Ein zehn Jahre altes Mädchen mit seiner Mutter nach der Flucht vor einer Zwangsehe. Foto: AP

Der Bürgerkrieg im Jemen hat nach Angaben von Menschenrechtlern verheerende Folgen für Mädchen: Die Zahl der Kinderehen steigt dramatisch an.

Ibb - Früher war Nasrines Ehemann ein glücklicher und optimistischer Mensch. Er verdiente gutes Geld mit seinem Restaurant und seiner Metzgerei. „Er konnte mit seinen Händen Staub in Gold verwandeln“, sagte Nasrine.

Doch dann eskalierte im Jemen der Bürgerkrieg, und wie das Land brach auch der Familienvater zusammen. Er verlor sein Geschäft, die Familie verarmte und er fing an, seine Frau zu misshandeln. Das Paar ließ sich scheiden. Kurz darauf erfuhr Nasrine zu ihrem Entsetzen, dass ihr Ex-Mann die gemeinsame zehnjährige Tochter für eine Million Rial (3600 Euro) als Braut an einen über 60 Jahre alten Mann verkauft hatte.

Der Mutter gelang es, die Heirat zu verhindern und mit ihrer Tochter unterzutauchen. Ihr Fall wirft ein Schlaglicht auf die verzweifelte Lage vieler Mädchen im Jemen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen steigt die Zahl der Kinderehen im ärmsten Land der arabischen Welt dramatisch an. Der seit drei Jahren andauernde Krieg, der die jemenitische Gesellschaft ins Chaos gestürzt hat, verschlimmert die Situation zusätzlich.

Millionen Familien kommen nicht mehr über die Runden. Mehr als drei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und leben heute in Flüchtlingslagern. Viele der bitterarmen Eltern erhoffen sich von der Verheiratung ihrer Töchter einen Ausweg aus der Misere.

Unicef spricht von einem alarmierenden Problem

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat das Problem im März als „alarmierend weit verbreitet“ bezeichnet. In einer Umfrage in sechs jemenitischen Provinzen gaben im September 72 Prozent aller befragten Frauen an, im Alter von unter 18 Jahren verheiratet worden zu sein. Vor dem Krieg hatte der Wert noch bei rund 50 Prozent gelegen. Heute sind der Erhebung zufolge etwa 44 Prozent aller Frauen zum Zeitpunkt ihrer Heirat jünger als 15.

„Eltern verheiraten ihre Töchter, um von den Kosten für ihre Versorgung entlastet zu werden oder weil sie glauben, dass die Familie eines Ehemannes besseren Schutz bieten kann“, erklärte Unicef. „Die Familien hoffen auch auf eine Mitgift, um mit den Härten des Krieges zurechtzukommen.“

Lokale Organisationen berichten über zahlreiche dramatische Fälle. In einem davon überließ ein Vater seinem Dealer seine Tochter als Braut, weil er kein Bargeld mehr hatte. Ein anderer Mann verkaufte seine minderjährige Tochter innerhalb von zwei Jahren gleich drei Mal, um mehrfach die Mitgift einzustreichen. In einem dritten Fall verblutete eine Kinderbraut nach dem Geschlechtsverkehr nach der Hochzeit. Ihr Vater hatte sie gegen ein Taxi eingetauscht.

Im Jemen gilt kein Mindestalter bei der Heirat. In den 1990er Jahren hob das Parlament unter dem Druck konservativer Muslime ein Gesetz auf, dass ein Mindestalter von 15 Jahren festgelegt hatte. Die Gegner erklärten, die Scharia verbiete Kinderehen nicht, und hinter Versuchen, die Praxis zu unterbinden, stehe eine westliche Verschwörung. Das Justizministerium hat zwar eine Direktive gegen die Verheiratung von unter 18-jährigen Mädchen erlassen, doch diese wird von Richtern oft missachtet.

Gesetzlich verboten ist lediglich der Geschlechtsverkehr mit Mädchen, die noch nicht die Pubertät erreicht haben. Doch das ist kaum umzusetzen. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Fälle von präpubertären Mädchen, die nach Vergewaltigungen durch ihre Ehemänner verbluteten.

Hilfe von einem ranghohen Stammesführer

Nasrine erzählte der Nachrichtenagentur AP in einem Frauenhaus in der Stadt Ibb von der Rettung ihrer Tochter. Zum Schutz des Mädchens wollte sie ihren Nachnamen nicht nennen. Im Bemühen, die Verheiratung zu verhindern, wandte sie sich hilfesuchend an den zuständigen Richter, wie sie sagte. Doch der Jurist habe ihr nicht helfen wollen. „Lies das Gesetz und komm dann wieder“, habe er zu ihr gesagt. „Selbst wenn das Mädchen erst zwei Monate alt wäre, der Vater hat zugestimmt.“

Erst mit der Unterstützung eines ranghohen Stammesführers gelang es Nasrine, die Heirat zu verhindern. Der Richter wies die Vorwürfe der Mutter zurück und erklärte, er sei noch nie an einer Verheiratung Minderjähriger beteiligt gewesen. In Einklang mit den Vorgaben des Justizministeriums lasse er sich immer einen Ausweis und einen Altersnachweis vorlegen, bevor er Eheverträge genehmige.

Nasrine lebt nun in ständiger Angst, dass ihr Ex-Mann und der vorgesehene Bräutigam das Mädchen entführen könnten. Die Situation breche ihr das Herz, sagte sie: „Ich möchte, dass meine Tochter rausgeht und mit den anderen Kindern spielt. Sie ist seit einem Jahr hier gefangen.“ Die Vertreterin des UN-Bevölkerungsfonds in Ibb, Hajat al-Kajnai, bestätigte Nasrines Angaben.

400 000 Mädchen verlieren ihr Zuhause

Insgesamt haben wegen der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Huthi-Rebellen mehr als 400 000 Mädchen unter 18 Jahren ihr Zuhause verloren. Viele von ihnen leben in Flüchtlingslagern. Hunderttausende Mädchen mussten die Schule verlassen, was das Risiko einer Zwangsheirat weiter erhöht.

In den Lagern steige die Zahl von Kinderehen dramatisch an, sagte Nadschlaa Mohammed von der jemenitischen Frauenunion. Manchmal hofften Väter, dadurch ihre Tochter besser vor einer möglichen Vergewaltigung schützen zu können. In anderen Fällen gehe es nur ums Geld.

Wegen des Kriegs sind die früher vor allem auf dem Land üblichen Kinderehen nach Angaben der Nationalen Organisation zur Bekämpfung von Menschenhandel heute auch in Städten verbreitet. Angesichts von Armut und Arbeitslosigkeit könnten viele Väter der Versuchung, ihre Töchter früh zu verheiraten, nicht widerstehen, erklärte der Vorsitzende Nabil Fadel.

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