Das Thema Nahversorgung lag Sigrid Beckmann besonders am Herzen. Im September 2016 eröffnete sie zusammen mit dem Stadtteilmanager Torsten von Appen den ersten Wochenmarkt im Dachswald. Später wurde dieser wieder eingestellt. Foto: Alexandra Kratz

Sigrid Beckmann hat ihr Amt als Vorsitzende des Bürgervereins Dachswald niedergelegt. Eine Nachfolge gibt es nicht. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum jetzt Schluss ist.

Dachswald - Die 13 gilt als Unglückszahl. Im Fall des Bürgervereins Dachswald ist es aber wohl eher die 113. Denn nach so vielen Jahren endet seine Geschichte. 1908 hatte er sich als Obstbauverein gegründet. Der Verein habe eine lange und wechselvolle Geschichte, schreibt der einstige Vorsitzende Alfred Marek in einer kleinen Broschüre, die anlässlich des 90-jährigen Bestehens herausgegeben wurde. „Aus den Umbenennungen wird auch die Umwandlung des Dachwaldgebiets, das zur Gründungszeit ein Garten- beziehungsweise Obstbaugebiet war, zu einem immer dichter überbauten Wohngebiet ablesbar“, heißt es in Alfred Mareks Vorwort.

 

Seit 1967 ist es der Bürgerverein Dachswald. Und seit Ende der 80er Jahre gibt es das Logo mit dem Dachskopf und dem Namen Dachswald in einem Kreis. Ein Mitglied hatte es von einer Frankfurter PR-Agentur entwerfen lassen. Der Verein „verfolgt das Ziel, die vielfältigen Interessen der Bürger zu vertreten und zu fördern. Der Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität des Wohngebiets dienen alle seine Bemühungen, voran die Landschaftspflege und der Naturschutz, der Umweltschutz und die Pflege der Nachbarschaft“, schreibt Alfred Marek.

Am Anfang ihrer Amtszeit ging es vor allem um den Verkehr

So hat es auch Sigrid Beckmann immer gesehen. Viele Jahre lang war sie im Bürgerverein aktiv, und viele Jahre als Vorsitzende. Als junge Mutter sei sie eingetreten – weil ihr Elternhaus sie so geprägt habe, weil sie etwas Zeit übrig gehabt habe, vor allem aber, weil sie sich für das Allgemeinwohl habe engagieren wollen. Damals ging es vor allem um den Verkehr. Beckmann kämpfte für eine Tempo-30-Zone und dafür, dass der Dachswald aus dem Vorbehaltsstraßennetz herausgenommen wird. Sie und ihre Mitstreiter setzten sich für breitere Bürgersteige, sichere Schulwege und eine besser Bustaktung ein. Oft musste der Dachswaldverein dicke Bretter bohren. Doch immer wieder konnte er auch Erfolge feiern. Wichtig waren dem Verein zudem Kulturveranstaltungen vor Ort im Sinne der Nachbarschaftspflege.

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Doch mit ihrem letzten großen Projekt ist Sigrid Beckmann gescheitert. Sie wollte wieder einen Laden im Ort haben, um die Nahversorgung im Dachswald zu sichern. Es gab einen Vorschlag. Ein Investor bot an, im Zuge eines Neubaus am Knappenweg auch einen Laden mit 100 Quadratmetern Verkaufs- und 40 Quadratmetern Lagerfläche zu realisieren. Doch der Entwurf war mit dem gültigen Bebauungsplan nicht zu vereinbaren, das Baurechtsamt lehnte ab. Noch heute findet Beckmann, dass die Verwaltung im Sinne des Allgemeinwohls eine andere Lösung hätte finden müssen. Was es dann gab, war ein kleiner Wochenmarkt, doch der wurde von der Bevölkerung nicht angenommen. „Es war utopisch, dass das Konzept aufgeht. Das Angebot war begrenzt, und die Zeiten waren ungünstig“, resümiert Beckmann.

Hürden für das Ehrenamt

Ein neuer Laden war Sigrid Beckmann auch deshalb immer so wichtig, weil sie davon überzeugt ist, dass ein solcher als Treffpunkt die Bevölkerung zusammenhält. Seit das kleine Lädle von Waltraud Ohr zugemacht habe, sei es im Dachswald anonymer geworden. Das Soziale, das Miteinander, für das der Bürgerverein stehe, sei verloren gegangen.

Sie sei frustriert, gibt die langjährige Vorsitzende zu. In den vergangenen Jahren sei sie mit ihren Anliegen bei der Stadtverwaltung immer häufiger gegen Betonwände gelaufen. „Heute muss man wegen allem einen Antrag schreiben, dann braucht es ein Gutachten und dann noch ein anderes Gutachten. Das alles dauert und erschwert das Ehrenamt. Da verliert man die Lust.“

Niemand wollte für den Vorsitz kandidieren

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich der Bürgerverein Dachswald nun auflöst. „Ich habe schon vor langer Zeit angekündigt, dass ich mein Amt zur Verfügung stelle“, betont Beckmann. Sie habe es lange genug gemacht, und ihre private und berufliche Situation habe sich verändert, begründet sie ihre Entscheidung. Doch es habe sich kein Nachfolger gefunden. Daher habe die Mitgliederversammlung im Juli einstimmig beschlossen, dass sich der Verein auflöst.

„Mir tut das schon weh. Es sind immerhin 113 Jahre, die ich hier zu Grabe trage“, sagt Beckmann. Sie sei deswegen auch persönlich angegangenen worden, habe einige böse Anrufe bekommen. Aber auch von den Anrufenden habe keiner das Amt übernehmen wollen. Die Mitgliederzahlen waren seit Jahren rückläufig. Angefangen bei 250, waren es zuletzt gut 100 Interessierte weniger. Manche Dinge seien ein Auslaufmodell, hätten keine Zukunft mehr, sagt Isolde Karpenstein. Das langjährige Mitglied des Bürgervereins Dachswald ergänzt: „Wenn die Jungen irgendwann wieder Lust haben auf so einen Verein, dann können sie einen neuen gründen. Wir unterstützen sie.“