Dank der digitalen Transformation können Orte der Produktivität heute überall entstehen. Für Unternehmen sind deshalb Räume wichtig, mit denen sich Mitarbeiter identifizieren ... Foto: arper

Wie werden unsere Arbeitsumgebungen nach Corona aussehen? Barbara Benz, Geschäftsführerin des Einrichtungsunternehmens architare, spricht über den Umbruch in der Arbeitswelt und wie sich dieser auf die Gestaltung von Firmengebäuden und Büroräumen auswirken wird.

Frau Benz, Ihr Unternehmen architare plant und entwirft Wohnräume für den privaten Wohnbereich, aber auch Büros für Unternehmen jeder Größe. Was sind Ihre Beobachtungen? Inwiefern hat die Corona-Pandemie unsere Arbeitswelt verändert?

Eine der größten Veränderungen von Covid-19 war natürlich, dass die Mitarbeiter zahlreicher Unternehmen über Monate im Homeoffice gearbeitet haben. Dabei erlebten sowohl die Chefetagen als auch viele Mitarbeiter, wie produktiv und effektiv das mobile Arbeiten sein kann. Hier wirkte Corona wie ein Katalysator. Viele Vorurteile haben sich in Luft aufgelöst und das Potenzial der mobilen Arbeit trat in den Vordergrund.

Brauchen wir das Unternehmen überhaupt noch als Arbeitsplatz?

Ja, auf jeden Fall. Von vielen Kunden, ob mittelständisches Unternehmen oder Großkonzern, hören wir gerade, dass es die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kaum erwarten können, nach der sehr langen Zeit im Homeoffice ins Büro zurückzukehren und ihre Kollegen und Kolleginnen zu treffen. Denn Unternehmen sind ja viel mehr als nur der Ort, an dem gearbeitet wird. Sie sind auch ein Sozialsystem. Hier pflegen die Mitarbeiter die Beziehungen zu ihren Kollegen, führen auch mal private Gespräche und erfahren Wertschätzung und Respekt. Zudem sind Unternehmen Orte der Kommunikation, Identifikation und Ideenentwicklung – und das werden sie in Zukunft noch in sehr viel stärkerem Maße werden.

Wie sehen Firmen und Arbeitsräume aus, die die Kommunikation und Ideenentwicklung fördern und beschleunigen?

Noch vor 15 Jahren hat man als Ort für Produktivität den Schreibtisch der einzelnen Person gesehen. Die digitale Transformation hat uns hier aber schon seit längerer Zeit neue Möglichkeiten geschenkt. Viele Unternehmen haben bereits in den vergangenen Jahren ihre Organisation neu strukturiert und das zonale Arbeiten eingeführt. Hier gibt es Orte für unterschiedliche Tätigkeiten: für das Zusammenkommen, für das laut Sprechen, für die stille Arbeit und für das Führen von vertraulichen Verhandlungen. Und es gibt Raum für zufällige Begegnungen. Bill Gates hat übrigens schon vor mehr als 20 Jahren in den Büros von Microsoft Toiletten immer nur auf einem Stockwerk geplant, damit die Leute sich bewegen. Studien zeigen, dass Unternehmen, die viel Fläche für zufällige Begegnungen haben, innovativer sind und sogar einen geringeren Krankheitsstand haben.

Und dieser Raum für zufällige Begegnung bekommt nun einen noch größeren Stellenwert?

Ja, ganz genau. Hintergrund ist, dass viele Unternehmen heute vor der Herausforderung stehen, ihre Innovationsprozesse beschleunigen zu müssen. Hierfür muss die Zusammenarbeit innerhalb eines Teams, aber auch der Teams untereinander verstärkt werden. Zudem sollten Entscheider für die Mitarbeiter ansprechbar sein.

Welche Räume bieten sich hierfür an?

Mittelpunkt der Firma kann zum Beispiel eine große Cafeteria sein. Diese fungiert wie ein öffentlicher Marktplatz. Das heißt, hier gibt es nicht nur einen ausgezeichneten Kaffee, Snacks und frisches Obst, sondern auch viel Platz für informelle Interaktionen. Konkret kann das bedeuten, wenn sich hier Mitarbeiter am Morgen zufällig begegnen, dann tauschen sie sich vielleicht zunächst über ihre Wochenendpläne aus, kommen dann aber auf anstehende Projekte zusprechen. Vertiefen sie hier ihre Kommunikation, können sie ihre Gespräche an Stehtischen oder in einer gemütlichen Lounge-Ecke fortführen. Für einen Automobilkonzern hat architare eine Kantine gestaltet, die mit Cafeteria und coolem Lounge-Bereich auch eine junge, urbane Zielgruppe anspricht. Ziel war es, auf dem weitverzweigten Firmengelände ein neues Zentrum zu kreieren und den Austausch und die spontanen Gespräche unterschiedlichster Abteilungen zu fördern.

