Foto: Leif Piechowski

Hier spielt das Stuttgarter Staatsschauspiel jetzt: Ein Besuch der großen Bühne Nord am Pragsattel.

So sieht’s aus. Ein riesiger weißer Marx-Kopf, ein Löwe, ein Bär zwischen Leitern und Bierbänken im Probebühnenraum. Auf dem langen breiten Gang in der Art einer Kurbad-Wandelhalle ein rollbarer Metallwagen: Gestapelte weiße Plastikstühle sind darin gelagert und eine Babuschka-Figur aus Pappe. Was davon in welcher Inszenierung des Stuttgarter Staatstheaters auftaucht – abwarten.

Wechselspiele

Es ist nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten im Probenzentrum Nord am Pragsattel, in dem seit Ende 2010 neben der kleinen Studiobühne Nord vor allem die diversen Probenräume für Oper und Schauspiel untergebracht sind. Die Probebühne der Oper wird jetzt die neue Interimsbühne des Theaters, da die Schauspielhausbühne am Eckensee ja der erneuten Sanierung wegen bis März 2013 nicht bespielbar ist. Die Kollegen von der Oper proben währenddessen in dem großen Theaterprobenraum. Und die Theaterleute, die hier zugange waren, ziehen zum Proben in die ehemalige Spielstätte im Stuttgarter Osten Theater im Depot. Dort wurde eine alter Übungsraum vorübergehend wieder hergerichtet.

Nötig geworden ist die Umzieherei, weil bei der 24 Millionen Euro teuren Sanierung, die vom Landesbauamt verantwortet und von Land und Stadt bezahlt wird, allerhand schiefgegangen ist. Beim verspäteten Wiedereinzug im Februar stellte sich heraus, dass, sagen wir mal, wenig funktioniert.

„Die Drehbühne ist Schrott“, sagte der sonst eigentlich für Optimismus und Diplomatie bekannte Intendant Hasko Weber. Auch die neue Technik entpuppte sich als tückisch; mit der Folge, dass Schauspieler höchstpersönlich auf die Bühne gebeten werden, weil die Durchsagen „Zur Bühne bitte Herr Soundso“ überall ankamen nur eben nicht in den Garderoben der Darsteller. Auch das Publikum hatte den Murks zu spüren bekommen. Statt auf neuen taubenblauen Sesseln saßen sie ebenso wie schon in der Interimsspielstätte Niederlassung Türlen­straße auf Plastikstühlen. Denn die neuen Sessel wollten nicht auf die steil ansteigenden Zuschauerreihen passen.

Selbst ein Foyer gibt es

Ende der Spielzeit hieß es also: Theaterleute wieder raus, Bauarbeiter wieder rein. Über den aktuellen Stand informiert das Land Baden-Württemberg auf seiner Homepage, im Moment ist alles im geplanten zeitlichen Rahmen. Die Zuschauerplätze sind wieder ausgebaut, dito Drehbühne.

Die provisorischen Sitze des Schauspielhauses sind sofort nach Ende der Spielzeit Ende Juli ins Nord umgezogen – 400 schwarze Plastikstühle mit roten Sitzkisselchen sind nun auf einem Gerüst auf der Opernprobebühne aufgebaut. Bis vor kurzem probte Regisseurin Andrea Moses Mozarts „Don Giovanni“, nun werden hier in dieser Saison die großen neuen Theaterinszenierungen gezeigt. Falls wie geplant die Reparaturarbeiten im März 2013 fertig sein sollten, wird danach im Schauspielhaus weitergespielt, ansonsten bleiben die Theaterleute in der kompletten letzten Saison von Hasko Weber in dieser Interimsspielstätte.

Die Theaterferien waren entsprechend kurz, „es war eigentlich immer jemand da“, sagt Theatersprecherin Ingrid Trobitz. Es musste nicht nur eine Ersatzbühne mitsamt Licht und Technik gebaut werden, sondern auch ein Foyer – das Publikum soll sich ja in den Pausen nicht auf nackten Theaterfluren herumdrücken müssen. Erfahrung im Bau von Foyers hat Ausstattungsleiter Hannes Hartmann inzwischen eine Menge. Er hatte bereits die ehemalige Mercedes-Niederlassung Türlenstraße theaterbesuchertauglich gemacht. Und er hat das Foyer zur kleinen Nord-Bühne gestaltet. Dort, wo die Zuschauer in die Spielstätte Nord gehen, ist jetzt auch der Eingang für die große Interimsbühne Nord. Eine zusätzliche Kasse ist bereits eingerichtet.

Und da, wo normalerweise sozusagen „Nur für Personal“ steht, ist von nächster Woche an eben auch fürs Publikum geöffnet. In Theaterlogo-Grün gehalten sind die ­Wegbeschilderungen am Boden, die zum neu gestalteten Foyer führen. In offenbar weiser Voraussicht hat man sich für die Spielzeit ein Bild als Motto genommen: „Der Garten der Lüste“. Hieronymus Boschs herrlich ­gewaltiges Triptychon prangt riesengroß aufgeblasen an einer Wand, ein klassischer roter Theatervorhang fehlt nicht. Und an einer schwarz bemalten Wand hängen wie Memory-Spielkarten ordentlich neben­einander platziert die Fotos der Ensemblemitglieder. Es gibt eine Garderobe und eine Bar – und auch die liebgewonnenen Retro-Leuchter aus der ­Türlenstraße baumeln von der hohen Decke.

Start am 21. September

Vom Foyer aus geht’s zur Bühne. Und damit auf dem langen Gang dorthin niemand vom Weg abkommt, sind rechts betont provisorisch aussehende Spanplattenwände angebracht, linkerseits sollen schwarze Vorhänge vor den Probebühneneingängen sowohl Lärm als auch ungebetene Gäste abhalten. Die Bühne dann – enorm. Um den Effekt nicht zu vermasseln, darf vor der Premiere nicht fotografiert werden, es ist ja auch nicht alles fertig, noch liegen auf den Sitzen braune Perücken, auf dem Boden weiße Pumps, Bühnentechniker schweben in der Luft, um an dem Bühnenbild zu arbeiten. Nur so viel: die Lust am Staunenmachen und am Spektakel haben sich die umzugsgeplanten Künstler nicht madig machen lassen. Der Auftakt der Saison lässt sich zumindest bildlich spektakulär an.

Tony Kushners „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ feiert am 21. September Premiere auf der großen Interimsbühne, einen Tag später ist auf der Studiobühne Nord die Uraufführung „Salmans Kopf“ von den Brüdern Presnjakow zu sehen. Bereits an diesem Sonntag um 11 Uhr kann das Publikum die neue Bühne entdecken: Hasko Weber, der von 2013 an in Weimar das Nationaltheater leiten wird, präsentiert dem Publikum ein letztes Mal die Pläne der Saison.

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