Hagen Dilling, Leiter der Abteilung Forsten beim städtischen Gartenamt, bei der Bestandsaufnahme im Silberwald: "Ideal wäre es, wir könnten das Waldgebiet alle fünf Jahre durchforsten." Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Kahlschlag, Raubbau: Die Kritik der Bürger an der Forstabteilung reißt nicht ab, wenn im Stuttgarter Wald Bäume gefällt werden. Sind die Vorwürfe berechtigt? Beim Spaziergang durch den Silberwald erklärt Hagen Dilling, Leiter der Abteilung Forsten beim städtischen Gartenamt, was im Wald passiert.

Stuttgart - Die Waldarbeiten beginnen sobald kein Laub mehr an den Bäumen ist und enden im Frühjahr. Seit vergangener Woche sind die Absperrbänder weg, die Baumfällarbeiten abgeschlossen. Doch an den Wegrändern im Silberwald und vielen anderen Waldgebieten in der Landeshauptstadt reiht sich noch ein Stapel mit gefällten Baumstämmen an den nächsten. Viele Spaziergänger haben dadurch den Eindruck:

Das ist ja Kahlschlag!

„Ich kann gut verstehen, dass Spaziergänger diesen Eindruck haben“, sagt Hagen Dilling. Dann zeigt der Leiter der Abteilung Forsten beim städtischen Garten- , Friedhofs- und Forstamt in den Wald, sagt: „Da stehen aber noch viele Bäume. Kahlschlag sieht anders aus, davon kann also keine Rede sein“.

Er meint das nicht ironisch: Im vergangenen Herbst wurden von 4300 Hektar Stadt- und Staatswald auf Stuttgarter Gemarkung insgesamt 125 Hektar aus der Bewirtschaftung heraus genommen und als Refugium für Pflanzen und Tiere ausgewiesen. In den 1 bis 13 Hektar großen Flächen dürfen keine Bäume mehr gefällt werden.

Eingeschlagen werden seit 2014 etwa 24 000 Kubikmeter Holz pro Jahr. Das sind im Jahr 3500 Kubikmeter weniger als im Zeitraum zwischen 2003 und 2014. Von den 24 000 Kubikmetern werden 19 000 Kubikmeter per Lkw aus dem Wald transportiert. Ein Lkw transportiert gute 35 Kubikmeter. Das macht im Jahr so etwa 560 Fahrten und pro Arbeitstag 2,5 Fahrten. Durch den regen Verkehr schließen viele Waldbesucher:

Jedes Jahr werden Bäume gefällt!

„Das stimmt nicht. Ideal wäre es, wir könnten das Waldgebiet alle fünf Jahre durchforsten. So schnell kommen wir aber gar nicht rum. Tatsächlich schaffen wir das nur etwa alle sieben Jahre“, versichert Dilling. Jedoch werde die gesamte Fläche eines Waldgebiets nicht im Hauruck-Verfahren auf einmal, sondern in Etappen nach und nach bearbeitet. Dadurch sehe es für die Bürger so aus, als seien die Fällarbeiten jedes Jahr.“

Ein riesiger Baumstumpf verrät, dass die gefällte Tanne ein paar Meter abseits eines Rundwegs durch den Silberwald recht alt gewesen sein muss. Dilling zählt mit Zuhilfenahme seines Taschenmessers die Ringe am abgesägten Stamm: „100 Jahre war sie etwa.“ Die gefällte Buche direkt daneben war in etwa genau so alt. Werden alte Bäume gefällt, tut das Naturfreunden besonders weh. Häufig argwöhnen sie:

Unnötige Fällungen, Schlamperei, Raubbau

Auch gesunde, alte Bäume müssen dran glauben!

Es gibt Faustregeln dafür, wann ein Baum gefällt wird: Tannen zum Beispiel ab einem Durchmesser von etwa 60 Zentimetern in Brusthöhe. Der Grund ist, dass die Tannenstämme ab einem gewissen Alter nässen. Das Ergebnis: Der Baum verfault in relativ kurzer Zeit. „Damit das Holz bleibt, sollte vorher gefällt werden“, sagt Dilling.

Nachdem die Tanne weg war, hätte der stärkere Lichteinfall dazu geführt, dass sich die Buchenkrone ausgedehnt und einer Lärche in der Sonne gestanden hätte. Die Lärche ist aber gesund und hat noch eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren. „Im Blick auf Stuttgart in 100 Jahren hat der Förster entschieden, die Buche zu Gunsten der Lärche aus dem Wald zu nehmen“, erklärt Dilling.

Ein Stück weiter stehen mehrere Eichen mit blauen Punkten. „Das bedeutet, dass die Waldarbeiter beim Fällen umstehender Bäume besonders aufpassen müssen, dass den gepunkteten Kollegen nichts passiert. Dilling: „Bäume mit Punkten wie die Eichen sind so genannte Zukunftsbäume und werden möglichst nicht gefällt.

Zum Zukunftsbaum macht sie der Klimawandel: Eichen kommen besser mit höheren Temperaturen zurecht als die Buchen. Deshalb werden Eichen im Blick auf die Erwärmung gefördert. Bäume mit Strichen auf dem Stamm werden hingegen gefällt. Überall wo Bäume geschlagen wurden, liegen Berge von Ästen und Baumkronen rum. Die Wege sind von den Maschinen der Waldarbeiter zerfurcht. Deshalb sind viele Wanderer überzeugt:

Die Arbeiter lassen alles liegen!

Die angebliche „Schlamperei“ hat laut Dilling gute Gründe: Kleinmaterial wie Äste müssen noch bis August liegen bleiben. Denn die Haufen bieten vielen Tieren Unterschlupf und Vögeln Nistplätze. Ab August können Privatleute zum Holz machen in den Wald und sich zum Beispiel mit Brennholz für den Kamin eindecken. „Danach sieht es wesentlich besser aus. Außerdem enthalten die Reste Nährstoffe, die dem Boden zu gute kommen sollen“, so Dilling.

Der Zustand der Wege, vor allem die Verdichtung des Bodens, ist tatsächlich ein Problem, vor allem wenn der Frost ausfällt und die schweren Maschinen über die aufgeweichten Wege fahren. Sobald das Holz aus dem Wald ist, wird der Schlamm weg geschafft. Die Wege werden geebnet und anschließend abgesplittet. Sind in sieben bis acht Jahren wieder Arbeiten fällig, werden die gleichen Wege benutzt.

Häufig sieht sich Dilling sich auch mit dem Vorwurf konfrontiert:

Im Wald wird Raubbau betrieben!

Die Stadt verdient am Wald: 1,2 Millionen Euro nimmt sie durch den Verkauf von Holz pro Jahr ein. Weichholz wird häufig für Dachstühle, Hartholz für Parkettböden und Möbel verwendet. Die Papierindustrie ist Abnehmer. Etwa das doppelte der Einnahmen, 2,4 Millionen Euro, sind nötig, um den Wald samt Spielplätzen, Weihern und allem, drum und dran in Schuss zu halten.

Stadt und Land haben einen gemeinsamen Forsteinrichtungsplan. Darin sind die Ziele festgelegt. Vorrangig ist es, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten und brüchige Bäume am Straßenrand zu fällen. Dann geht es um den Erhalt der Kaltluftschneisen. Und schließlich um die ökologische Bedeutung des Waldes und die als Erholungsraum für die Bevölkerung. Wenn das alles gewährleistet ist, geht es um den wirtschaftlichen Aspekt“, sagt Dilling.

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