Eine Karikatur von Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Rund eineinhalb Jahre nach dem Loveparade-Unglück soll sich das politische Schicksal Sauerlands am Sonntag entscheiden. Foto: dapd

Loveparade-Tragödie: Am Sonntag entscheiden die Duisburger über das Schicksal von OB Sauerland.

Duisburg - Adolf Sauerland kommt in Fahrt. Längst hat der Duisburger Oberbürgermeister sein Jackett abgelegt, als er im Walsumer Hof in seine Anekdotenkiste greift. „Leckomio“, seufzt der füllige CDU-Rathauschef bei Pils und Wacholder in dem rustikalen Fischlokal am Rheindeich, der Kees Bregmann habe ihn als jungen Fußball-Fan wegen seiner leichtfüßigen Dribblings im eigenen Strafraum „zur Raserei“ gebracht. Bregmann war in den 70er Jahren eine Fußball-Legende beim MSV Duisburg, bis ihn die eigenen Fans wegen seiner fahrlässigen Spielweise aus dem Stadion buhten.

Heute ist Sauerland, ein gelernter Lehrer, der Buhmann in der Revierstadt. Nach der Katastrophe bei der Duisburger Loveparade mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten im Juli 2010 gilt der 56-jährige Christdemokrat als Versager. Der einstige Macher, der den Bau Deutschlands größter Moschee im Stadtteil Marxloh anschob und für die Umgestaltung des Innenhafens den britischen Stararchitekten Sir Norman Forster holen konnte, ist bei vielen Bürgern unten durch.

Sauerland ist der Buhmann in der Revierstadt

Der Rathauschef steht seit vielen Monaten im Abwehrkampf. An diesem Sonntag sollen die Wahlberechtigten unter den 485.000 Duisburger Bürgern – erstmals in der Geschichte Nordrhein-Westfalens – entscheiden, ob sie ihren OB aus dem Amt befördern. Falls mindestens 91.478 Bürger gegen Sauerland stimmen, muss er seinen Sessel räumen. Ihm wird vorgeworfen, er habe das Techno-Spektakel auf Teufel komm raus nach Duisburg geholt, um sich als modernes Stadtoberhaupt zu inszenieren. Den Loveparade-Veranstaltern seien von den Ordnungsbehörden leichtfertig Genehmigungen erteilt worden. Damit falle Sauerland die politische und moralische Verantwortung für die Sicherheitslücken bei der Massenveranstaltung zu.

Kritiker halten dem Rathauschef vor, mit seiner Verwaltung bei den Auflagen für die Loveparade-Macher gemauschelt und an der Kante des Strafgesetzbuchs agiert zu haben. Mehr aber noch empört sie, dass Sauerland lange kein Wort des Bedauerns und der Entschuldigung gegenüber den ­Opfern über die Lippen gebracht hatte.

Der Rathauschef steht seit vielen Monaten im Abwehrkampf

„Wir meinen, er kann Duisburg nicht mehr vertreten, weder nach innen noch nach außen“, sagt Werner Hüsken, einer der Mitinitiatoren der Initiative Neuanfang für Duisburg. Die Initiative hat 79.000 Unterschriften zusammen , um das Abwahlverfahren durchzusetzen. Der OB sei unfähig, politische und moralische Verantwortung zu übernehmen.

Inzwischen schämt sich der hemdsärmlige CDU-Politiker selbst, dass er gegenüber den Angehörigen der Opfer und den Verletzten der Tragödie nie den richtigen Ton getroffen hat. Er habe „reagiert wie ein armes Schwein“, beichtete der Oberbürgermeister vor wenigen Wochen. „Dass ich Fehler gemacht habe, gestehe ich gerne zu.“ Nach der Katastrophe habe er tagelang neben sich gestanden. Engen Freunden vertraute der OB an, er habe in dieser Phase sogar daran gedacht, „gegen einen Baum zu fahren“.

Sauerland erstattet Anzeige wegen übler Nachrede

Der Gang durch die eigene Stadt wurde für Sauerland immer mehr zum Spießrutenlaufen. Nach Morddrohungen packte er seine Ehefrau und die vier schulpflichtigen Kinder ins Auto und brachte sie vorübergehend in ihrem Wochenendhaus im Rothaargebirge in Sicherheit, über 160 Kilometer von Duisburg entfernt. Sauerland selbst blieb stoisch an seinem Schreibtisch im Rathaus sitzen, obwohl er Angst gehabt habe, wie er heute bekennt. „Damals ging es für mich ums nackte Überleben.“

Bei ihm hätten sich telefonisch angebliche Auftragskiller gemeldet. Mehrfach sei sein Haus von Unbekannten ausgespäht worden. Im Internet kursierten Gerüchte, Sauerland habe seine Familie verlassen und lebe im benachbarten Mülheim mit einer türkischstämmigen Frau zusammen, die von ihm Zwillinge habe. Er hat daraufhin Anzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung erstattet. Gegen den namentlich bekannten Blogger läuft ein Strafermittlungsverfahren.

