In der Auerbachhalle treffen Martina Fehrlen und Marcel Schindler auf Hunderte Bürger. Applaus für beide – und ein Abend, der die Wahl am 8. März offener erscheinen lässt.
Es ist eng am Eingang der Auerbachhalle in Urbach (Rems-Murr-Kreis). Wer hinein will, kommt an ihnen nicht vorbei. Links, im rosa Blazer, die Amtsinhaberin Martina Fehrlen. Rechts, in dunklem Anzug mit Schlips, ihr Herausforderer Marcel Schindler. Jeder Besucher wird mit Händedruck begrüßt. Jeder Blick sucht Kontakt. Mehrere hundert Menschen sind gekommen, um sich ein Bild zu machen. Urbach will wissen, wer künftig im Rathaus das Sagen hat.
Denn am 8. März wird in der rund 8500 Einwohner starken Remstalgemeinde nicht nur der Landtag gewählt, sondern auch das Bürgermeisteramt neu vergeben. Und anders als andernorts ist es hier keine Formsache, sondern ein echtes Duell.
Wie präsentiert sich der Herausforderer der Bürgermeisterin?
Meine Sitznachbarin ist mit ihrem Mann da. „Wir wollen uns den Herausforderer anschauen“, sagt sie auf Nachfrage. Ihr Sohn sei beim Jungwählertreff im Jugendzentrum gewesen, organisiert von Schindler. „Er war durchaus angetan.“ Ob sie selbst unzufrieden sei mit der Amtsinhaberin? Ein Lächeln. „Kommt das in die Zeitung?“ Dann lieber kein offizieller Kommentar. So klingt Zurückhaltung. Und doch auch Bewegung.
Auf dem Podium führt Ursula Jud, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler und stellvertretende Bürgermeisterin, mit strenger Uhr durch den Abend. Je 15 Minuten Vorstellungszeit, während der oder die jeweils andere den Saal verlässt. Danach 15 Minuten Bürgerfragen. Keine Zwischenrufe, keine Debatten. Ordnung muss sein.
„Urbach ist Heimat geworden“ – Fehrlens persönliche Verbundenheit
Martina Fehrlen beginnt mit einer kurzen Episode. Ein Gespräch mit einem „Urbächer“, wie sie betont – mindestens in zweiter Generation im Ort verwurzelt. Was Urbach ausmache fragt sie ihn? „Man kennt sich und man kümmert sich.“ Genau das sei es auch für sie. Urbach sei zur Heimat geworden. Die Familie habe hier Wurzeln geschlagen, der Mann engagiert sich als Handballtrainer. „Ich bin beruflich und privat angekommen“, sagt die 47-Jährige. Bürgermeisterin zu sein, das sei kein Karriereschritt, sondern eine Entscheidung aus Überzeugung.
Sie spricht von ihrer Vorerfahrung in Wissenschaft und freier Wirtschaft, von Verwaltungspraxis und Verantwortung. Dann strukturiert sie ihren Wahlkampf in „fünf Punkte für Fehrlen“: Erfahrung. Verlässlichkeit. Familienfreundlichkeit. Ehrenamt. Tatkraft.
„Versprochen – gehalten“: Fehrlens Bilanz und Lernmomente
Verlässlichkeit bedeute: „Versprochen – gehalten.“ Sie habe ihre Ziele von 2018 überprüft, hinter jedes könne ein Haken gesetzt werden. Voraussetzung sei Ehrlichkeit darüber, was möglich ist. Auch einen Fehler räumt sie bedingt ein. Beim Gewerbegebiet „Schraienwiesen“ hätte sie rückblickend – „mit dem Wissen von heute“ – vielleicht manches anders angegangen, mehr Dialog gesucht.
Familienfreundlichkeit heißt für sie: Kitaausbau, Digitalisierung der Schulen. Das Ehrenamt nennt sie das „Rückgrat der Gemeinde“. Und Tatkraft bedeute, neue Herausforderungen anzunehmen – Pflege, Klimaschutz, Hochwasserschutz.
Ihre CDU-Mitgliedschaft spricht sie aktiv selbst an. Sie teile übergeordnete Grundwerte, etwa die Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung. Kommunal aber spiele Parteipolitik keine Rolle. „Es geht nur um Urbach.“ Den Wahlkampf finanziere sie selbst.
