Ein Opfer der Bürokratie Die Stitzenburg-Apotheke muss schließen

Von Martin Haar 

Sabine Kettemann  in ihrer Apotheke   mit Mobiliar aus dem Jahr 1901: Neue   Regeln aus dem Jahr 2012 machen es   heutzutage unmöglich, hier Medizin zu verkaufen. Foto: Haar Foto:  
Sabine Kettemann in ihrer Apotheke mit Mobiliar aus dem Jahr 1901: Neue Regeln aus dem Jahr 2012 machen es heutzutage unmöglich, hier Medizin zu verkaufen. Foto: Haar

Die historische Apotheke an der Hohenheimer Straße muss zum Jahresende schließen – wegen zu viel Bürokratie und Auflagen. Seit 2009 haben in Stuttgart 35 Apotheken dicht gemacht. Bald sind es nur noch 124 im Stadtgebiet.

S-Mitte - Es ist wie eine Reise in vergangene, schöne Zeiten. Zurück ins Jahr 1901. Wer die Stitzenburg-Apotheke in der Hohenheimer Straße betritt, traut seinen Augen nicht. Selbst wenn er Stammkunde ist, wird er jedes Mal aufs Neue übermannt. Die Apothekerschränke im Jugendstil, die braunen Fläschchen und all das Zubehör. Nostalgie pur. Museal, aber in Betrieb. Doch die wohl schönste Apotheke in der Stadt schließt zum Jahresende. „Ein Jammer“, sagen die Kunden. „Einfach nur schade“, sagt die Inhaberin Sabine Kettemann. Und sie sagt: „Ich will nicht, dass es unbemerkt zu Ende geht.“

Also erzählt sie ihre Geschichte, die in vielen Facetten anderen Apotheker-Geschichten ähneln. Denn seit 2009 ist die Zahl der Apotheken um 300 auf heute noch 2460 in Baden-Württemberg gesunken. In Stuttgart verringerte sich die Zahl um 35 auf heute noch 125 Apotheken. Bald sind es also nur noch 124. Selbst ein Wunder kann daran wohl nichts ändern. Schon vor rund 22 Jahren, als Sabine Kettemann das Geschäft von ihrer Vorgängerin und Hausbesitzerin übernommen hatte, war dies eher eine Ausnahme. „Es ist nicht mehr lukrativ“, sagt der Sprecher der Apotheker-Kammer, Stefan Möbius, „die Honorare sind in den letzten Jahren nur sehr zurückhaltend angepasst worden – und das bei steigenden Ausgaben.“ Sabine Kettemann bestätigt: „Wenn ich mich irgendwo anstellen ließe, würde ich mehr verdienen.“

Online-Handel setzt Apotheken zu

Natürlich hat auch der Online-Handel, der rund 16 Prozent am Gesamtumsatz des Marktes ausmacht, seinen Anteil am Apotheken-Sterben. Vor allem die europäischen Versand-Apotheken. Denn die niedergelassenen Apotheken leben laut Kammer zu 89 Prozent vom Verkauf der verschreibungspflichtigen und preisgebundenen Medikamente. Die apothekenpflichtigen Arzneien, wie Schmerzmittel, oder das Randsortiment, können das Überleben nicht sichern. „Doch ausländische Apotheken dürfen auf verschreibungspflichtige Arznei Rabatte geben. Deshalb fordern wir von der Politik einen fairen Wettbewerb“, sagt Möbius.

Für Sabine Kettemann kommt das zu spät. „In den vergangenen Jahre haben von vier Arztpraxen in der Nähe, drei geschlossen“, sagt sie. Damit wird klar: die Quelle der verschreibungspflichtigen Medizin versiegt allmählich. Hinzu kommt: Laufkundschaft gibt es an der Hohenheimer Straße kaum. Parkplätze sowieso nicht. So wurde der Beruf des Apothekers für Sabine Kettemann zuletzt fast zu einer Passion. „Meine Hauptrolle ist eigentlich, die Menschen zu beraten. Das ist eine zutiefst befriedigende Sache“, sagt sie und weist darauf hin, dass diese Rolle in der heutigen Zeit immer wichtiger werde. Gerade weil die ärztliche Versorgung immer stärker ausdünnt.

Deshalb hätte Sabine Kettemann gerne weiter gemacht. „Die extrem zunehmenden behördlichen Bestimmungen, die die räumlichen Voraussetzungen und alle Arbeitsabläufe einer Apotheke bis ins kleinste vorschreiben, sind in den letzten Jahrzehnten gewachsenen und in den erprobten Strukturen unserer Apotheke nicht so umzusetzen, wie es von amtlicher Seite rigoros und penibel gefordert wird, es sei denn, man würde den individuellen Charakter aufs Spiel setzen.“ Stefan Möbius bestätigt: „Die zunehmende Bürokratie ist vor allem für die kleineren Apotheken ein Problem.“ Sabine Kettemann kann die ganzen „Dokumentationen“, deren Sinn sie in Frage stellt, nicht mehr leisten: „Bei der Entscheidung, wofür wir unsere Ressourcen verwenden, haben wir uns immer für unsere Kunden entschieden.“

Kunden bedauern die Schließung

Das Credo galt bis zuletzt. Bis alle Kraft aufgebraucht war, bis das Bürokratie-Monster aus ihrer Sicht nicht mehr zu bewältigen war. „Wir passen nicht ins Raster, das fängt schon bei unserer Jugendstileinrichtung an“, sagt sie etwas resigniert. Im Amtsjargon hört sich das in einer Stellungnahme des Regierungspräsidiums so an: „Die Stitzenburg-Apotheke in Stuttgart wurde laut Überwachungsplan am 18. September 2018 durch einen ehrenamtlichen Pharmazierrat überprüft. Bereits zu Beginn der Überwachung wurden zahlreiche schwerwiegende Mängel festgestellt. Unter anderem Labor und Rezeptur renovierungsbedürftig, kein Qualitätsmanagementsystem (...) kein Temperaturmanagement, vermutlich wäre eine Klimaanlage notwendig. Es wurde festgestellt, dass die Vorgaben der Apothekenbetriebsordnung, die 2012 grundlegend geändert wurde, nicht umgesetzt wurden. Der Apothekenleiterin wurde sodann mitgeteilt, dass umfangreiche Renovierungen und Maßnahmen erforderlich seien. Die Apothekerin gab an, dass sie dazu weder finanziell noch personell in der Lage sei.“ Mit anderen Worten: Aus Sicht der Ordnungsmacht ist die Apotheke aus dem Jahr 1901 einfach aus der Zeit gefallen. O-Ton Regierungspräsidium: „Der Eingang der Verzichtserklärung und die damit verbundene freiwillige Schließung der Apotheke zum 31. Dezember 2018 wurde Frau Kettemann schriftlich bestätigt.“ Dieses Schlusswort hinter Stuttgarts Apotheke 125 quittiert eine treue Kundin so: „Wir passen alle nicht mehr in diese Zeit. Man nimmt uns die Luft zum Atmen. Das Lebendige, das Menschliche geht in dieser Zeit immer mehr verloren. Wir müssen nur noch funktionieren.“

Ansprechpartner
Martin Haar
s-mitte@stz.zgs.de

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