Das private Bänkle in der Seyfferstraße im Stuttgarter Westen, das auf Drängen der Stadt weg muss. Die Bewohner verstehen es nicht. Foto: Georg Friedel

Stuttgart lebt von privaten Initiativen und dem Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Das gilt es mehr zu würdigen. Auch im Kleinen, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Kürzlich ein neues Wort gelernt: „Engagementlandschaften“. Das Schöne an der deutschen Sprache ist ja: egal, wie lange man sich darin bewegt und damit beschäftigt, sie bringt ständig neue Begriffe hervor. „Engagementlandschaften“ stehen nicht im Duden. Doch es ist zu vermuten, dass sie von Menschen bewohnt werden, die sich für andere Menschen einsetzen oder gemeinsam ein bürgerschaftliches Projekt anpacken und vorantreiben. Insofern haben „Engagementlandschaften“ auch etwas mit blühenden Landschaften zu tun.

 

Stuttgart zum Beispiel hat eine blühende Engagementlandschaft. Und es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie viele Initiativen, Gruppen, Stiftungen, Vereine, Nachbarschaften, Freundeskreise hier aktiv sind. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement bilden sie den Boden dafür, dass in dieser Stadt etwas entsteht. Denn es sind vielfach die Impulse von unten, die das Stadtleben prägen. Vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger hängt es entscheidend ab, wie lebendig eine Stadt ist – und wie sozial. Häufig bieten sie Anlaufstellen und Auffangnetze für diejenigen, die in der Leistungslandschaft nicht Schritt halten können. Wenn von dem besonderen landschaftlichen Reiz Stuttgarts die Rede ist, darf nie vergessen werden, dass die Engagementlandschaft dieser Stadt mindestens ebenso reizvoll und besonders ist.

Eine Kultur des solidarischen Umgangs pflegen

Zoomen wir uns näher heran. Dann sehen wir, dass Stuttgart aus Gemein- und Bürgersinn gebaut ist – zumindest das Stuttgart, das vielen als lebenswerte und liberale Stadt vor Augen steht. Dafür sorgen viele alteingesessene und bewährte Formen des Ehrenamtes. Aber auch spontane Initiativen wie die im Lockdown geborene Künstlersoforthilfe, denen es zuvorderst darum geht, Haltung zu zeigen und eine Kultur des guten und solidarischen Umgangs miteinander zu pflegen – gerade in Krisenzeiten. Diese Haltung leben erfreulich viele Gruppen, Vereine und Initiativen in allen Teilen der Stadt vor. Sie machen die menschliche Qualität Stuttgarts aus. Auf diese Facette der gefeierten Kulturhauptstadt weist kein Reiseführer hin. Doch sie ist elementar wichtig. Man muss sie deshalb hochhalten und schätzen.

Ein funktionierendes Stadtleben beginnt im Kleinen – in der Nachbarschaft. Wenn man beispielsweise in die Seyfferstraße im Stuttgarter Westen blickt, dann fällt auf, dass Menschen in dieser Stadt nicht nur zusammenstehen und zusammenrücken, sondern auch zusammenhocken. Und sei es auf einer schlichten Bank, die Hausbewohner auf den Gehsteig gestellt haben. Es ist eine einladende Geste. Und irgendwie passt diese kleine unspektakuläre Nachbarschaftslandschaft ja in die große Engagementlandschaft Stuttgarts; auch das hat etwas mit dem bürgerschaftlichen und sozialen Geist zu tun, aus dem die Stadt schöpft.

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Nach acht unbehelligten Jahren sind die Mitglieder dieser Nachbarschaftslandschaft jetzt allerdings jäh in eine Bürokratielandschaft katapultiert worden. Weil eine private Möblierung des öffentlichen Raums nicht zulässig ist und sich jemand an dem schmalen Möbel und den Herrschaften, die darauf sitzen, stört, muss das Bänkle von Amts wegen weg. Wie engstirnig! Das ist leider halt auch Stuttgart: eine Großstadt zwischen Liberalität und Kleinlichkeit! Der Fall wirkt umso skurriler, als die Stadtverwaltung gerade erreicht hat, dass auf dem Schlossplatz demnächst ein Riesenrad aufgestellt werden darf. Gleichzeitig wird die Königstraße fortgesetzt als Budenstraße und Rummelersatz genutzt. Was ist dagegen ein Bänkle im Westen, um sich zu treffen und zu schwätzen?!

Initiativen kann man fördern, geschehen lassen oder ersticken. Die Stadt fördert einiges. Hoffentlich bald auch die kleinen Winkel und Ecken ihrer Engagementlandschaft. Oder sie lässt zumindest geschehen, was dort entsteht und blüht.