Jürgen Rose mit Dingen, die er für das Bühnenbild von „Mayerling“ auf Flohmärkten gefunden hat. Weil Kronprinz Rudolf ein begeisterter Ornithologe war, sind ausgestopfte Vögel dabei. Foto: Stuttgarter Ballett

Jürgen Rose ist zurück. Fast dreißig Jahre hat der Bühnenbildner in Stuttgart kein Ballett mehr ausgestattet. Jetzt gibt der 81-Jährige „Mayerling“ neuen Glanz, Premiere ist am Samstag.

Stuttgart - Wie schafft es einer, der als detailverliebt, ja als Perfektionist gilt, ein solches Ballett auszustatten? Jürgen Rose sieht selbst im harten Neonlicht der Garderobe, in der wir ihn im Opernhaus zum Gespräch treffen, erstaunlich entspannt aus für einen Künstler, der im Auftrag des Stuttgarter Balletts in den vergangenen drei Jahren eine Liste mit 198 Kostümen und zehn Bühnenbildern abgearbeitet hat.

Im exakt nachgebildeten Ambiente des österreichischen Kaiserreichs erzählt Kenneth MacMillan in seinem groß angelegten Ballettdrama „Mayerling“, das an diesem Samstag im Opernhaus Premiere hat, vom Weg des Kronprinzen in den Selbstmord, das Stück heißt nach dem Jagdschloss, in dem sich Rudolf mit seiner Geliebten erschoss. „Genau das war das Problem für mich: Keine Fiktion, dieses Stück spielt in historischen Räumen, seine Personen hat es tatsächlich gegeben“, sagt Jürgen Rose. Von fast jedem der 25 Charaktere hat er bei seinen umfangreichen Recherchen Fotografien gefunden.

Wie umgehen mit der Fülle an Wissen? Jürgen Rose zeichnete nach alten Stichen und Fotos eine neue Welt in Schwarzweiß, nur den Hauptfiguren gestand er Farbakzente zu. Er zeichnete Männer in Uniformen mit Säbeln, Schärpen und Orden, er zeichnete Damen in üppigen Roben, er orderte Stickereien, Spitzen und Stoffe aus der ganzen Welt. Historisch exakt sollten die Kostüme sein, so wollte es MacMillan, „aber sie müssen auch tanzbar sein“, sagt Jürgen Rose.

Kenneth MacMillan wohnte nebenan

Über den Willen des 1992 verstorbenen Choreografen wacht heute MacMillans Witwe. Eine aktuellere „Mayerling“-Ästhetik hätte sie nie erlaubt, und für Jürgen Rose ist die historische Genauigkeit, für die er auf Flohmärkten und in Antikhallen nach alten Möbeln suchte, auch Voraussetzung, um das Drama Rudolfs zu verstehen. „Nur so kann man sehen, wie er scheitert: an dieser Zeit und ihrer Politik, an der militärischen Erziehung, an dem Konflikt zwischen Preußen und Österreich-Ungarn.“ MacMillan habe sich für Charaktere interessiert, die kompliziert seien und Schicksalsschläge aushalten mussten, sagt Rose, der in Berlin drei Jahre lang Nachbar des Choreografen war. „Er hat eigene Ängste und Konflikte in seinen Balletten aufgegriffen.“

In Wien, Moskau und 2020 in Paris wird MacMillans „Mayerling“, 1978 in London uraufgeführt, in der alten Ausstattung von Nicholas Georgiadis getanzt. Für die deutsche Erstaufführung hat der neue Intendant Tamas Detrich mit Jürgen Rose einen neuen Ausstatter verpflichtet, dessen Name an die Wunderzeiten des Stuttgarter Balletts anknüpft. Mit „Romeo und Julia“, mit „Onegin“ kam auch für Rose der Erfolg. Von John Cranko gelernt hat der Bühnenkünstler, die skizzenhafte Leichtigkeit eines Entwurfs in der Umsetzung zu bewahren. Für „Mayerling“ hat Rose deshalb die Zeichnungen der Räume vergrößert auf Tüll drucken lassen. „In der Londoner Ausstattung ist alles konkret, was bei mir nur angedeutet wird, Lampen etwa oder Gemälde. Es soll historisch scheinen, aber mit der Beleuchtung wird der Eindruck weggewischt“, sagt Rose, der sich mit eigenen Eingriffen und Ideen erlaubt, „die Szenen inhaltlich stärker zu machen“.

Alte Stars kehren zurück

Was Deborah MacMillan dazu sagen wird? Jürgen Rose lacht gelöst. Die Cosima des Balletts, wie man die strenge Sachwalterin nennt, habe er als sehr aufmerksame, aufgeschlossene Person kennengelernt. Und da sie an vielen Besprechungen im Vorfeld teilgenommen hat, wird sie erst kurz vor der Premiere eine Bühnenprobe sehen, da sei es für größere Änderungen dann zu spät. Wobei Jürgen Rose während der Arbeit an „Mayerling“ den intensiven Austausch mit einem kreativen Partner vermisst hat, wie ihn einst John Cranko oder John Neumeier ihm boten. „Mir hat dieser Dialog, wenn man während einer Neukreation mit einem Choreografen oder Regisseur gemeinsam etwas entwickelt, wahnsinnig gefehlt“, sagt Rose.

Ansonsten war für Jürgen Rose in Stuttgart, wo seine Kunst auf der Bühne zwar präsent ist, er selbst aber seit 27 Jahren nicht mehr als Ausstatter tätig war, alles beim Alten und die Theaterwelt in schönster Ordnung: „Das Staatstheater ist eines der wenigen großen Häuser, wo alle Werkstätten unter einem Dach und die Wege kurz sind. Das ist ein unglaublicher künstlerischer Vorteil bei einer Arbeit, bei der so vieles ineinandergreift.“ Da hier aber derzeit mit drei neuen Intendanten viel Neues entsteht, mussten die „Mayerling“-Kostüme zum Teil in Düsseldorf und Bratislava genäht werden. Doch beim Umtrunk, zu dem Jürgen Rose Anfang der Woche in den Malersaal geladen hat, um sich „für eine große Kollektivarbeit, wie man sie nur in Stuttgart kriegt“ zu bedanken, waren alle dabei - „vom Schneider bis zum Hutmacher, vom Schlosser bis zum Schreiner“, wie er betont.

Besonders freut sich Rose auf die Premiere am Samstag, wenn seine „Mayerling“-Bühne noch einmal die alten Stars des Stuttgarter Balletts zusammenbringt. Neben Marcia Haydée, von der Rose zum Stuttgarter Auftrag überredete wurde und sich im Gegenzug ihren Auftritt wünschte, sind Egon Madsen und Georgette Tsinguirides bei den ersten fünf Vorstellungen in Charakterrollen dabei. Danach will sich der 81-Jährige bereitwillig ins Loch fallen lassen, das sich nach drei Jahren „Mayerling“ auftut. „Jetzt ist der Garten in Murnau dran“, sagt Jürgen Rose. „Es ist das erste Mal, dass ich die blühenden Tulpen verpasst habe. Das wird mir so schnell nicht wieder passieren.“

Premiere „Mayerling“ an diesem Samstag um 19 Uhr im Opernhaus, die Hauptrolle tanzt Friedemann Vogel. Das Staatsorchester spielt Werke von Franz Liszt unter dem Gast Mikhail Agrest. Weitere Aufführungen bis zum 28. Juli

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