Eröffnung des neuen Open Piano am Charlottenplatz mit Chor und Zuhörern. Foto: Lg/L. Piechowski

Spendable Stuttgarter Bürger haben’s möglich gemacht: Am Charlottenplatz steht seit dieser Woche ein neues Open Piano. Am Mittwochabend wurde es eingespielt und besungen.

Klavierspielen in die Unterführung – wo gibt’s denn so was? In Stuttgart, an der Stadtbahnhaltestelle am Charlottenplatz! Und dank der finanziellen Rettungstat von Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern gibt’s das auch weiterhin: die Rede ist von dem inzwischen stadtbekannten Open Piano. Ein Klavier für alle.

 

„Die Erfolgsgeschichte geht weiter!“, sagte eine freudestrahlende Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin (Linke/SÖS-plus) am Mittwochabend bei der Einweihung des neuen Klaviers – des mittlerweile dritten an diesem Standort. Etwa alle eineinhalb Jahre muss das Instrument aufgrund starker Beanspruchung ersetzt werden. Und genau das ist jetzt erfolgt oder besser gesagt geglückt, denn zwischenzeitlich sah es so aus, als scheitere die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte am Geld. Seit zwei Wochen jedoch ist klar: sie scheitert nicht.

Die Jugendkunstschule hat das Klavier in einen „Eyecatcher“ verwandelt

„Was für ein wunderbares Weihnachtsgeschenk“, schwärmte Müller-Enßlin, umrahmt vom Kinder- und Männerchor Wolfsbusch, die – dirigiert von Chorleiterin Edith Hartmann und begleitet am Open Piano – mit Begeisterung und langem Atem Weihnachtslieder sangen. Im Hintergrund das Quietschen der Stadtbahnen. Drumherum viele fröhliche Menschen und Passanten. Unter ihnen die edlen Spender des Klaviers und weiterer 5500 Euro zu dessen Pflege: Vater Matthias und Sohn Sammy-Miles Geiger von der Firma Geiger&Co. Immobilien GmbH. Außerdem das Ehepaar Regina und Rudolf Gläsche, das kurzentschlossen 6000 Euro beigesteuert hatte, damit das Musikangebot am Charlottenplatz mindestens zwei weitere Jahre fortgesetzt werden kann. Dazu kamen in dieser Woche weitere 2500 Euro, die der Bezirksbeirat Mitte loseiste.

Die Idee zum Open Piano hatte vor drei Jahren der Sohn von Guntrun Müller-Enßlin. Er konnte seine Mutter dafür gewinnen, die ihrerseits andere davon überzeugte – bis hin zu den Stadtratskolleginnen und -kollegen, die das Klavier-für-alle-Piano-Projekt in den vergangenen beiden Jahren mit jeweils 8000 Euro förderten. Weil dafür künftig städtischerseits kein Geld mehr da ist, wandte sich Müller-Enßlin jüngst an die Öffentlichkeit – und wurde von Klavierangeboten und Solidaritätsadressen fast überrollt. „Es war unglaublich, was sich in den letzten Wochen abgespielt hat“, sagte sie bei der Eröffnung. Unglaublich positiv. Von überall her meldeten sich Fans des Open Piano. Die Stadträtin konnte sogar unter mehreren Klavieren auswählen.

Die Wahl fiel auf ein robustes Instrument der Traditionsmarke Ibach, das bei Sammy Miles-Geiger in der Wohnung stand. „Hier am Charlottenplatz ist es besser aufgehoben“, findet der junge Unternehmer. Die Jugendkunstschule tauchte es einmal in Pink und passte es optisch an die kleine Konzertbühne in der Unterführung an. „Ein echter Eyecatcher“, findet Müller-Enßlin.

Auch das Ehepaar Gläsche aus Heumaden sieht sich vollauf bestätigt. Beruflich hatte Rudolf Gläsche mit Kapitalanlagen zu tun. „Das hier ist unsere beste Investition seit langem“, schwärmt er. Eine Investition in die Stadtgesellschaft, ins Stadtbild und in ideelle Werte, findet der 62-Jährige. „Wir fühlen uns wohl mit unserer Spende und sehen uns jeden Tag mehr darin bestärkt.“ Nie hätten die Gläsches vermutet, wieviel Dankbarkeit ihnen als Spender begegnet. An diesem Abend auch in Gestalt eines jungen Mannes, der häufig hier Piano spielt: „Danke, dass Sie das getan haben“, sagt der Junge mit Baseballcap gerührt.

Was das Open Piano bewirkt hat, zeigt sich eindrucksvoll im Gespräch mit dem 17-jährigen Noah Stooß. Der Schüler und begeisterte Fotograf hat am Charlottenplatz Klavierspielen gelernt – wie etliche andere junge Leute auch. Er ist Teil einer Open-Piano-Community, die sich hier begegnet und voneinander lernt. Es gibt sogar eine Open-Piano-Whats-App-Gruppe. Ihr Mittelpunkt ist Abdul Rahman al Ali, der junge Syrer und Autodidakt, den inzwischen halb Stuttgart kennt. Abdul und die Piano-Crew spielen dreihändig, vierhändig und haben jede Menge Spaß. „Darf ich auch mal“, fragte der 13-jährige Jakob, der gerade auf dem Weg zur Stadtbahn ist. Er setzt sich hin spielt die Titelmelodie aus der „Fabelhaften Welt der Amélie“ und geht weiter. Hier wird klar: Klavierspielen ist cool, und besonders cool ist es an der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz. Die Leute bleiben stehen, es gibt Applaus, manche singen mit. „Man spielt nicht nur für sich, sondern auch für die anderen“, sagt der 24-jährige Cris, ebenfalls Autodidakt: „Da entstehen dann diese besonderen, gemeinsamen Momente.“

Ein Open-Piano auch in der Klettpassage? „Wäre cool!“

Noah, Cris und die anderen können sich auch vorstellen in der Klett-Passage zu spielen, wenn es dort ebenfalls ein Open Piano gäbe. Aktuell gibt es dort Musik aus der Konserve, nichts Persönliches. „Wäre cool“, sagt Cris. Die Klavier-Spender Sammy-Miles und Matthias Geiger haben noch eine andere Idee: „Wie wär’s mit einem Weltrekordversuch fürs Guiness-Buch der Rekorde?“, meinen sie. Klavierspielen am Stück – und das für den guten Zweck, ähnlich wie bei Spendenläufen. „Hilft auch gegen die schlechte Laune in der Stadt.“ Die Geigers wären dabei.