Sprachweltenschöpfer Oswald Egger Foto: dpa/Helmut Fricke

Die Akademie für Sprache und Dichtung hat ihre Auszeichnungen vergeben. Der Südtiroler Extremdichter Oswald Egger bedankt sich für den Georg-Büchner-Preis mit einem heißen Reifen durch Woyzecks Welt.

In diesem Jahr feiert die Akademie für Sprache und Dichtung nicht nur die im Namen exponierter Repräsentanten der deutschsprachigen Geistesgeschichte – Sigmund Freud, Johann Heinrich Merck und allen voran Georg Büchner – ausgezeichneten Preisträger, sondern auch sich selbst. Denn wie so manche auf den Trümmern der Barbarei errichtete Zivilisierungsinstanz begeht auch die Darmstädter Einrichtung in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. Und welchen Raum zwischen antiquarischer Beschlagenheit und problembewusster Gegenwärtigkeit dabei umschlossen wird, deutet zu Beginn des Festakts am Samstagnachmittag im Darmstädter Staatstheater der Schriftsteller Ingo Schulze an, der zum Jubiläum an dieser Stelle zugleich seinen Einstand als Akademie-Präsident gibt.

 

Er erinnert an den mythischen Namensgeber aller Gelehrtenzirkel, Akademos, der sich einst als weiser Berater des Königs Theseus dessen Willen widersetzt habe, um Athen den Frieden zu retten. „Anders als Akademos werden wir keinen Krieg verhindern oder beenden können“, sagt Ingo Schulze, „aber wir sollten diese Stiftung des Friedens wachhalten und im Dialog, wie es sich für eine Akademie seit fast 2500 Jahren gehört, unsere eigenen blinden Flecken wie die unserer Gesellschaft erkunden.“

Bevor der diesjährige Büchner-Preisträger, der Südtiroler Sprachweltenschöpfer Oswald Egger, in einer eindringlichen Suada aus Woyzeck-Motiven die blinden Flecken einer auf platte Verständigung ausgerichteten Wortkultur mit eigenwilligen Neologismen und fantastischen Bildungen überrollt, gibt der Ethnologe Karl-Heinz Kohl einen Begriff davon, wie man über das Fremde zu einem besseren Verständnis der eigenen Kultur gelangen kann. Der mit dem Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa Geehrte zeigt in einem kurzen Abriss der Geschichte seiner Disziplin, wie an den äußersten Ausläufern der Moderne vormoderne, ja archaische Denkformen wiederkehren. In einer Zeit, in der Haushaltsgegenständen mündliche Befehle erteilt werden und man sich mit Künstlichen Intelligenzen wie mit guten Freunden unterhält, könne auf die ethnologische Expertise nicht verzichtet werden.

Der Versuch, die Macht des gesprochenen Wortes in politisch korrekten Tabuisierungen einzuhegen, ist für Kohl eines der magischen Residuen, vom naiven Glauben beherrscht, mit der Bannung einzelner Wörter seien auch die Vorurteile beseitigt, für die sie stehen. Und vielleicht ist auch die verfremdende Sprachpraxis, für die Oswald Egger den bedeutendsten Literaturpreis Deutschlands erhält, eine, deren sich entziehenden Sinnzusammenhänge man sich einmal unter ethnologischen Vorzeichen annähern könnte. Eggers Laudator Paul Jandl nähert sich in der Erinnerung an eine gemeinsame Autofahrt an, bei der er zum „Komplizen einer verschärften Fortbewegung“ geworden sei: „Des Autors Zugriff auf die Technik beherzt zu nennen, wäre untertrieben. Es war ein Schalten und Walten, das dem Beobachter arbiträr erscheinen konnte, tatsächlich aber an der Landschaft geübt war.“

Möglicherweise hat der Schrecken dieser Unternehmung den Literaturkritiker empfänglich gemacht für die Radikalität einer Literatur, die die Welt in ihre strukturellen Bestandteile zerlegt und wieder neu zusammensetzt. Und wie es klingt, wenn man Georg Büchners Werk auseinandernimmt, um es aus dem Schöpfungsbrodeln von Eggers beherztem Sprachumgang seltsam verwandelt wieder aufsteigen zu lassen, davon vermittelt seine Dankesperformance einen Begriff, der nachvollziehen lässt, was es heißt Komplize einer verschärften Fortbewegung zu sein: „Tief im Aufsplitterungsschlick zerfalzt versiegen“ Woyzeck-Zitate, „hohl, hohl, hörst du“, verkochen durch ein „Wurmloch zu den Wolken“ nach oben; aalartig und durch „Umzerwendelungen“ überdreht kreuzen oblonge Würmer den Weg, ein über die Wiese rollender abgeschlagener Kopf wirft die Frage auf, wie die Welt aus seinen Augen ausschaut, „und so im Ton verschluckt, schwulkt es davon“.

Mancher Zuhörende mag sich bei diesem verbalen Gärungsprozess von den Fliegen umschwirrt gefühlt haben, die die mit dem Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnete Marie Luise Knott zuvor zu den Wappentieren ihrer Profession gemacht hat: „Fliegen kommen immer ungerufen, wie Fragen, sie sind Störenfriede, ungebetene Gäste“, sagte sie in ihrer Rede und fügte hinzu: „Noch etwas haben Fragen und Fliegen gemein: sie sind lästig und verderben gern den Brei.“