Bürgerkrieg in Syrien Die Helfer hoffen auf Hilfe

Von Martin Gehlen 

Die Weißhelme haben in Syrien zehntausende Menschen aus den Trümmer geholt. Foto: dpa
Die Weißhelme haben in Syrien zehntausende Menschen aus den Trümmer geholt. Foto: dpa

Hunderte Weißhelme sind noch in Syrien und werden vom Regime als „Terroristen“ verfolgt.

Damaskus - In diesen Tagen machten die Weißhelme noch einmal weltweit Schlagzeilen. Im Süden Syriens wurden die Helfer durch eine internationale Rettungsaktion über die Golanhöhen nach Israel evakuiert. 98 Helfer des syrischen Zivilschutzes und 324 Familienangehörige flüchteten im Schutze der Nacht über die Grenze. Doch nicht alle hatten Glück. 400 bis 650 Weißhelme dagegen blieben in den Fängen des syrischen Regimes zurück. Sie schafften es in der kurzen Zeit nicht zu den beiden Sammelpunkten nahe der syrisch-israelischen Demarkationslinie.

Vorwürfe gegen die Helfer

„Nach der Ausreise unserer Kollegen sind wir in noch größerer Gefahr. Die Anschuldigungen gegen uns haben noch einmal zugenommen. Und es gibt einen neuen Vorwurf, dass wir mit Israel zusammenarbeiten“, sagte einer der Zurückgebliebenen mit dem Pseudonym Abu Muhannad dem Nachrichtenportal „Syria Direct“. Er fürchte, die Sieger würden schon bald Rache nehmen. „Seit Tagen haben wir das Haus nicht mehr verlassen, weil wir nicht wissen, was mit uns passiert“, zitierte der britische Telegraph einen anderen festsitzenden Retter. Denn die Grenzen sind mittlerweile dicht. Neben den Übergängen zu Jordanien kontrolliert die syrische Armee seit ein paar Tagen auch wieder den Quneitra-Abschnitt zu Israel, wo letzten Sonntag die spektakuläre Evakuierung stattfand.

Einige der umzingelten Weißhelme wollen offenbar versuchen, sich an Bord von Rebellen-Bussen in die Nordprovinz Idlib durchzuschlagen, was sehr riskant ist. Bei früheren Transporten aus Ost-Douma, Aleppo oder Homs wurden viele von ihnen gezielt aus den Fahrzeugen geholt und so lange gefoltert, bis sie gestanden, bezahlte Agenten des Westens zu sein und falsche Giftgasangriffe inszeniert zu haben. Die Helfer seien nun selbst hilflos, klagte Weißhelm-Chef Raed Al Saleh, der in der Türkei lebt, und beschwor die internationale Gemeinschaft, alles zu tun, um deren Leben zu retten.

Die Helfer werden vom Regime verfolgt

Doch die Chancen stehen schlechter und schlechter. Kürzlich in einem Interview, in dem er erstmals die Offensive auf die letzte Rebellenenklave Idlib ankündigte, drohte Bashar al-Assad allen Weißhelmen mit dem Tod, falls sie sich nicht stellten. „Jetzt ist Idlib unser Ziel, aber nicht nur Idlib“, wurde Assad von russischen Nachrichtenagenturen zitiert. „Da sind natürlich Gebiete in den östlichen Teilen Syriens, die von verschiedenen Gruppen kontrolliert werden, also werden wird in alle diese Regionen hineingehen“, kündigte er an. Die syrische Armee werde die „Prioritäten“ festlegen, „und Idlib ist eine dieser Prioritäten“.

Für den Diktator in Damaskus sind die Nothelfer, die seit 2013 nach Luftangriffen Verschüttete bergen, nichts anderes als verkappte Al Kaida-Extremisten. „Das Schicksal der Weißhelme wird das gleiche sein wie das aller anderen Terroristen“, erklärte er. „Entweder legen sie ihre Waffen als Teil einer seit vier oder fünf Jahren andauernden Amnestie nieder, oder sie werden liquidiert wie jeder andere Terrorist“, sagte Assad. Man habe Videos, auf denen Weißhelme mit gezückten Schwertern herumliefen und den Tod von syrischen Soldaten feierten. Das syrische Außenministerium verurteilte die Evakuierung über die Golanhöhen als „kriminelle Operation“ durch „Israel und seine Helfershelfer“.

Den Helfern droht Folter und Tod

Und so suchen Assads Soldaten an den neu errichteten Kontrollpunkten im bisherigen südsyrischen Rebellengebiet derzeit gezielt nach Weißhelmen. Werden sie verhaftet, drohen ihnen Folter und Tod, wie abertausenden ihrer Landsleute, die während der sieben Jahre Bürgerkrieg in den Kerkern des Regimes ermordet wurden. Auch Syriens Großmufti Ahmad Badreddin Hassoun rief öffentlich dazu auf, die Retter, die immer wieder ihr Leben riskiert haben, mit allen Mitteln zu jagen. „Das sind keine Flüchtlinge, das sind Kriegsverbrecher“, sagte Hassoun bei einem Treffen mit Angehörigen gefallener russischer Soldaten. Der Pro-Assad-Gottesmann hatte zuletzt im März für Aufsehen gesorgt, als er in Damaskus eine Delegation der deutschen Alternative für Deutschland empfing. Die in syrischen Rebellen-Gebieten aktive Gruppe bestand zwischenzeitlich aus mehr als 3000 Helfern. Mehr als 250 Weißhelme wurden im Einsatz getötet.

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