Neulich auf dem Amt: „Ich bin nicht dafür zuständig Ihnen zu sagen, wer dafür zuständig ist Ihnen zu sagen, wer zuständig ist.“ Foto: Karsten/tooonpool.com

Die Verwaltung des Landes kann und muss besser werden. Estland macht vor, wie es geht, meint Redakteur Daniel Gräfe.

Stuttgart - Viele Delegationen pilgern derzeit nach Estland. Wenn das Silicon Valley für neue Technologien und Geschäftsmodelle steht, ist Estland der Inbegriff der schlanken digitalen Verwaltung. In Estland können die Bürger Amtsgänge schnell per Computer erledigen, spielend leicht Verträge abschließen und die Verwendung ihrer persönlichen Daten einsehen. Es wäre viel zu bequem, darauf zu verweisen, dass allein Baden-Württemberg achtmal mehr Einwohner hat. Der kleinste Baltenstaat kann auch für die hiesige Verwaltung Vorbild für Reformen sein, wenn man Bürgernähe ernst nehmen will. Denn in der digitalen Welt spielt die Größe eines Landes kaum noch eine Rolle.

Bei der digitalen Verwaltung liegt Deutschland im EU-Vergleich im hinteren Drittel. Schon deshalb sollte man sich in puncto Digitalisierung gewaltig strecken. Dabei geht es nicht einmal darum, das estnische System komplett zu kopieren. Schon Teile daraus könnten zu mehr Innovationen verhelfen. So ist der deutsche Personalausweis mit so wenigen Funktionen ausgestattet, dass kaum jemand sie freigeschaltet hat und sie nutzt. Das Recht, den Zugriff auf die persönlichen Daten genau zu verfolgen, stärkt das Vertrauen der Bürger in den Staat. Und auch die Verflechtungen von Unternehmen sind in Estland besser einsehbar – das ist nicht nur für einen Firmenkauf wichtig. Nicht jedem gefällt diese Transparenz. Oder dass durch die schlanke Verwaltungsstruktur kaum noch Steuerberater gebraucht werden. Hier müsste der Staat bei der Weiterbildung Hilfestellung leisten.

Wer sein Ziel erreichen will, muss sich auch auf den Weg machen

Natürlich: Auch in Baden-Württemberg gibt es schon Projekte, die Dienstleistungen bündeln und leichter zugänglich machen. Oder Apps, die die Welt der Behörden erklären. Doch all das geht zu langsam voran. Deshalb warten Baufirmen zu lange auf Genehmigungen, vergeuden Bürger beim Ummelden des Autos Zeit, verlieren Staat und Firmen die Wettbewerbsfähigkeit. Das Beispiel Estland zeigt auch: Wer sein Ziel erreichen will, muss sich auch auf den Weg machen.

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