der Zeit gefallen, dass wir einen derart großen Anteil unserer Goldreserven im Ausland lagern. Als der Russe vor der Tür stand, war das ja noch plausibel.“ Sein junger Freund Philipp Mißfelder, studierter Historiker, will da mithalten: „Das ist ein Relikt des Kalten Krieges.“

Der FDP-Finanzexperte Hermann-Otto Solms dagegen lobt „die Vorzüge einer gewissen dezentralen Lagerung der Goldreserven. Das kann nicht falsch sein.“ Sollten die Goldbarren jetzt aus der Fed-Bank in New York abgezogen werden, sei das wiederum „ein völlig falsches, von Misstrauen geprägtes Signal“. Solms ist regelrecht erleichtert, „dass weder die Goldreserven noch die Notenpresse in der Verfügungsgewalt von Parlamentariern liegen“.

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