Die Grundschule zieht sich den Berg hinauf. Jede Klassenstufe hat ein eigenes Stockwerk mit ebenerdigem Zugang. Foto: privat

Dank Atomkraft hat Gemmrigheim jahrelang aus dem Vollen schöpfen können. Jetzt muss die Grundschule saniert werden und es fehlt das Geld. Helfen nur noch Abriss und Neubau?

An seine Schulzeit denkt Jörg Frauhammer gerne zurück. „Eigentlich war es einer der schönsten Zeiträume in meinem Leben“, sagt der Gemmrigheimer Bürgermeister. Der 60-Jährige war einer der ersten Abc-Schützen, die in dem damals neu gebauten Gemmrigheimer Schulgebäude unterrichtet wurden. Die Weinbaugemeinde, die drauf und dran war, zusammen mit dem Nachbarn Neckarwestheim Atomkraftwerksstandort zu werden, hatte dafür eigens einen Architektenwettbewerb ausgelobt. Es siegte der Stuttgarter Architekt Claus Weisbach, der sich unter anderem gegen Günter Behnisch durchsetzte. Im Stile der Zeit plante er einen großzügigen Atriumbau.

 

Der Architekt Claus Weisbach hat die Gemmrigheimer Schule einst gebaut. Foto: vat

Wie bei einem Tetrisspiel ordnen sich die quadratischen und rechteckigen Gebäudeteile den Hang hinauf aneinander. Alle Zimmer sind beidseitig belichtet und belüftbar. Drumherum gruppieren sich Tennisplätze, Weinberge und Bolzplatz, dazwischen stehen hohe Bäume. Doch über die Frage, ob das zentral gelegene Ensemble so bestehen bleiben kann, ist in Gemmrigheim ein erbitterter Streit entstanden. Der Gemeinderat hat mit großer Mehrheit beschlossen, Abriss und Neubau zu prüfen. Doch viele Bürger wollen sich damit nicht abfinden. Am 13. Oktober kommt es zum Bürgerentscheid.

Dem Bürgermeister geht es wie der Ampel

Ein bisschen geht es dem Bürgermeister und seinem Gemeinderat seither wie der Ampel in Berlin. „Wir wollen doch das Beste für den Ort“, sagt er. Aber es sei ernüchternd. „Wir können vorbringen, was wir wollen.“ Es werde alles als falsch hingestellt. Und auch die andere Seite klagt. Für einen Infonachmittag habe man die Schule nicht einmal betreten und auch die dortigen Biertischgarnituren nicht benutzen dürfen. Der Gemeinderat hatte dies in nichtöffentlicher Sitzung untersagt.

Dabei unterstützt auch die Rektorin die Eltern. Alle Lehrer liebten den großzügigen Schulbau, schreibt sie in einer vom Schulamt abgesegneten Stellungnahme. Unstrittig ist: das Gebäude ist sanierungsbedürftig. „Wir haben 55 Jahre lang einfach nichts gemacht“, bekennt Frauhammer. Warum? Er zuckt mit den Schultern. Seit Juli 2018 ist er im Amt. Davor saß der SPD-Mann jahrelang im Gemeinderat. Insofern will er sich nicht herausreden. „Das war ein Fehler.“

Denn das Geld, das wegen des Kernkraftwerks all die Jahre üppig in die Gemeindekasse sprudelte, sei trotzdem ausgegeben worden. Jetzt sind die beiden Meiler abgeschaltet, die Gewerbesteuern eingebrochen. „Wir können unsere laufenden Ausgaben nicht mehr finanzieren“, sagt Frauhammer. Schon im aktuellen Haushaltsjahr fehlen zwei Millionen Euro. Das Landratsamt mahnt Einsparungen an.

Neubau billiger als die Sanierung?