Das Prinzip Zufall bringt also Erfolge?

Ja, auch das bestätigt die Forschung. Viele Innovationen lebten und leben vom Zufall. Neue Innovationsmethoden wie das sogenannte Design Thinking berücksichtigen das. Sie fördern das Generieren von Hunderten spontaner Ideen im Gegensatz zur Ausgestaltung einer einzigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei die eine wegweisende Idee dabei ist, ist eben größer. Auch weil die Ideen 50 bis 100 meist viel revolutionärer sind als die ersten zehn.

Welche Räume gibt es neben dem öffentlichen Marktplatz noch?

Das kommt natürlich immer auf das Unternehmen und die jeweiligen Arbeitsabläufe an. Neben dem öffentlichen Bereich kann es einen semi-öffentlichen Bereich geben, in dem die einzelnen Teams miteinander arbeiten – und einen Bereich für die Stillarbeit. Dieser Bereich wird in Zukunft wahrscheinlich vermehrt auf das Homeoffice ausgedehnt werden.

Ist das Homeoffice aber nicht auch eine Art Einzelbüro?

Ja, das kann man durchaus vergleichen. Daher ist es auch so wichtig, es in ein Gesamtkonzept zu integrieren und den digitalen Austausch zu institutionalisieren. Dann wird das Homeoffice zu einer Art externen Ausdehnung des Unternehmens, das insbesondere für konzentriertes Arbeiten geeignet ist.

Wie wichtig ist hochwertiges Design für gutes Arbeiten?

Wir sind uns sicher, dass gutes Design, zu dem Qualität, hochwertige Materialien, eine durchdachte Ergonomie, aber auch Lärmschutz gehören, extrem wichtig ist. Denn nur so kann das Büro zu einem einzigartigen Ort werden.

Und zu einer Arbeitsumgebung, mit der sich die Mitarbeiter identifizieren?

Genau, denn längst ist bewiesen, wie wichtig gut gestaltete Büroräume bei der Identifikation mit einem Unternehmen sind und welche Bedeutung sie beim sogenannten „War for Talents“ spielen. Was zum jeweiligen Unternehmen passt, ist natürlich ganz individuell. Das Start-up setzt vielleicht auf Spanplatten-Charme, die renommierte Anwaltskanzlei auf hochwertige Lederstühle und Schreibtische aus edlem Nussbaumholz.

Wie finde ich als Firma und Unternehmen heraus, welche Arbeitsplätze und Räume ich brauche?

In Gesprächen und Workshops lernen wir die Kultur und Prozesse eines Unternehmens kennen und finden heraus, was wirklich gebraucht wird. Erst dann beginnen wir bei architare mit der eigentlichen Planung und kreieren ein Konzept, das auf die Bedürfnisse und individuellen Arbeitsabläufe abgestimmt ist. Dabei unterscheiden sich die Projekte natürlich. Multispaces mögen für eine kreativ arbeitende Designabteilung sinnvoll sein, für ein Anwaltsbüro eher nicht. Und für einen Headhunter oder Anlageberater, die Einzelgespräche mit Bewerben und Kunden führen, passt das schon gar nicht. Aber vielleicht schätzen sie eine Bibliothek mit bequemen Lounge-Chairs, in der sie den Kopf freibekommen und sich mal mit Kollegen austauschen können.

Nicht jeder sucht ja auch eine Revolution am Arbeitsplatz

In diesem Fall kann man einfach mal irgendwo anfangen, mal etwas auszuprobieren und dann anzupassen. Vielleicht werden Räume frei, weil Mitarbeiter jetzt vermehrt im Homeoffice arbeiten möchten und man stellt hier einen Tischkicker auf oder richtet eine hochwertige Lounge-Area ein, in der auch gearbeitet werden kann. Schon mit kleinen Änderungen senden Firmen ein positives Signal an ihre Mitarbeiter, wenn diese zurückkehren.

Info: Office-Projekt geplant? Das architare Workspace Consulting Team erarbeitet zusammen mit den Kunden ein stimmiges Bürokonzept. Diese Referenzen der erfahrenen Einrichtungsexperten bringen sicher zudem Inspiration.