Die Familie Scharr feiert 90 Jahre Büromarkt in Stuttgart. Der Chef Thomas Scharr aus Korntal-Münchingen hat eine klare Philosophie, um im hart umkämpften Markt zu bestehen.
Als junger Mann wollte Thomas Scharr als Betriebspsychologe in Unternehmen arbeiten. Aus dem Berufstraum ist nichts geworden. Wenngleich dem 63-Jährigen die Kenntnisse aus dem Psychologiestudium zupass kommen bei dem Job, den er nun seit Jahrzehnten ausübt: Thomas Scharr leitet den gleichnamigen Büromarkt in Stuttgart-Weilimdorf. Mit zehn Angestellten – und mit Leidenschaft, erzählt er.
Anfang der 1990er Jahre übernimmt Thomas Scharr mit seinem Zwillingsbruder Andreas den Familienbetrieb. Beide haben BWL studiert und danach Psychologie. Letzteres Studium haben sie abgebrochen. Thomas Scharr lacht: „Familie verpflichtet.“ Rückblickend sei die Entscheidung, den Fachhandel fortzuführen, kein Fehler gewesen. Freilich, die Brüder hätten sich reinfuchsen müssen, „wir hatten keine Sachkenntnis“. Aber bald knüpften sie an die bisherigen Erfolge an.
Klassischer Einzelhandel muss Zusatznutzen bringen, findet Thomas Scharr
Die Zwillingsbrüder bauten vor 35 Jahren den Bürobedarf weiter aus, und jetzt feiert die Familie Scharr ihr 90-Jahr-Firmenjubiläum. Mit Büroausstattung habe man in den 1980er- und 1990er-Jahren „fett Kohle verdient“, erinnert sich Thomas Scharr, der in Korntal lebt. Diese Zeiten sind vorbei, der Fokus hat sich verändert. „Mir geht es ums Überleben und darum, den Markt zu erhalten, nicht um den Erfolg“, sagt er. Der klassische Einzelhandel müsse dem Kunden einen Zusatznutzen bringen, sonst verschwinde er. Dabei sei der lokale Handel doch so wichtig.
Thomas Scharr setzt auf Inspiration, verbunden mit der Möglichkeit für Kunden, beim Einkauf zu verweilen, etwa an der Bar. Der Unternehmer ist überzeugt: „Der Kunde braucht das Gesamterlebnis.“ Viele kämen deshalb gezielt zu seinem Büromarkt, der sich im Industriegebiet befindet.
Wer das Geschäft in der Motorstraße betritt, stößt auf eine liebevoll eingerichtete Verkaufsfläche mit viel Deko. Die Stühle stehen an Tischen, auf denen zum Beispiel Espressotassen sind, daneben oder darüber leuchtet eine Lampe. Hier zieren Postkarten eine Wand, dort duften Kerzen oder steht ein Wasserkocher aus Keramik, der alternativ als Kanne funktioniert. Im Hintergrund läuft dezente Musik.
Scharr möchte Kunden Anregungen geben und Neues entdecken lassen
„Akustik, Licht, Boden – es geht nicht nur ums Produkt“, sagt Thomas Scharr. Er wolle Anregungen geben, Neues entdecken lassen mit dem Ziel, dass ein Kunde – selbst wenn er am Ende nichts kauft – hinterher anderen von seinem Erlebnis berichtet und sie so ermuntert, auch mal in den Laden zu gehen. „Über einen Locher wird keiner was erzählen“, meint Thomas Scharr. Dafür vielleicht über den Raum mit dem 250 Jahre alten Baum samt Sitzmöglichkeiten. „Wenn ich das Gefühl habe, jemand kommt mit Muse und Zeit rein, lüfte ich unsere Geheimnisse.“ Gelingt Mundpropaganda, sei das „ein schöner Nebeneffekt“, so Scharr. Denn „natürlich lebe ich vom Verkauf“.
