Die Bürger in Dettingen (Kreis Esslingen) haben mit deutlicher Mehrheit entschieden: Der Hungerberg bleibt Ackerland.
Dettingen - Der Hungerberg bleibt Ackerland. Beim Bürgerentscheid in Dettingen (Kreis Esslingen) hat eine große Mehrheit der stimmberechtigten Einwohner dafür plädiert, dass 21,6 Hektar große Areal weiter in seiner bisherigen Form als landwirtschaftliche Fläche zu nutzen. Für den Erhalt stimmten 61,5 Prozent, für eine Neunutzung 38,5 Prozent. Die Wahlbeteiligung war mit 73,8 Prozent vergleichsweise hoch. Das ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die Abstimmung parallel zur Bundestagswahl stattgefunden hat.
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Vom Tisch ist damit der Wunsch des Verbands Region Stuttgart (VRS), einen 21,6 Hektar großen Teil des Hungerbergs, der in einem regionalen Grünzug liegt, als regionalen Vorhaltestandort für einen Hochtechnologie-Gewerbepark auszuweisen. Für den wirtschaftlichen Transformationsprozess und zum Erhalt der Wirtschaftskraft in der Region brauche es, so der VRS, freie Flächen, die man vergleichsweise zeitnah interessierten Firmen anbieten könne.
Initiative Hungerberg feiert den Erfolg
Der Bürgerentscheid richtete sich dabei nicht direkt gegen die Pläne des VRS. Denn um den Hungerberg als Gewerbegebiet ausweisen zu können, hätte Dettingen zunächst für den Hungerberg einen neuen Bebauungsplan aufstellen müssen. Im Dettinger Gemeinderat hatte sich Anfang des Jahres eine hauchdünne Mehrheit für diese Variante ausgesprochen.
Doch gegen diese Entscheidung hatte sich Widerstand formiert. Die Initiative Hungerberg hatte zunächst ein Bürgerbegehren organisiert und damit den Bürgerentscheid erzwungen, der nun das Aus für den Bebauungsplan und damit für das Gewerbegebiet Hungerberg bedeutet. „Wir freuen uns sehr, dass eine so große Mehrheit der Dettinger unsere Positionen geteilt haben“, erklärte Michael Hahn, der Vertrauensmann und Sprecher der Initiative Hungerberg, am Sonntagabend: „Das ist ein guter Tag für Dettingen.“ Aus Sicht der Gewerbeparkgegner hätte das Projekt Verluste bei Böden und für die Umwelt gebracht, die ohnehin angespannte Wohnraumsituation in der Region Kirchheim weiter verschärft und mehr Verkehr in die Dettinger Ortsmitte gebracht.
Zwei weitere Projekte stehen auf dem Prüfstand
Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann hingegen bedauert den Ausgang. Er betonte jedoch auch: „Das ist aber ein klares Ergebnis, das auch nicht interpretierbar ist. Der Vorhaltestandort ist damit gestorben.“ Er erwarte von allen Beteiligten, dass sie nun, „nachdem dieses Sachentscheidung gefallen ist, von Montag an ihren Beitrag leisten, um die Gräben, die durch den Bürgerentscheid entstanden sind, zuzuschütten.“
Spannend wird nun sein, wie der Verband Region Stuttgart mit diesem Ergebnis umgehen wird. Es ist seit Anfang 2020 bereits der dritte durch einen Bürgerentscheid gestoppte Versuch der Region, neue Vorhaltestandorte für Hochtechnologie oder Gewerbegebiete zu schaffen. Allein 2020 musste der VRS die Pläne für die Gewerbeparks Fils und Lautertal begraben. Momentan stehen zwei ähnliche Projekte in Aichelberg (Kreis Göppingen) und in Mundelsheim (Kreis Ludwigsburg) auf dem Prüfstand. Auch hier formiert sich bereits Widerstand gegen die Pläne der Region.
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In einer ersten Stellungnahme versuchte Thomas Kiwitt, der Chefplaner des Verbands Region Stuttgart, die Entscheidung der Dettinger Bürger einzuordnen: „Ein ähnliches Ergebnis hatten wir in Donzdorf. Das zeigt, wie schwach unsere Position ist, wenn wir keinen klaren Investor benennen können.“ Der VRS könne da nichts machen, denn für das Baurecht sei nun einmal die Gemeinde zuständig – und deren Bürger hätten eine klare Entscheidung getroffen. Kiwitt: „Natürlich müssen wir weitersuchen, zunächst aber einen weiteren sehr geeigneten Standort von unserer Liste streichen.“ Kiwitt nahm die Entscheidung mit Galgenhumor: Etwas Positives könne man dem Wahlabend in Dettingen aber dennoch abgewinnen: „Immerhin wussten wir in Dettingen schneller als in Berlin, wohin die Reise geht.“
Zunächst einmal eine Atempause
Schon in der vergangenen Woche hatte die Regionaldirektorin Nicola Schelling angekündigt, dass man sich im Fall eines Scheiterns zunächst einmal eine Atempause beim Thema der Ausweisung von Gewerbestandorten gönnen wolle. Dann werde man mit den Regionalräten über das weitere Vorgehen beraten.
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