Das Citizen.Kane.Kollektiv inszeniert Büchners „Woyzeck“ als performativen Spaziergang und entdeckt in Stuttgart-Freiberg aktuelle Seiten des Dramas. Premiere ist am 7. Mai.
Der Held aus Georg Büchners berühmtem Drama ist umgezogen. „70437 Woyzeck“ steht auf den Plakaten, die für die neue Produktion des Citizen.Kane.Kollektivs werben. Kollektivmitglied Christian Müller informiert über die Strecke des Woyzeck-Walks.
Herr Müller, wieso spielt Ihr neues Stück ausgerechnet in Stuttgart-Freiberg?
Wir wollten uns einmal nicht in der Innenstadt, sondern an den Rändern nach einem neuen Spielort umschauen. In Freiberg haben wir einen Stadtteil gefunden, der wenig Punkte hat, die urbanes Leben möglich machen. Dabei steht die Wohnsiedlung für eine architektonische Utopie, die eine bessere Stadt wollte. Gefunden haben wir die Bestrebungen von Vereinen und Initiativen, etwas auf die Beine zu stellen. Zu solchen Orten der Solidarität führt unser performativer Spaziergang.
Wie passt Büchners Drama dazu?
Wir sind auf „Woyzeck“ gestoßen, als wir überlegten, wie wir die Stationen in Freiberg verknüpfen können. Das Stück spiegelt viele aktuelle Themen, die wir auch im Stadtteil gefunden haben. Soziale Ungleichheit zum Beispiel, auch Woyzeck steht unter enormem sozialem Druck. Er ist Soldat, auch in Freiberg leben Menschen, die Opfer von Kriegen sind. Das Drama erzählt zudem die Geschichte eines Femizids und ist ein Fragment. Keiner weiß, in welcher Reihenfolge die Szenen gespielt werden sollen. Das gibt uns große Freiheit. Außerdem haben wir nach einem international bekannten Stoff gesucht.
Warum?
Wir sind mit anderen Ensembles aus Europa Teil des größeren Projekts SOLICult EU, das fragt, wie Kunst solidarisch sein kann. Wir hatten Regie-Studierende aus Rumänien zu Gast, die hier recherchiert haben und werden im Juni in Bukarest spielen. Nach der Kürzung unserer Förderung durch die Stadt um 20 Prozent brauchen wir solche Unterstützungen, wenn wir weiterhin eine große Produktion im Jahr realisieren wollen. Kleinere, rechercheintensive Projekte fallen weg; auch müssen wir die Zahl der Vorstellungen reduzieren.
Am Stadtspaziergang sind auch Menschen aus Freiberg beteiligt – inwiefern?
Die Geschichte Woyzecks begleitet das Publikum als Hörspielfassung; diese haben wir von Menschen aus Freiberg einlesen lassen. Zu hören sind zum Beispiel Stimmen aus dem Christoph-Ulrich-Hahn-Haus, das obdachlosen Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen ein Zuhause bietet. Mit einer Schwertkampfszene ist der Verein Gladiatores vertreten, mit einem Square-Dance-Auftritt die Stuttgarter Strutters. Neben Ausstellungen und Installationen gibt es viele Szenen, die auch für zufällige Passanten Schauwert haben sollen.
Was haben die Orte, die „70437 Woyzeck“ besucht gemeinsam und wie lang ist der Weg, an dem sie liegen?
Woyzeck konnte nicht über die psychischen Probleme sprechen, die auf ihm lasteten. Unser Walk führt an Orte, die für das Gegenteil davon stehen: Sie laden als Teil einer offenen Stadtgesellschaft dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wohnbaugenossenschaften machen in Freiberg zum Beispiel Kommunikationsangebote. Uns geht es um die Wertschätzung dieser Arbeit. Zurückzulegen sind auf dem mit einer Einschränkung barrierefreien Walk rund 2500 Meter in zwei Stunden.
Mit Woyzeck hoch hinaus
Termine
Premiere ist am 7. Mai. Weitere Vorstellungen gibt es jeweils um 19 Uhr bis zum 10. Mai. Tickets gibt es online unter https://citizenkane.de
Ort
Startpunkt des performativen Walks ist das Christoph-Ulrich-Hahn-Haus an der U7-Haltestelle „Himmelsleiter“. Die Tour führt rund um das Hochhaus Adalbert-Stifter-Straße 2 und 4, das mit 22 Stockwerken einst das höchste Wohnhaus Deutschlands war.