Vor der Bürgermeisterwahl in Eschenbach im Kreis Göppingen plädiert Patrick John Coleman für eine Fusion mit Heiningen. Simone Staib will Betriebe in den Blick rücken.
Einen Livestream hatte die Gemeinde Eschenbach für die Kandidatenvorstellung zur Bürgermeisterwahl nicht bestellt. „Wir haben ein paar Euro gespart“, sagte der scheidende Bürgermeister Thomas Schubert und führte die große Resonanz in der Technotherm-Halle auch darauf zurück, dass man das Ereignis nicht von zuhause aus mitverfolgen konnte. Die Halle war voll. Begrüßen konnte Schubert unter 320 Zuhörern auch Matthias Kreuzinger, seinen Heininger Amtskollegen. Er nutzte dies für eine humorige Bemerkung: Der Kollege sei natürlich interessiert, „wer über ihm regieren wird“ – das Rathaus Eschenbach liegt ja höher.
Schubert ahnte da noch nicht, welche Dynamik dieser Satz bekommen sollte. Kandidat Patrick John Coleman überraschte die Zuhörer mit seiner Vision, Eschenbach und Heiningen zusammenzulegen. Beide Gemeinden wären dann „starke Teilorte“. Ein Raunen ging durch den Saal. Und mehr noch: Eine „Stadt Voralb“ wäre eigentlich das Richtige, findet Coleman – Heiningen und Eschenbach plus Schlat, Gammelshausen und Dürnau. Denn: Man müsse an den Strukturen sparen, an den Rathäusern. Man müsse von oben her sparen, nicht von unten. Man solle nicht die Firmen und Hausbesitzer mehr belasten und schon gar nicht an den Kindern sparen. Coleman ist sogar für einen kostenfreien Kindergarten.
Zwei unterschiedliche Visionen für Eschenbach im Kreis Göppingen
Die Show stehlen konnte Coleman (62) seiner Mitbewerberin Simone Staib damit nicht. Aus dem Publikum kam die kühle Nachfrage: Warum sollten die Eschenbacher jemanden wählen, der am Ende seiner Amtszeit 70 wäre und vorhabe, sich nach drei Jahren zu verabschieden, wenn seine Pläne aufgingen? Coleman hält die Kommunalwahl 2029 für einen guten Zeitpunkt, Eschenbach und Heiningen zu vereinen. Ja, er würde dann kündigen und Eschenbach das Bürgermeistergehalt ersparen, das mache in acht Jahren eine Million aus. Wenn es die Eschenbacher so wollten – mit einem Bürgerentscheid. Coleman ist auch sonst für Bürgerentscheide. Wenn es nicht so käme, würde er bis 70 amtieren. „Ich fühle mich topfit.“ Bürgermeister Schubert stellte klar: Nicht eine Million, sondern sechsstellig sei das Schultes-Salär in acht Jahren.
Simone Staib will in Eschenbach und nur hier Bürgermeisterin werden. Dies sagte sie auf die Frage, ob sie Eschenbach als Sprungbrett nutzen würde. „Ich meine es ernst mit Eschenbach.“ Sie habe ihre Bewerbung am ersten Tag der Frist eingereicht. „Ich will gestalten, mit Ihnen, mit Herz und Verstand.“ Warum wolle eine Polizistin ins Rathaus wechseln? Polizistin sei sie geworden, nachdem sie den mittleren Verwaltungsdienst in Esslingen absolviert und Public Management, also Verwaltung, studiert hatte. „Ich bin ein Kind der Verwaltung.“ Der intensive Kontakt zu den Menschen habe ihr damals gefehlt. Sie habe eher mehr Dynamik gesucht, den Einsatz, und habe sehen wollen, wie Sicherheit funktioniere und organisiert werde. „So bin ich zur Polizei gegangen.“ Jetzt wäre sie als Bürgermeisterin auch Ortspolizeibehörde, das passe gut. Sie kenne das Ehrenamt als Vorsitzende des Vereins Dorfgemeinschaft in Eckwälden. In Eckwälden beziehungsweise Bad Boll, wo ihr Mann Rainer Staib Gemeinderat ist und derzeit als Bürgermeister-Stellvertreter amtiert, würden sie auch wohnen bleiben. Eckwälden und Eschenbach. Wenn was wäre: „Ich bin schnell da.“
Staib steht für behutsame Weiterentwicklung von Eschenbach
Von Tür zu Tür habe sie sich in Eschenbach vorgestellt und so wisse sie „was Ihnen wichtig ist“, sagt Simone Staib. Eschenbach brauche eine kluge und behutsame Weiterentwicklung. Sie wolle nicht in die Fußstapfen von Thomas Schubert treten. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden. Schon bald würde sie zu einem Ehrenamtsforum einladen, um Ideen aufzunehmen, wie man das Ehrenamt nachhaltig stärken könne. Begegnungsorte wolle sie ausbauen, und einen solchen sehe sie im eigentlichen Dorfmittelpunkt rund um den Netto-Markt, „wo vieles zusammenläuft.“ Sie würde sich für eine Rückkehr des Geldautomaten einsetzen, für den Erhalt der Postfiliale, für ärztliche Versorgung. Ein kleines Café fehle, als ergänzendes Angebot. Für gutes Älterwerden, „wie und wo wir wohnen“, wolle sie mit allen Beteiligten und allen laufenden Überlegungen ein Gesamtkonzept erarbeiten. Sie wolle Paten für Obstbäume finden. Deren Zustand wurde aus dem Publikum beklagt.
