Im Aichelberger Rathaus müssen alle mit anpacken: Die Bürgermeisterin Heike Schwarz (zweite von rechts) hat bei der Stimmenauszählung am Sonntag mitgeholfen. Foto: Holoc/h

Bei einem Bürgerentscheid im Kreis Göppingen spricht sich eine Mehrheit gegen den Bau eines nachhaltigen Gewerbegebiets an der Autobahn 8 aus.

Der interkommunale und nachhaltige Gewerbepark nördlich der Autobahn A 8 bei Aichelberg (Kreis Göppingen) ist Geschichte. Am Sonntag haben die Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde am Albrand bei einem Bürgerentscheid sich mehrheitlich gegen die weitere Planung ausgesprochen. Das 13,5 Hektar große Areal hätte mit direkter Anbindung an die A 8 vor dem Albaufstieg entstehen sollen.

 

Von den rund 1100 Wahlberechtigten haben beachtliche 61,4 Prozent ihre Stimme abgegeben. Für die Fortsetzung der Planung sprachen sich 44,4 Prozent der Wahlberechtigten aus, dagegen stimmten 55,6 Prozent.

Die Aichelberger Entscheidung ist in der gesamten Region und vor allem beim Verband Region Stuttgart (VRS) mit Spannung erwartet worden. Entsprechend groß ist die Enttäuschung bei Thomas Kiwitt, dem Chefplaner der Region: „Ich sehe im Kreis Göppingen aktuell keine vergleichbar große Fläche, die zudem noch so günstig an einer Autobahnauffahrt gelegen wäre.“ Es sei ein Irrglaube, wenn man meine, kleinere „08/15-Gewerbegebiete“ seien ökologisch verträglicher und verbrauchten weniger Boden. Genau das Gegenteil sei der Fall. „Kleinteiligkeit verbraucht letztlich mehr Fläche und geht zu Lasten der Nachhaltigkeit“, so Kiwitt.

Walter Rogg, der Chef der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, ist über das Abstimmungsergebnis entsetzt: „Der Gewerbepark Aichelberg hätte den Abstieg des Landkreises Göppingen zumindest abmildern können“, sagt er. Vor zehn Jahren habe Göppingen bei der dynamischen Entwicklung der Landkreise in Deutschland noch im vorderen Drittel rangiert. Mittlerweile gehöre der Kreis zu den zehn Standorten mit der geringsten Dynamik. „Der Kreis Göppingen bewegt sich auf einem Niveau mit Gelsenkirchen und der Uckermark. Ich sehr jetzt keine Möglichkeit mehr, aus diesem Tal wieder herauszukommen“, sagte Rogg.

Thomas Bopp, der Vorsitzende des VRS, ist ebenfalls ernüchtert: „Das ist leider kein ermutigendes Signal für die Zukunftsfähigkeit der Region Stuttgart. Wir werden aber weiterhin unermüdlich daran arbeiten, die für den Transformationsprozess des Industriestandortes erforderlichen Flächen zu finden und zu schaffen.“

Auf der Suche nach Flächen, um den Transformationsprozess vorantreiben zu können, stoßen die Verantwortlichen immer wieder an Grenzen. In den vergangenen Jahren hatten allein im Kreis Göppingen zwei Bürgerentscheide die Entwicklung von Gewerbegebieten bei Donzdorf und zwischen Uhingen und Ebersbach gestoppt. Auch im benachbarten Dettingen (Kreis Esslingen) mussten die Verantwortlichen ihre Pläne für die Entwicklung eines Vorhaltestandorts am Hungerberg begraben.

Zuletzt hatten allerdings zwei Kommunen, die vom VRS unterstützt wurden, Erfolge erzielt: Die Bürger in Weilheim (Kreis Esslingen) sprachen sich für die Ansiedlung der Brennstoffzellenfabrik Cellcentric und den Gewerbepark Rosenloh aus. Und auch die Mundelsheimer votierten für die Entwicklung des Gebiets Benzäcker.

Bürgerinitiativen für und gegen das Projekt

In Aichelberg hatten die Pläne für den interkommunalen Gewerbepark, der ausschließlich auf Aichelberger Markung hätte liegen sollen, heftige Diskussionen ausgelöst. Sowohl die Gegner als auch die Befürworter schlossen sich in Bürgerinitiativen zusammen und sammelten Argumente für und gegen das Gebiet. Fünf der sechs Gemeinden des Verbands Raum Bad Boll wollten sich am Gewerbepark beteiligen. Lediglich Bad Boll hatte sich aus Umweltgründen aus dem Projekt zurückgezogen. Im Vorfeld hatte sich auch die Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, Nicole Razavi, für das Projekt eingesetzt.

Im nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten Weilheim gehen indes die Vorbereitungen für das Gewerbegebiet Rosenloh in die entscheidende Phase. Im Juli soll der Feststellungsbeschluss zur Änderung des Flächennutzungsplans getroffen und dann vom Landratsamt genehmigt werden. Ebenfalls im Juli soll der Weilheimer Gemeinderat den Auslegungsbeschluss zum Bebauungsplanverfahren fassen. Noch in diesem Jahr soll dann der Bebauungsplan beschlossen werden. Mit rund 15 Hektar Fläche wird Cellcentric, ein Joint-Venture von Daimler-Truck und Volvo, der Hauptnutzer des rund 30 Hektar großen Gewerbegebiets sein. Auf Nachfrage unserer Zeitung heißt es bei Cellcentric, dass man fest mit einem Baubeginn noch im laufenden Jahr rechne.