Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen, will den Regierenden Bügermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), ablösen Foto: dpa

Für Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit kündigt sich starke Konkurrenz an. 

Berlin - Sie will es, und er weiß es. Sie kann es, und auch das weiß er. Denn Renate Künast und Klaus Wowereit (SPD) kennen einander gut. Nun muss sich der Regierende Bürgermeister wappnen: Die Vorsitzende der Bundestags-Grünen will Berlin regieren. Als Gerücht kursiert ihr Anliegen seit Sommer durch die Stadt. Ausgerechnet im Museum für Kommunikation möchte die 54-Jährige am 5. November ihre Kandidatur bestätigen. Dort läuft derzeit die Ausstellung zum Thema "Gerücht. Es ist flüchtig und vergänglich, unberechenbar und schwer zu kontrollieren." Künasts Gerüchte-Kontrolle funktionierte erstaunlich lang. Ihr Credo: "Erst müssen die Berliner Grünen ihr Wahlprogramm festlegen, bevor es um Personen geht. Das ist eine Frage des Respekts vor der Souveränität der Partei." Kein Wort demnach ist auch an diesem Donnerstag zu hören, weder an Dementi noch Bestätigung. Allein Landesgeschäftsführer Andre Stephan sagt, er freue sich darauf, wenn Künast am 5. November redet - "und darauf, dass möglichst viele dabei sind".

Nur zwei Tage später stimmen die Landesdelegierten über die Kandidatur ab. Gegenkandidaten gibt es keine. Am selben Wochenende reisen Grüne aus allen Teilen der Republik ins Wendland, wo der Protest gegen den am 8. November geplanten Castor-Transport seinen Höhepunkt erreicht. So dient die urgrüne Anti-Atomkraftbewegung auch zur Kulisse für die Inthronisierung Künasts - einer Frau der ersten Parteistunde, geboren im westfälischen Recklinghausen, um in Berlin Kärrnerarbeit zu leisten.

Künast beliebter als Wowereit

Als Sozialarbeiterin betreute sie im Männerknast Drogenabhängige, studierte Jura und ließ sich als Anwältin nieder. 14 Jahre lang saß sie im Berliner Landtag, drei Jahre als Fraktionschefin. Nach dem Intermezzo als Grünen-Vorsitzende wurde sie 2001 erste Verbraucherschutzministerin im rot-grünen Bundeskabinett. Sie ist bekennender Fan der Preußen-Königin Luise.

Künast ist in Berlin sehr populär. Sie ist mittendrin, hat die Eitelkeit aber im Griff und kurvt gern auch unerkannt auf Inlinern herum oder deckt sich auf Blumenmärkten mit Pflanzen ein, die sie dann höchstselbst herumschleppt, weil gerade alle Bollerwagen vergeben sind. Unprätentiös, scharfkantig, eigensinnig, authentisch - das mögen sie hier an ihr. Bis auf die innerparteilichen Gegner des linken Flügels; die fühlen sich von der fordernden, polternden Schnellsprecherin allzu oft gegängelt und werfen ihr Verrat vor, da Künast selbst einst zur Fundi-Fraktion gehörte.

In Berlin wie bundesweit befinden sich die Grünen seit Wochen im Umfrage-Höhenflug. 30 Prozent der Berliner würden grün wählen, und Künast ist beliebter als Amtsinhaber Wowereit. Ihr Credo? "Dass Frau sich nicht verrückt macht. In jedem Job muss man Männern zeigen, dass man Haare auf den Zähnen hat und mit Bohrer oder Schraubenzieher umgehen kann. Und am Ende muss man sagen: Ich bin ich. Ich will nicht agieren wie andere Alphatiere, aber es ist schwer."

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