Sie wolle die Mobilität verbessern, so Staib weiter, „der Bus fährt zu selten.“ Sie wolle ergänzend die Modelle Bürgerbus oder Ruftaxi prüfen, das E-Car-Sharing besser bekannt machen. „Eschenbach hat starke Betriebe“, sagt die Kandidatin. Sie wolle regelmäßige Unternehmerstammtische initiieren und ebenso einen „Tag der offenen Betriebe“, dabei auch die Landwirtschaft einbeziehen. Sie stehe voll hinter dem Verband mit Heiningen, der sei eine echte Stärke. All dies münde in das Gesamtbild: „Eschenbach, ein Ort für großes Miteinander“. Simone Staib empfahl sich als beherzt, bürgernah und verlässlich. Als Polizistin mit Führungserfahrung sei sie es gewohnt, auch unter Druck Entscheidungen zu treffen.
Coleman hat sich zeitweise für die „Republikaner“ engagiert
Mehr Bodenhaftung, Ehrlichkeit und Mut fordert Patrick Coleman von der Gesellschaft und der Politik. Die Kommunen kämen gerade erheblich unter Druck, sie müssten immer mehr leisten mit immer weniger Mitteln. Er empfahl sich als Kandidat aus der Praxis für die Praxis . Hier sei seine Heimat. Er sei aufgewachsen in der Landwirtschaft, wisse aus 20 Jahren als Nebenerwerbslandwirt, wie hart das sei und dass die Landwirtschaft die Grundlage von allem sei. Zeitsoldat ist er gewesen, dabei auch Schießausbilder, dann Polizeibeamter bis zum Ruhestand. Kommunalpolitische Erfahrung bringe er mit.
Schon mit 25 kandidierte Coleman in Göppingen bei der OB-Wahl gegen Hans Haller. Der war damals sein Chef, Coleman arbeitete im Bauhof. Ein Jahr später hätte er es fast in den Heininger Gemeinderat geschafft. Stadtrat und Kreisrat wurde er dann in Göppingen, zeitweise für die „Republikaner“. Gegen den Heininger Bürgermeister Martin Weissbrodt ist er angetreten. 35 Jahre lang habe er keine Partei gefunden, der es nicht um die eigene Macht gegangen wäre. Dann aber doch: Coleman ist Mitglied und Vize-Landesschatzmeister von „die Basis“. Basisdemokratie würde er auch als Rathauschef pflegen. Mit Bürgerentscheiden.
Brennende Fragen für die Eschenbacher
Hellerwiesen
Soll man das Pflege- und Wohnprojekt bauen? Simone Staib kennt die geteilten Meinungen im Ort. Sie brauche erst alle Fakten, bevor sie etwas sagen könne. Coleman fragt: Macht das Sinn? Gebe es so viele Senioren in Eschenbach, die in einer so teuren Anlage wohnen wollten? Er würde das offen diskutieren, am Ende sollen die Bürger entscheiden.
Schlater Straße
„Was soll man in der Schlater Straße machen?“, fragte ein Zuhörer. „Die Häuser zerfallen, lassen wir die Ruinen stehen?“ Das sei der Mittelpunkt, aber tot. Staib würde auf die Eigentümer zugehen, dass man diesem Raum wieder Leben einhauche. Coleman denkt, dass man dort Millionen in die Hand nehmen müsse. Auch dies wäre mit einem Bürgerentscheid zu klären.