Und da sind die Gemeinderäte auf die Idee mit dem Neubau gekommen. Der sei womöglich billiger als eine Sanierung, die ein Architekturbüro auf 16,4 Millionen Euro taxiert hat. Vor allem besitzt ein Neubau finanztechnische Vorteile: er wird nicht über 30, sondern über 50 Jahre abgeschrieben, was kleinere Jahresraten bedeutet. Zudem ließe sich das Schulgelände als Wohngebiet vermarkten. Der Neubau soll hingegen auf eine weniger attraktiv gelegene Wiese am Ortsrand neben den Aldi kommen.

Auch Martin Klass ist ein alter Gemmrigheimer, Enkelsohn des Bürgermeisters sogar, der die Grundschule einst erbaute. Auch er hat dort das Einmaleins gelernt. Seine Rechnung sieht allerdings anders aus. Dass in Gemmrigheim gespart werden müsse, stehe außer Frage, sagt der 41-Jährige. „Aber wieso sparen wir als Erstes an den Kindern?“

Die Antipoden spielen im Musikverein

Zusammen mit Nadine Raich, die wie er an der Grundschule Kinder hat, gehört Klass zu den Initiatoren des Bürgerentscheids. „Das hier ist der schönste Platz im Ort“, sagt Nadine Raich. Und Einsparpotenziel gebe es ja vielleicht auch an anderer Stelle. Wo sonst habe jeder Verein ein eigenes Domizil, das ihn fast nichts koste, fragt Klass, der selbst im Musikverein spielt – er am Schlagzeug, der Bürgermeister an der Klarinette.

Auch die Ludwigsburger Architektenkammer hat sich eingeschaltet. Es handele sich bei dem Gebäude um einen „wertvollen Zeitzeugen der Nachkriegsarchitektur“, sagt die Kammergruppenvorsitzende Nora Schöffel. Ein Abriss wäre ein Frevel und im Anbetracht des vielen Betons auch aus Klimaschutzgründen nicht zu verantworten. Die Kammergruppe sei bereit, mit der Gemeinde nach Einsparmöglichkeiten bei den zu hohen Sanierungskosten zu suchen.

Frauhammer ist da skeptisch. „Wir hatten professionelle Planer beauftragt.“ Jetzt hofft er aber auf ein klares Ergebnis am Sonntag – so oder so. 900 Unterschriften haben die Sanierungsbefürworter gesammelt. Gehen alle zur Abstimmung, wäre das Quorum in der knapp 5000 Einwohner großen Gemeinde erreicht. Doch wenn die Sanierung zu teuer sei, werde man am Ende vielleicht wirklich bei den Kindern sparen müssen, warnt Frauhammer. Die Kinderbetreuung sei einer der größten Ausgabeposten im Haushalt.

Ein Abriss wäre „der helle Wahnsinn“

Architekt
Claus Weisbach wurde 1932 in Plauen geboren, er studierte in Stuttgart und war von 1962 bis 1994 als freier Architekt in Stuttgart und Böblingen tätig. Unter anderem baute er auch das unter Denkmalschutz stehende Rathaus in Dagersheim. Heute lebt er 91-jährig in seiner Geburtsstadt.

Projekt
Die Grundschule baute er von 1965-1967 als eine sich am Hang hinaufstaffelnde Teppichanlage. Alle 22 Klassenräume sind zweiseitig belichtet und belüftbar. Im Eingangsbereich gibt es eine große Aula. Das Gesamtprojekt kostete damals ohne Bauplatz 2,873 Millionen Mark (1,47 Millionen Euro).

Meinung
Das Gebäude sei sanierungsfähig, ein Abriss wäre „der helle Wahnsinn“, sagt Weisbach heute. „Sonst müssten wir halb Baden-Württemberg abreißen.“ Der Bau sei gewiss eine Energieschleuder, aber „damals haben Heizkosten bei einem Ölpreis von sechs Pfennig pro Liter keine Rolle gespielt“, aber eine Dämmung sei möglich. Man habe langlebige Baumaterialien verwendet.