Die Lyrikerin Elke Erb macht Büchners innere Stimme vernehmbar. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

In Darmstadt ist der Büchnerpreis an Elke Erb verliehen worden. An ihre Dankesrede wird man noch lange denken.

Stuttgart - Der Präsident ist alleine mit einem riesengroßen Blumenstrauß und sendet einen Gruß an die Freunde der schönen Literatur „draußen an den Endgeräten“. Ohne Zynismus kann man sagen, dass die Akademie für Sprache und Dichtung bei der jährlichen Büchnerpreisverleihung im Darmstädter Staatstheater traditionell Altersklassen um sich versammelt, die in diesen Tagen wohl zu Risikogruppen zu zählen wären.

 

Zur Perfidie der Pandemie gehört, dass sie einen dringend erforderlichen Erneuerungsprozess des Gremiums vorerst gestoppt hat: „Wir wollen jünger und weiblicher werden“, sagt der 70-jährige Ernst Osterkamp, seit drei Jahren an der Spitze der ehrwürdigen Gelehrtenauslese. Doch die herbstliche Zusammenkunft, um die hehren Vorsätze in die Tat umzusetzen, musste ausfallen. Geblieben ist ein digitaler Festakt, bei dem neben dem Büchnerpreis noch der Merckpreis für literarische Kritik sowie der Freudpreis für wissenschaftliche Prosa verliehen werden.

Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb

Erstmals gingen all drei Auszeichnungen an Frauen. Weiblicher werden hat also schon einmal geklappt. Bei dem per Video eingespielten Grußwort der hessischen Wissenschaftsministerin toben lustige Kinder durch den Hintergrund. Doch angesichts des Alters der 82-jährigen Lyrikerin Elke Erb, die in diesem Jahr mit dem wichtigsten Literaturpreis Deutschlands in den literarischen Adelsstand erhoben wird, würde man nicht als Erstes an Verjüngung denken. Doch abwarten.

Zuerst hat die Literaturkritikerin Iris Radisch ihren Auftritt. Für den Merckpreis bedankt sie sich mit der Anrufung jener inneren Stimme von Texten, die sie als Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb seit je fasziniert. Sie vernehmbar zu machen und nicht Inhalte nachzuerzählen, sei die Aufgabe des Kritikers. Auch die Historikerin Ute Frevert, die den Freudpreis für ihre Forschungen zu einer Geschichte der Gefühle erhält, legt ein Bekenntnis zur Sprache ab: Wolle man eine Gesellschaft über sich aufklären, müsse man eine Sprache sprechen, die von vielen verstanden wird.

Das aber ist nicht unbedingt das Erkennungszeichen der Lyrik von Elke Erb. „Dickicht mit Leuchtraketen“ hat ihr Laudator, der Berliner Autor Hendrik Jackson, seine Rede überschrieben. In klingenden Sprachbildern macht er sich auf ins Gestrüpp der Wörter, um plötzlich auf einer Lichtung das „Kleinod eines gelebten Denkens“ oder „das Hinterchen eines Rehs“ mit braunen Augen in den Blick zu bekommen. Oder auch nicht.

Lyrischer Tanz durch den Text

Die Dinge, um die es Elke Erb geht, findet man jenseits einer Sprache, die von vielen verstanden wird. Und als ihr Ernst Osterkamp die Preisurkunde vorliest, folgt sie den Wendungen geradezu widerwillig, als würde ihr eben ein unsittlicher Antrag gemacht. Wie sich aber eine in Verständlichkeit erstickte Sprache wieder zum Leben erwecken lässt, demonstriert sie in der folgenden Verbeugung vor dem Namenspatron des ihr verliehenen Preises.

Nachzuerzählen gibt es hier wenig. „Sie werden jetzt einen rein sprachlichen Ablauf erleben“, beginnt Elke Erb einen lyrischen Tanz über Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“. Akt für Akt befreit die Dichterin die innere Stimme des Textes aus allen Festschreibungen.

Traum und Zitat verbinden sich zu einer eigenen Form. Das Verfahren einer fortwährenden Korrektur und Differenzierung als Gestaltprinzip von Erbs Lyrik findet hier seine Anwendung – nicht nur auf Büchner, sondern auf die Routinen und Rituale von Dankes- und Gedenkreden: „Da ich selbst gar nicht weiß, was ich rede, ja auch nicht einmal weiß, dass ich es nicht weiß, so dass es höchstwahrscheinlich ist, dass man mich nur so reden lässt, und es eigentlich nichts als Walzen und Windschläuche sind, die das alles sagen.“ Frischer als in dieser Suada hat der Wind durch die Risse und Brüche der nihilistischen Unsinnswelt von Büchners abgründigem Lustspiel selten hereingeweht.