Guter Nachwuchs wird in allen Ausbildungsbetrieben benötigt – auch wenn es die jungen Menschen derzeit eher in Berufe mit klimafreundlichen Tätigkeiten zieht. Foto: Imago/Westend61/Christian Vorhofer

Die Bundesagentur für Arbeit zieht eine gemischte Arbeitsmarktbilanz: Es gibt deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Um die Lücken zu füllen, kommt es zunehmend auf junge Migranten an.

Die Signale vom Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg sind auf den ersten Blick ungünstig: Es gibt mehr Bewerberinnen und Bewerber, aber zugleich weniger betriebliche Ausbildungsstellen. Das bedeutet aber vor allem, dass die „Lücke“ etwas kleiner geworden ist. Trotz der Rezession bleibt es ein sogenannter Bewerbermarkt mit deutlich mehr Stellen als Anwärtern.

 

Dies sind zentrale Erkenntnisse der Bundesagentur für Arbeit nach dem Start des neuen Ausbildungsjahres. Erkennbar ist auch: Die berufliche Bildung wird wieder beliebter, was angesichts des Fachkräftemangels Hoffnung macht. Und ausländische Azubis gewinnen an Gewicht. Ein Überblick.

Mehr Bewerberinnen und Bewerber

Im aktuellen Ausbildungsjahr ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um 4,1 Prozent gemessen an 2022 gestiegen – konkret auf 52 768. „Das zeigt die zunehmende Attraktivität der beruflichen Bildung für junge Menschen“, sagt die Regionalchefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Martina Musati, unserer Zeitung. Wer eine Ausbildungsstelle suche, habe in Baden-Württemberg ein vielfältiges Angebot und sehr gute Chancen.

Dass die berufliche Ausbildung beliebter wird, zeigt auch ein Vergleich: Die Zahl der Jugendlichen, die 2024 die Schule verlassen haben, ist nur um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die wachsende Attraktivität der Ausbildung sieht Musati von Studien bestätigt, wonach sie für fast vier Fünftel der Schüler eine Option sei.

Mehr ausländische Bewerber

Ein klarer Anstieg von fast zehn Prozent ist bei Bewerbern mit ausländischem Pass im Südwesten zu verzeichnen: Nach 11 539 im Vorjahr wurden nun 12 675 junge Migranten erfasst. Ihr Anteil an allen Anwärtern ist von 22,2 auf einen Rekordwert von 24 Prozent gestiegen, weil zugleich der Anteil der deutschen Bewerber leicht auf 40 093 gesunken ist. In absoluten Zahlen betrachtet gab es gleich nach der Flüchtlingskrise 2015/2016 aber schon mal mehr Nachwuchs mit ausländischem Pass, nämlich mehr als 15 000.

Dass mehr Jugendliche aus aller Herren Länder die deutsche Schule verlassen und einen Ausbildungsplatz suchen, sieht Musati positiv. Allerdings habe sich ihr Anteil bei den „unversorgten Bewerbern“ gravierend erhöht. Dies zeigt: Migranten können von der guten Lage auf dem Ausbildungsmarkt noch nicht so stark profitieren. Hier werde mit der „assistierten Ausbildung“ angesetzt, um Jugendliche mit Startschwierigkeiten sowie Unternehmen mit Bedarf an Fachkräftenachwuchs besser zusammenzubringen.

Ein gutes Viertel der jungen Ausländer haben einen Status als Geflüchtete. Die häufigsten Nationalitäten sind Syrien (1744), Ukraine (1023), Türkei (955), Italien (938) und Rumänien (872). Unter den Ukrainern haben 417 eine Ausbildung begonnen.

Weniger betriebliche Ausbildungsstellen

Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsstellen ist um 3,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und 3,1 Prozent gegenüber 2022 gesunken – aktuell sind es 75 259 nach 77 580 vor einem Jahr. Was den Schwund auslöst, wird nicht statistisch erfasst. Intern nennen Unternehmen laut der BA häufig konjunkturelle Gründe, und sie verweisen auf wenig motivierende Erfahrungen. Weil ausgeschriebene Stellen in den Vorjahren nicht besetzt werden konnten, werden nun weniger angeboten. Musati lobt die Unternehmen dennoch: Sie seien weiterhin sehr bereit, in die Ausbildung zu investieren.

Mehr unversorgte Bewerber

Musati sorgt sich, weil die Anzahl der Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben und noch suchen, um vier Prozent auf rund 6200 angestiegen ist. Innerhalb dieser Gruppe hat sich vor allem die Zahl derer, die noch keine Alternative haben, deutlich erhöht – 1500 Bewerberinnen und Bewerber machen rund ein Viertel der aktuell noch suchenden Jugendlichen aus. Die Zahl der Unversorgten hat um 31,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und 47,5 Prozent im Vergleich zu 2022 zugelegt. Drei Viertel bewegen sich im Übergangssystem, etwa um den Schulabschluss zu verbessern oder die Ausbildungslosigkeit zu überbrücken.

Die Gründe sind vielschichtig. Grundsätzlich gilt: Je schlechter das Zeugnis, desto geringer sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Auch die Zuwanderung hat ihren Anteil: Von den hier Schutzsuchenden verlassen nun mehr Jugendliche die Schule und suchen eine Lehrstelle, wobei sie nicht selten an Grenzen stoßen.

Druck auf berufliche Orientierung

Die Arbeitsagentur versucht die Probleme mit einem erweiterten Instrumentarium auszugleichen. Beispiel: Wenn sich die Ausbildungsstelle nicht am Wohnort des jungen Menschen befindet, kann es seit kurzer Zeit einen Mobilitätszuschuss geben. Zusätzlich sollen mit Praktika oder Einstiegsqualifizierungen die Blicke verstärkt auf das Ausbildungsangebot vor Ort gelenkt werden.

„Es ist wichtig, möglichst viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger in eine Ausbildung zu bringen und ihnen passgenaue Unterstützung beim Übergang in den Beruf zu bieten“, betont Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Ein Schlüssel liege in der beruflichen Orientierung. Bei der Vielzahl von Möglichkeiten sei es wichtiger denn je, eine professionelle Hilfestellung im Berufswahlprozess zu geben. „Es muss uns noch besser gelingen, die Vorteile der Ausbildung zu verdeutlichen und Verunsicherungen mit Blick auf die eigenen Karrierechancen aus dem Weg zu räumen.“

Ähnlich äußerte sich BA-Regionalchefin Martina Musati: „Wenn Schülerinnen und Schüler sich nicht gut beruflich orientiert fühlen, liegt dies nicht am mangelnden Angebot.“ Die Frage sei eher: „Sind es die richtigen Angebote?“ Gerade bei den Praktikumswochen sieht sie „deutlich Luft nach oben“. In diesem Jahr hätten mehr als 7700 Schüler die Vielfalt der Berufe erleben können. „Die Teilnehmerzahlen steigen, aber da ginge noch mehr.“ Auch die Elternabende könnten besser genutzt werden, denn Eltern seien „nach wie vor die Berufswahlinstanz Nummer eins, gefolgt von den Lehrern“.