Nach Morddrohungen brachte Sauerland seine Familie in Sicherheit

Für Teile der städtischen Gesellschaft ist der Oberbürgermeister eine unerwünschte Person. Die Angehörigen der Opfer setzten durch, dass Sauerland nicht zur offiziellen Trauerfeier erscheinen durfte. Als Bundespräsident Christian Wulff wenige Wochen nach dem Unglück zu einem Konzert nach Duisburg kam, stand Sauerland beim Fototermin neben den Ehrengästen – alleine mit einem aufgespannten Regenschirm in der Hand. Dieses Bild ging ebenso durch die Republik wie die Fotos von dem Ketchup-Anschlag während einer öffentlichen Veranstaltung. Wie ein begossener Pudel wirkt der OB auf diesen Bildern, hilflos .

Doch seine Gegner halten ihn für einen abgezockten Polit-Strategen, der eine Hornhaut auf der Seele habe und dreist an seinem Sessel klebe. Sauerland sagte, er bleibe vor allem im Amt, um seine Mitarbeiter in der Stadtverwaltung nicht im Regen stehen zu lassen: „Eine Frage der Ehre.“ Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 17 Beschuldigte wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, darunter gegen elf Beamte aus dem Duisburger Rathaus.

Seine Gegner halten Sauerland für einen abgezockten Polit-Strategen

Sauerland selbst steht nicht im Visier der Ermittler. Im Gegensatz zu seinen Untergebenen soll er keine rechtswidrigen Bescheide und Genehmigungen für die Veranstalter des Techno-Spektakels unterschrieben haben. Dennoch trägt er schwer an dieser beispiellosen Katastrophe am Nachmittag des 21. Juli 2010. „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denke, keine Nacht, in der ich nicht aufwache“, sagt Sauerland.

Doch er brauchte nahezu bis zum ersten Jahrestag dieses Unglücks, um sich öffentlich „zu einer moralischen Verantwortung“ durchzuringen, weil er die Loveparade nach Duisburg geholt habe. „Die moralische Verantwortung, das gewollt zu haben, die übernehme ich, und das ist verdammt scheiße, damit zu leben.“ Dabei findet es der OB ungerecht, dass nur er politisch und moralisch für die Katastrophe haften soll. Er trage „ungefähr so viel Verantwortung“ wie jedes der übrigen 74 Ratsmitglieder auch. „Die jetzt rumrennen und sagen, der muss weg, sind alle abgetaucht“, klagt Sauerland. „Für die gab es nur einen Idioten, der das wollte, und das war der Oberbürgermeister.“

Bislang hat Sauerland die Rückendeckung der Landes-CDU

Bisher hat Sauerland die Rückendeckung der Landes-CDU. Der einzige christdemokratische OB im Ruhrgebiet soll unbedingt im Amt gehalten werden. Doch am Sonntag könnte es eng werden. Nach vertraulichen Informationen aus dem Rathaus haben bisher bereits 37 500 wahlberechtigte Bürger ihre Briefwahlunterlagen angefordert. Dies deutet auf einen hohen Mobilisierungsgrad hin.

Doch wer weiß? 48 Stunden vor Schließung der Wahllokale gibt es unter den Sauerland-Gegnern heftigen Streit wegen einer Zeitungsanzeige. Der Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks, Jörg Lorenz, erklärte am Freitag , die Person, von der die Anzeige mit einem Aufruf zur Sauerland-Abwahl stamme, habe „um Vertraulichkeit“ gebeten. Neben der SPD gehören die Grünen, die Linkspartei, der Deutsche Gewerkschaftsbund und das Bürgerbündnis „Neuanfang für Duisburg“ der Abwahl-Initiative an.

Sauerland gibt sich zuversichtlich

In einer unserer Zeitung vorliegenden vertraulichen E-Mail stellt Werner Hüsken das Ende der Gemeinsamkeit“ fest. Die teilweise rote Gestaltung der Anzeige ist für ihn „praktisch ein Eingeständnis, dass das gesamte Abwahl-Bündnis letztendlich unter dem Deckmantel der SPD agiert“ habe und „als Steigbügel für die SPD (diente), um wieder ans Ruder zu kommen.“

Der Rathauschef gibt sich gegenüber engen Mitarbeitern zuversichtlich. Selbstbewusst nennt er Umfragen, denen zufolge etwa 70 Prozent der Duisburger mit ihm „zufrieden“ sind. Deshalb rechnet er fest damit, zu bleiben. „Ich gehe in keine Abstimmung, deren Ausgang ich nicht kenne.“

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