Dabei stellt er fest: Den Menschen tue es gut, in Dialog zu treten, Gespräche zu führen, sich auszutauschen. Kaufe man bloß noch im Internet ein, „verliert die Gesellschaft den Zusammenhalt und die schönen Momente des Einkaufs“. Glücksmomente entstünden nicht nur wegen eines günstigen Preises, sondern auch durch Aspekte wie Atmosphäre und Emotionalität, Begegnung und Beratung. Das werde Kunden bewusst, wenn sie zufrieden nach Hause kämen. „Wenn sie nicht mit einem Lächeln den Laden verlassen, haben wir etwas falsch gemacht.“
Erfolg mit Psychologie: „Ein guter Verkäufer ist ein guter Zuhörer“
Thomas Scharr sagt, er profitiere vom Wissen aus seinem Psychologiestudium. Es helfe ihm, Kunden zu verstehen; zu spüren, was sie brauchen oder brauchen könnten. Ihnen zuzuhören sei das A und O. „Ein guter Verkäufer ist ein guter Zuhörer“, findet der Korntaler. Dies führe zu einem guten Miteinander.
Mit den Jahren ist die Branche geschrumpft, wegen des Kostendrucks, des Internets, der Digitalisierung. Viele Fachhändler sind vom Markt verschwunden. Das bedauert Thomas Scharr – und das spornt ihn erst recht an, für den Erhalt des lokalen Handels zu kämpfen. Je mehr Mitbewerber verloren gingen, desto mehr werde der Rest der Branche vergessen, weil er nicht mehr wahrgenommen werde. Die Folge? „Die Verlagerung des Einkaufs ins Internet.“ Gleichwohl: Auch Thomas Scharr betreibt einen Webshop. Sein Markt ist Teil einer Genossenschaft in Köln, einem Einkaufsverbund mit riesigem Lager. Mehr als die Hälfte seiner Kunden sind Firmenkunden.
Wenige Jahre vor der Rente treibt die Zwillingsbrüder die Zukunft des Unternehmens besonders um. Thomas Scharrs drei Kinder sind in anderen Bereichen tätig. Auch in puncto Nachfolge hat der Korntaler ganz eigene Vorstellungen. Er oder sie solle mit anderen Augen hinschauen, Potenziale erst heben und dann ausschöpfen. „Ich suche jemanden, der es anders und besser macht als ich.“
Eine Familie, drei Standorte
Beginn
Mit einer Buchbinderei samt Schreibwarengeschäft in der Pforzheimer Straße in Weilimdorf fängt alles an. Im Februar 1936 gründen Elisabeth und Friedrich Scharr ihr Geschäft auf 35 Quadratmetern. Nach dem Krieg steigt der Sohn Fritz in den 1950er Jahren ins Unternehmen mit ein. Der Vater kommt aus dem Krieg nicht zurück. Die Tochter Ursula tritt ebenfalls ins Unternehmen ein, das umgebaut und erweitert wird. Die Buchbinderei wird aufgegeben, Schreibwaren, Bücher und Spielwaren bleiben.
Entwicklung
Elisabeth Scharr zieht sich zurück, Sohn Fritz und seine Frau Gertraude übernehmen. Die inzwischen 120 Quadratmeter große Verkaufsfläche wird neu gegliedert. Die Buchhandlung verdrängt bald die Spielwaren. Mangels Platz erfolgt später der Umzug ins Löwen-Center gegenüber. Auf 180 Quadratmetern wird der Bürobedarf ausgebaut und die Belieferung an Firmen abgewickelt.
Heute
Anfang der 1990er Jahre treten Thomas und Andreas Scharr ins Unternehmen ein – die ältesten von insgesamt vier Söhnen. In der Rutesheimer Straße entsteht ein Büromarkt mit einer Möbelausstellung. Das Gebäude wird abgerissen, im Jahr 2001 ziehen die Zwillingsbrüder in eigene Räume – in der Motorstraße. Neben Scharr Büromarkt gibt es nach wie vor in der Pforzheimer Straße die Papeterie und Buchhandlung, diese ist auch am Killesberg vertreten. Insgesamt sind rund 25 Mitarbeitende beschäftigt.