Die Vier von der Plauderzentrale: Michaela Klein, Hans Nau, Renate Voigt und Katja Simon (von links). Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mit ihrer Aktion Plaudertelefon verbandelt die Bürgerstiftung Ehrenamtliche und vorwiegend ältere Menschen, die wegen Corona besonders isoliert sind: 100 Plauderpaare haben bisher so zusammen gefunden.

Stuttgart - Immer mittwochs gegen elf Uhr ist die Telefonleitung von Peter Schmidt besetzt. Da unterhält sich der 70-Jährige mit seinem Gesprächspartner, den er über das Plaudertelefon der Bürgerstiftung kennengelernt hat. „Um diese Uhrzeit ist es fast zwangsläufig, dass wir auch aufs Essen zu sprechen kommen“, erzählt Schmidt lachend. Kochrezepte tauschen die beiden aus. Dabei hat sich herausgestellt, dass sein Gegenüber ein exzellenter Pilzkenner und äußerst belesen ist: Deshalb spielen neben dem Appetit aufs Mittagessen wissenschaftliche Themen eine große Rolle bei ihren Gesprächen. Seit Januar stehen sie in Kontakt. Da hatte Schmidts Plauderpartner die Initiative ergriffen und die Nummer angerufen, unter der Kontakte vermittelt werden. „Ich hatte zu Weihnachten von der Arbeiterwohlfahrt ein kleines Geschenk erhalten, und da war Werbung für das Plaudertelefon dabei“, erzählt er.

130 Ehrenamtliche stehen bereit

Die Coronapandemie hat viele Ältere sowie Menschen mit gesundheitlichen Risiken oder einer Behinderung sozial völlig isoliert. Keine Besuche, keine Spaziergänge, keine Treffen im Bekanntenkreis, keine Selbsthilfegruppe – und viele der älteren Betroffenen haben kein Internet: das macht die Isolation noch drastischer. 130 Ehrenamtliche – darunter viele junge Leute – haben sich bei Katja Simon, der Leiterin der Plauderzentrale, für die Aktion gemeldet. „Die Altersspanne reicht von 17 bis 86“, berichtet sie. Sie alle wollen Ablenkung und ein wenig Fröhlichkeit in die Welt der ans Heim gefesselten Menschen bringen – via Telefon.

100 Gesprächspaare haben sie und ihr Team mit Michaela Klein, Hans Nau und Renate Voigt seit dem Start im Dezember zusammengebracht, und das mit viel Fingerspitzengefühl. So wie Schmidt und seinen 67-jährigen Gesprächspartner, der aus gesundheitlichen Gründen während der Pandemie das Haus nicht verlassen darf und der kaum familiäre Verbindungen hat. Die Krankheit bestimmt seinen Tagesablauf.

Er wollte nicht mit einem jüngeren Menschen in Kontakt treten, und deshalb verbandelte ihn Katja Simon mit Peter Schmidt, mit dem er auch seine Alltagsprobleme besprechen kann. „Keine Ahnung, wie er aussieht! Ich weiß nur, dass er größer ist als ich. Er hat mal gesagt, er sei über 1,90“, sagt Schmidts Plauderpartner, und das genügt ihm auch. Über das Telefonieren hinaus, bestehen keine persönlichen Kontakte zwischen ihnen.

Persönliche Schicksale verbinden

Ganz anders ist das bei Luise Koch (Name geändert) und ihrem Telefonkontakt: Bei beiden sind die Ehepartner vor Kurzem verstorben, und so hat die Trauer zwischen ihnen eine intensive Verbindung geschaffen. „Bei mir ist es schon etwas länger her“, sagt die 78-jährige Ehrenamtliche. „Da kann ich ihm zeigen, wie ich es geschafft habe, wieder voranzukommen“, sagt sie. Und deshalb haben die beiden verwitweten Menschen kürzlich bei Luise Kochs Plauderpartner den Kleiderschrank der verstorbenen Ehefrau ausgeräumt.

Alle Plauderpartnerschaften basieren auf gegenseitigem Geben und Nehmen: Josphine Hochbruck und Hilde Krancioch beispielsweise sind ein ungleiches Paar: Die eine 23 Jahre alt und gerade fertig mit dem Studium, die andere ist 72 und nicht mehr gut zu Fuß. Sie vermisst die Aktivitäten, die ihr wichtig waren: Den Besuch im Thermalbad, die Ausflüge mit der Freundin, die vor kurzer Zeit gestorben ist, Stadtbummel und der Besuch im Café. „Ich freue mich so sehr, dass ich mich jetzt mit einer jungen, so interessierten Frau unterhalten kann“, sagt sie. Und die betont ihrerseits: „Wir sind auf einer Linie: Wir diskutieren über so vieles – Rassismus, Fremdenfeindlichkeit – und natürlich über Corona. Meine Plauderpartnerin liefert mir oft sehr gute Argumente. Es macht mir Spaß, mich mit ihr zu unterhalten.“ Gleich beim ersten Anruf seien sie vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, berichtet Hilde Krancioch. „Die Trübsal war weg“. Es hatte gefunkt. „Es bringt mir viel, mit älteren Menschen zu reden. Das stärkt mich in meiner eigenen Lebenserfahrung“ – diese Erfahrung hat die junge Frau motiviert, als Ehrenamtliche beim Plaudertelefon mitzumachen. Sie versteht es als Kontaktbörse – und so ist es auch gedacht: Kein Sorgentelefon, sondern ein Austausch für beide Seiten.

Kontaktsuche ist für manche schwierig

So sehen es auch die beiden Seniorinnen, die zwar in benachbarten Stadtteilen wohnen, sich aber ausschließlich an ihre Telefonkommunikation halten. Die Ehrenamtliche lauscht den Erzählungen ihrer Plauderpartnerin, die die halbe Welt bereist hat. Und nebenbei haben sie entdeckt, dass sie früher bei denselben Konzerten der Bachakademie waren. Für beide ist es selbstverständlich, dass sie auch nach Corona in Kontakt bleiben und dann vielleicht auch mal zusammen spazieren gehen werden.

Katja Simon weiß, dass es für diejenigen, die gerne angerufen werden wollen, oft eine Überwindung ist, sich bei ihr zu melden: „Es ist nicht einfach, sich als einsam zu outen.“ Häufig braucht es den Anstoß – durch den Arzt oder die Ärztin, durch Nachbarn oder den Pflegedienst.

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