In unserer Serie über Bürokratie haben wir den Falkenhof in Leonberg-Gebersheim besucht. Ohne Schreibarbeit würde der Betrieb eine Halbtagskraft sparen.
Der Falkenhof liegt auf einer flachen Bodenwelle, von der aus man nach Gebersheim schauen kann, wo der Milchbauer Hans-Georg Schwarz herkommt, und wo er mal die Augen oder das Gemüt ausruhen könnte. Wenn er es schafft, von seinem Kuhstall oder dem Computer-Bildschirm wegzukommen.
Die Bürokratie in der Landwirtschaft ist seit 1990 etwa um das 20-fache gestiegen, und zwar in eine Größe, in der Hans-Georg Schwarz eine Halbtagskraft beschäftigen muss, um den ganzen Schreibkram zu erledigen.
„Ich habe oft gedacht, ich verzichte auf die Agrarbeihilfen, bloß damit ich meine Ruhe habe und nicht immer diese Statistiken führen muss“, sagt Hans-Georg Schwarz resigniert. Aber er denkt, ohne die Eingliederung in das bürokratische System würde er es wohl nicht schaffen, jemals einen Anbau oder einen Stall im Außenbereich genehmigt zu kriegen, wenn er die Gebäude braucht.
Gegen zehn Uhr kauen die Kühe an ihrem Futter, das vor ihnen in zwei langen Gassen liegt. Hans-Georg Schwarz spielt mit einer Kuh und lässt sich von ihr die Hand beschnuppern. Dann geht er in einen Aufenthaltsraum mit Theke und Bierbank.
Bei jedem Ortswechsel winkt das Formular
„Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare“, seufzt er, und damit meint er den Lebenslauf einer Kuh: Wenn sie auf die Welt kommt, ist der erste Verwaltungsakt die Ohrmarke, dann muss er sie ins Melderegister einpflegen, dann bekommt er einen Tierpass ausgedruckt, in dem jeder Ortswechsel dokumentiert sein muss, und sei es nur der eine Tag, in dem das Tier auf dem Viehmarkt ist. Das System ist so unglaublich pedantisch, dass er sogar eine Kuh ummelden muss, wenn er sie in seinen eigenen gemieteten Stall nach Rutesheim bringt, denn der ist nicht in Gebersheim, und Gebersheim und Rutesheim haben andere Ortsnummern. Zwei bis drei Stunden pro Woche braucht er alleine für das Tiermeldewesen.
Damit ist es natürlich nicht getan. Wenn ein Tier krank wird, dann muss er nachweisen, welcher Tierarzt welches Mittel zu welchem Zweck, wann, wo und wie verabreicht hat. Außerdem muss er Futterproben aufbewahren, falls durch das Futter irgendein Schadstoff in die Milch gelangt. Und da gibt es noch so einen Papiertiger, das ist der Antrag, den er braucht, wenn er an günstigen Agrardiesel kommen will. „Warum macht man das nicht so wie in Frankreich und lässt unsere Fahrzeuge mit Heizöl fahren? Das ist doch genau der gleiche Stoff, nur eben anders eingefärbt!“ Hans-Georg Schwarz schüttelt den Kopf.
Jedes Gramm Dünger muss dokumentiert werden
Neben seinen 420 Kühen kommen noch 120 Hektar Fläche dazu, auf denen er Futtergetreide produziert. Hier macht ihm die sogenannte Schlagkartei zu schaffen. Für jeden einzelnen Acker muss er genau dokumentieren, welches Pflanzenschutzmittel er an welchem Tag in welcher Dosis zu welchem Zweck eingesetzt hat, und mit dem Dünger geht es genauso. Und diese Statistik muss er zeitgleich führen. Mittlerweile kann er das Ganze elektronisch direkt im Traktor machen, aber: „Es kostet halt Zeit“.
Was ihm von allen Verordnungen am rätselhaftesten erscheint, ist die sogenannte Stoffstrombilanz: Er muss nachweisen, welche Nährstoffe, wie Tierfutter oder Heu, auf den Hof geliefert werden und wie viele Nährstoffe den Hof in Form von Milch und Fleisch verlassen.
Fachliche Ausbildung müsste reichen
Hans-Georg Schwarz sagt, dass jeder Bauer, der seine fünf Sinne beisammen habe, nicht mehr düngen würde als notwendig, schließlich kostet der Dünger Geld, und er würde auch nicht seine Tiere schädigen, denn mit ihnen macht er seinen Umsatz: „Die fachliche Ausbildung, die ich habe, reicht aus, um meine Betriebsmittel richtig einzusetzen“.
Der Eindruck, der bei dem Gespräch im Aufenthaltsraum entsteht, ist der, dass der Falkenhof ein durch und durch gläsernes Unternehmen ist. Würde man das auf eine Metallwarenfabrik übertragen, dann wäre es so, als müsste das Unternehmen jede Schraube, die es reindreht, dem Wirtschaftsministerium melden, und für jeden Kochtopf einen Pass benötigen, der jeden Ortswechsel dokumentiert, einschließlich eines Verwaltungsaktes für die Verschrottung.
Und dann kommt noch die Finanzbuchhaltung. . .
Trotz alledem: Hans-Georg Schwarz macht seine Arbeit gerne. Ihm macht es Spaß, den Betrieb zusammen mit seiner Familie zu führen und seinen Kindern etwas zu hinterlassen, auf das sie stolz sein können. Er steht auf, packt seine Ordner ein und trägt sie zurück in das Büro neben dem großen Milchtank.
„Ach ja“, sagt er, und hält kurz inne, „dazu kommt natürlich noch die ganze Finanzbuchhaltung.“
Bürokratie im Kreis
Serie
In unserer Reihe über Bürokratie im Kreis porträtieren wir Ämter, Betriebe und Personen, die von überbordender Bürokratie beeinträchtigt werden.
Landwirte
In Baden-Württemberg gibt es rund 37 500 landwirtschaftliche Betriebe, rund 4770 davon haben auf ökologische Landwirtschaft umgestellt.