Fehrlen plant Feuerwehrhaus und Kitaausbau für Urbach
Aus dem Publikum kommen konkrete Fragen. Was steht an? Fehrlen nennt den Neubau des Feuerwehrgerätehauses, Hochwasserschutzmaßnahmen, die Feier zu „850 Jahre Urbach“, Digitalisierung der Verwaltung, weiteren Kitaausbau.
Zur Einnahmesituation sagt sie: Die lokale Wirtschaft sei solide, der Mittelstand stark. Doch die Gewerbesteuer pro Kopf liege unter dem Durchschnitt. Man müsse die Transformation begleiten und das Gewerbegebiet weiterentwickeln.
Beim Glasfaserausbau verweist sie auf Probleme mit der UGG als unzuverlässigem Partner, über den sie sich auch persönlich als Kunde ärgere. Alternativen seien schwierig. Beim Hochwasserschutz brauche es kurzfristige Maßnahmen – etwa erhöhte Böschungskanten in Urbach-Mitte – zugleich aber sei das Verfahren ein komplexes Feld.
Ihr Auftritt wirkt souverän. Der Amtsbonus ist spürbar.
„Urbach hat Lust auf Zukunft“ – Schindlers humorvoller Start
Dann Marcel Schindler. Er beginnt mit einer „Beichte“: „Ich trage eine schwere Bürde: Ich bin Plüderhausener.“ Lachen im Saal. Früher undenkbar, sagt er, dass einer aus dem Nachbarort hier kandidiert. Doch der Wahlkampf zeige: „Urbach hat Lust auf Zukunft.“
Schindler betont, er habe Verwaltung „von der Pike auf gelernt“. Er verstehe Abläufe, brauche keine lange Einarbeitung. Der 31-Jährige ist Fraktionsvorsitzender der SPD im Gemeinderat von Plüderhausen, tritt in Urbach aber als unabhängiger Kandidat an. Parteipolitik habe im Rathaus nichts verloren.
Sein Führungsverständnis: im Team gestalten, gemeinsam entscheiden – und am Ende Verantwortung übernehmen. „Ich will Taktgeber sein. Wie ein Bassist in einer Band.“ Kein Solist, sondern jemand, der zusammenhält.
Hochwasser fast am eigenen Leibe erlebt
Beim Hochwasserschutz betont er persönliches Verständnis. Nach der Starkregenkatastrophe 2024 habe er selbst mit Gummistiefeln in der Mühle seines Schwiegervaters in Hegnach gestanden. Er wolle Prozesse beschleunigen, Fördermittel akquirieren, Akteure vernetzen.
Handlungsbedarf sieht er bei den Kitas: bedarfsgerechte Lösungen statt Stückwerk. In der Wirtschaftsförderung – seinem aktuellen Tätigkeitsfeld in der Gemeinde Kernen – wolle er aktiv gegensteuern, wenn Gewerbe abwandert oder Geschäfte schließen. Man müsse Unternehmen „abholen“.
Jugenddialog und Freibaderhaltung als „Herzensangelegenheiten“
Die Erhaltung des Freibads nennt er eine Herzensangelegenheit. Mit der Jugend wolle er sprechen, nicht über sie. 120 Erstwähler seien zum Jungwählertreff gekommen. Digitalisierung, interkommunale Zusammenarbeit, Transparenz – das sind weitere Stichworte.
Zu den Einnahmen sagt er: Es gebe Flächen, die man entwickeln könne. Man müsse Potenziale heben. Beim Glasfaserausbau plädiert er für Gespräche mit weiteren Partnern und gemeinsamen Druck mit anderen Rathauschefs.
„Der Herausforderer hat einen sehr guten Eindruck gemacht“
Beide Kandidaten ernten reichlich Applaus. Die Sitznachbarin bleibt bei ihrer Zurückhaltung: Wen sie wählen wird, sagt sie nicht. Aber sie sagt diesen einen Satz: „Der Herausforderer hat einen sehr guten Eindruck gemacht.“
Am Ende dieses Abends bleibt kein Paukenschlag, kein offenes Wort der Konfrontation. Stattdessen zwei unterschiedliche Profile, zwei Stile, zwei Angebote an die Bürgerschaft. Die Entscheidung fällt nicht in der Halle, sondern an der Urne. Und nach diesem Abend wirkt sie offener, als es der Amtsbonus allein hätte vermuten lassen.