Das Chefbüro im Bissinger Rathaus ist seit dem 1. Oktober unbesetzt. Foto: Ines Rudel

50,5 Prozent der Wähler wünschen sich Siegfried Nägele als Bürgermeister der kleinen Gemeinde Bissingen im Kreis Esslingen. Der 61-Jährige stand eigentlich nicht zur Wahl. Wird er das Amt annehmen?

Bei der Bürgermeisterwahl in Bissingen an der Teck hat es am Sonntag eine faustdicke Überraschung gegeben: Gewonnen hat einer, der gar nicht zur Wahl stand: Siegfried Nägele. Dem vorläufigen Endergebnis zufolge hatten 50,5 Prozent der Wähler den Namen des stellvertretenden Schultes’ der Gemeinde auf den Stimmzettel geschrieben. Damit erhielt er die absolute Mehrheit und gilt laut Gemeindeordnung als gewählt. Die beiden eigentlichen Kandidaten ließ er weit abgeschlagen hinter sich: Auf den 32-jährigen Robert Beck entfielen 22,2 Prozent, auf den 47-jährigen Björn Haigis 22,5 Prozent.

 

Den 61-Jährigen, der seit 35 Jahren dem Bissinger Gemeinderat angehört und seit 25 Jahren als ehrenamtlicher Bürgermeister fungiert, hat das Ergebnis offenbar kalt erwischt. Ob er die Wahl zum hauptamtlichen Verwaltungschef annimmt oder ablehnt, darüber wolle er erst einmal in Ruhe nachdenken, kündigte er am Wahlabend an. Denn es gebe Einiges zu klären – mit dem Arbeitgeber ebenso wie mit der Familie. Bislang hat Siegfried Nägele eine leitende Funktion beim Landesbetrieb Forst BW inne, zudem führt er nebenher einen landwirtschaftlichen Betrieb und ist einer von zwei Vorsitzenden des Kreisbauernverbands Esslingen. Für eine Stellungnahme war er gestern nicht zu erreichen. Bis Ende der Woche bleibt ihm Zeit für eine Entscheidung.

Für den Fall, dass er sich gegen das Amt entscheiden sollte, muss laut Andrea Wangner, der Sprecherin des Esslinger Landratsamtes, „eine komplett neue Bürgermeisterwahl ausgeschrieben werden“, mit Bewerbungsfrist, Kandidatenvorstellung und Wahlgang. Dieses Szenario dürfte wohl einige Zeit in Anspruch nehmen, heißt es seitens der Rechtsaufsichtsbehörde. Die Stelle des Bürgermeisters in Bissingen, die Marcel Musolf bis zu seinem Dienstantritt als neuer Esslinger Landrat 13 Jahre lang bekleidete, könnte in diesem Fall noch mehrere Wochen unbesetzt bleiben.

Siegfried Nägele. /Roberto Bulgrin

In der rund 3500 Einwohner zählenden Gemeinde am Fuß der Teck waren 2717 Wahlberechtigte zum Urnengang aufgerufen. 60,3 Prozent von ihnen beteiligten sich an der Abstimmung. Dabei wurden die üblichen Mechanismen einer Bürgermeisterwahl von den Wählerinnen und Wählern außer Kraft gesetzt, indem sie in großem Stil Stimmen in der Kategorie Sonstige verteilten. Ganze 55,3 Prozent der Wähler trugen den Namen eines Wunschkandidaten in die freie Zeile auf dem amtlichen Stimmzettel ein.

Das sorgte zunächst für einige Konfusion – erst nach einiger Zeit stand fest, dass allein 811-mal der Name Siegfried Nägele auf dem Papier vermerkt wurde und dieser damit knapp die absolute Mehrheit holte. Robert Beck bekam 357, Björn Haigis 361 Stimmen. 77 weitere Stimmen entfielen auf andere Personen. Das endgültige amtliche Endergebnis sollte erst am Montagabend nach der Sitzung des Gemeindewahlausschusses feststehen.

Dass neben den offiziellen Bewerbern weitere Namen in einem Feld notiert werden, sei nicht ungewöhnlich, räumt Andrea Wangner ein. „Das ist in der Vergangenheit schon häufiger passiert. Allerdings hat keiner die notwendige Mehrheit von mehr als 50 Prozent erreicht“, hebt sie die Besonderheit dieser Wahl hervor: „Bisher ist es im Landkreis Esslingen noch nicht vorgekommen, dass jemand zum Bürgermeister gewählt wurde, der nicht auf dem Stimmzettel stand.“ 2011 war man in Nürtingen einer solchen Sensation schon einmal nahe: Bei der Oberbürgermeisterwahl konnte sich der damalige Amtsinhaber Otmar Heirich im zweiten Wahlgang mit 49,6 Prozent Stimmenanteil aber doch noch gegen die Kulturbürgermeisterin Claudia Grau durchsetzen. Obwohl sie sich überhaupt nicht beworben hatte, erhielt die Stellvertreterin des Rathauschefs 32 Prozent der Stimmen. Im Vorfeld hatte eine Bürgerinitiative hauptsächlich via Internet die Werbetrommel für sie gerührt.

Dem Vernehmen nach soll es sich in Bissingen nun ähnlich zugetragen haben. Hinter vorgehaltener Hand erzählen einige Bürger, man habe unter anderem über soziale Netzwerke dafür plädiert, Siegfried Nägele die Stimme zu geben – ob dieser will oder nicht. Dass es vor der Wahl in der Bürgerschaft rumorte, war ein offenes Geheimnis. Von den beiden Kandidaten Beck und Haigis sei man nicht überzeugt, den Verwaltungsneulingen traue man das Amt schlichtweg nicht zu, war häufig zu hören.

Der erfahrene Kommunalpolitiker Nägele hingegen genießt hohes Ansehen in der Gemeinde. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Juni wurde der Vertreter der Unabhängigen Wählervereinigung (UWV) zum wiederholten Mal Stimmenkönig. Mit einem so deutlichen Ergebnis bei der Bürgermeisterwahl hatte allerdings wohl niemand gerechnet.

Mal ist der Weg ins Rathaus lang – und mal kurz

Showdown am Bodensee
Dass Bürgermeister ins Amt kommen, ohne auf dem Stimmzettel zu stehen, kommt selten vor in Baden-Württemberg. Für Schlagzeilen sorgte 2003 ein Fall am Bodensee. In der Gemeinde Hagnau war der damals 29-jährige Bewerber Simon Blümcke im zweiten Wahlgang gewählt worden. Die Wahl wurde jedoch annulliert. Blümcke verzichtete bei der Wiederholung zunächst auf eine erneute Kandidatur. Er erhielt im dritten Urnengang dennoch die meisten Stimmen, verfehlte aber die absolute Mehrheit. In der zweiten Runde der Wiederholungswahl stand Blümckes Name dann wieder auf dem Stimmzettel. Er wurde Rathauschef in der Gemeinde. Vor wenigen Wochen wurde Blümcke zum Oberbürgermeister von Friedrichshafen gewählt – auf Anhieb.

Wahlrecht
 Im März 2023 hat der Landtag in Stuttgart den Modus für Bürgermeisterwahlen im Südwesten geändert. Kam es zuvor zu einer sogenannten Neuwahl, wenn im ersten Wahlgang kein Bewerber die absolute Mehrheit erlangte, bei der erneut alle Kandidierenden und sogar neue Bewerber antreten konnten, gibt es seitdem eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten.