Oberhalb der Lapp-Baustelle besitzt Roland Würth eine kleine, unbebaute Gewerbefläche – er fühlt sich übergangen. Foto: Werner Kuhnle

Der Kabelhersteller Lapp baut in Ludwigsburg ein großes Logistikzentrum, zum Ärger eines angrenzenden Grundstücksbesitzers. Nach etlichen Gesprächsterminen kommen die Seiten immer noch nicht zusammen – an einem Tag eskalierte offenbar der Konflikt.

In der prallen Sonne rollen die Baugeräte über den trockenen, platt gewalzten Boden – Staub wirbelt auf. Bauarbeiter rufen Kommandos, Greifer graben sich in die Erde und bewegen Unmengen an Geröll. Willkommen auf der Lapp-Baustelle in Ludwigsburg, der größten Einzelinvestition in der Geschichte des bekannten Kabelherstellers. Erst im April wurde mit einem feierlichen Spatenstich der Bau des Logistikzentrums mit Kosten im hohen zweistelligen Millionenbereich begonnen, doch schon jetzt gibt es Ärger mit einem angrenzenden Nachbar. Im Raum stehen Anschuldigungen, Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung – sowie die Frage, ob alles nur ein großes Missverständnis ist.

 

Roland Würth ist Rentner aus Ludwigsburger. Er ist sauer. Seit 2019 hat er ein rund 2000 Quadratmeter großes Grundstück im Gewerbegebiet Hintere Halden zwischen der Autobahn 81 und dem Ludwigsburger Ortsteil Pflugfelden. Von Anfang an sei es sein Ziel gewesen, das Stück Land an einen Maschinenbauer der Region zu verpachten, der das Gelände bebauen und „hochwertige Arbeitsplätze“ schaffen könnte. Mit einem Unternehmen habe er über Monate intensive Gespräche geführt, das Interesse sei groß gewesen, sagt Würth – dann sei der Deal jedoch geplatzt.

Hat die Stadt Roland Würth wirklich ignoriert?

Grund ist die Lapp-Baustelle, die dem Wert seines Grundstücks extrem geschadet habe, sagt Würth. Besonders die Zufahrt zu seiner Fläche sei durch das neue Logistikzentrum nicht mehr möglich. „Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass ich da noch etwas Sinnvolles umsetzen kann“, sagt Würth.

Was ihn besonders wütend macht: Seine Probleme seien sowohl Lapp als auch den Entscheidern der Stadt gleichgültig, sagt er. Bei wichtigen Besprechungen sei er immer wieder nicht miteinbezogen worden. Seine Interessen seien ignoriert worden, während die Stadt dem Willen eines großen Unternehmens nachgegeben habe.

Der Konflikt zwischen dem aufbäumenden Bürger und dem Kabelhersteller eskalierte Ende Juli in zwei Strafanzeigen. Der Konflikt hat sich wohl schon in den Wochen zuvor hochgeschaukelt. Lapp errichtete Bauzäune, die Umweltbehörde einen Eidechsen-Schutzzaun an der Grundstücksgrenze, Roland Würth daraufhin eine Tritthilfe, um über den Eidechsen-Schutzzaun zu kommen. An einem Tag, Roland Würth will die Fläche für eine Besichtigung vorbereiten, entbrennt ein Streit zwischen Würth und einigen Bauarbeitern.

Was an diesem Tag an der Grundstücksgrenze im Gewerbegebiet passiert ist, lässt sich im Nachhinein nicht unabhängig erfassen. Beide Seiten werfen sich laut Polizeiangaben jedenfalls aggressives Verhalten vor. Lapp zeigt noch am gleichen Tag Roland Würth wegen Sachbeschädigung an – er soll den Eidechsen-Zaun beschädigt haben. Lapp-Pressesprecher Daniel Kurr bittet um Verständnis, dass er sich „nicht zu Detailfragen über einzelne Anlieger“ äußern wird. Roland Würth erstattet daraufhin selbst Anzeige wegen Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Beleidigung.

Das Polizeirevier Ludwigsburg ermittelt aktuell zur Anzeige gegen Roland Würth, seine Vorwürfe gegen Lapp werden noch überprüft. Ob dann Ermittlungen folgen, ist noch offen.

So soll das Logistikzentrum für 5000 Mitarbeiter einmal aussehen. Foto: Lapp

Allgemein äußert sich das Unternehmen Lapp nur schmallippig zum Konflikt, versichert jedoch, „jegliche Auswirkungen auf Anlieger gering zu halten“. Grundsätzlich sei Lapp immer gesprächsbereit und im Bestreben nach einer guten Nachbarschaft. Die Stadt Ludwigsburg wirkt derweil etwas gefrustet. „Wir wehren uns klar gegen den Vorwurf, den Wert seines Grundstücks gemindert zu haben. Eine Schädigung von Herrn Würth ist nicht erkennbar“, schreibt Peter Spear, Pressesprecher der Stadtverwaltung.

Es stimme zudem nicht, dass Würth nicht in die Planungen miteinbezogen wurde. Lapp und die Stadt Ludwigsburg habe sich sogar des Problems mit der Anfahrt auf das Grundstück angenommen und einen Vorschlag unterbreitet. Den Kompromiss könne man als „äußerst fair“ bezeichnen, sagt Spear. Bei zwei Treffen sei sogar Oberbürgermeister Matthias Knecht anwesend gewesen, wohl auch, um zu signalisieren, wie ernst das Anliegen genommen wird.

Auch Knecht meldet sich auf Nachfrage zu Wort: Die Stadt wolle Familien- und Weltunternehmen wie Lapp unterstützen, die sich zudem gesellschaftlich für Ludwigsburg engagieren. „Ich möchte trotzdem herausheben, dass ich weiterhin diesen Weg des vorgeschlagenen Kompromisses mit Herrn Würth sehe und verfolgen werde, denn auch seine Interessen sind mir wichtig.“

Die Kommunikation zwischen den Parteien steckt in einer Sackgasse. Roland Würth fühlt sich nicht verstanden, die Stadtverwaltung Ludwigsburg ebenfalls. Eine Einigung scheint aktuell unwahrscheinlich. Von der Stadt sei er enttäuscht, mit dem Unternehmen Lapp will er nicht mehr an einem Tisch sitzen, sagt Würth. Auch wenn der Kabelhersteller seine beste Möglichkeit wäre, mit dem Grundstück noch etwas zu seiner Rente hinzuzuverdienen. An Lapp verpachten, beispielsweise für Parkflächen, komme aber gar nicht infrage, sagt Würth. Das sei eine Frage der Ehre.