Der Konstrukteur und Unternehmer Ferdinand Porsche im März 1950 mit einem schnittigen Porsche 356 vor seiner Stuttgarter Wohnung. Foto: dpa

Heute gilt Porsche weltweit als Sportwagenbauer. Zu Beginn war die Firma aber ein reines Konstruktionsbüro – und sein Chef Ferdinand Porsche nah dran an den Naziherrschern. Jetzt ist ein Buch über die Geschichte der legendären Marke erschienen.

Stuttgart - Eine Stunde lang hat der renommierte Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta im Stadtarchiv über Ferdinand Porsche gesprochen, hat die hellen Seiten des genialen Konstrukteurs beleuchtet und auch die dunklen des Unternehmers, der 1937 der NSDAP und 1942 der SS beitrat, die Nähe zu Adolf Hitler suchte und von ihm gefördert wurde, als aus dem Publikum die Frage der Fragen kommt: War Porsche, der Gründer der Weltmarke, ein Nationalsozialist?

Wolfram Pyta, der als Universitätsprofessor die Abteilung Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart sowie die Forschungsstelle Ludwigsburg zur NS-Verbrechensgeschichte leitet und mit dem nun erschienenen Buch „Porsche – Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke“ die erste umfassende wissenschaftliche Arbeit zu den Anfängen der Firma in der Nazizeit vorlegte, wartet mit seiner Antwort einen kurzen Augenblick. Einerseits, sagt er dann, sei der Beitritt zur NSDAP ein „politischer Willensakt“ gewesen, andererseits habe Porsche „nach meiner Einschätzung die nationalsozialistischen Überzeugungen nicht geteilt. Zumindest gibt es von ihm keine klaren antisemitischen Taten und Aussagen“. Ohne die im Familienbesitz befindlichen Unterlagen, die er und seine Mitarbeiter Nils Havemann und Jutta Braun aber nicht einsehen durften, „lässt sich die Frage endgültig aber nicht beantworten“.

Porsche machte sich aus der Not heraus selbstständig

Unbestritten freilich ist, dass es die Weltmarke heute so nicht geben würde, wenn das 1931 gegründete Konstruktionsbüro nicht Aufträge der Naziherrscher bekommen hätte. Und dass die Firma heute in Stuttgart-Zuffenhausen beheimatet ist, hängt – eine kuriose historische Volte – ebenfalls nicht unwesentlich mit der Nähe ihres Gründers zu den Machthabern im Dritten Reich zusammen, wie Pyta nachweist.

Als Ferdinand Porsche, 1875 in Nordböhmen geboren und ein „handwerklich begabter Selfmademan“ (Pyta), 1931 sein Konstruktionsbüro gründet, „befindet er sich in einer prekären beruflichen und wirtschaftlichen Situation“, so der Historiker. Im Unfrieden bei Daimler ausgeschieden und verschuldet macht er sich aus der Not heraus selbstständig. Seine Dr. Ing. h. c. F. Porsche GmbH mit rund 20 Mitarbeitern produziert in der Kronenstraße aber keine Fahrzeuge, sondern sie entwirft Fahrzeuge und Fahrzeugteile, baut allenfalls Prototypen. In Fahrt kommt das Geschäft aber erst, nachdem Porsche im Mai 1933 Hitler trifft, der daraufhin einen großen Teil der für Daimler gedachten Staatssubventionen in ein Gemeinschaftsprojekt von Autounion und Porsche umleitet. Dieser Rennwagen rast mit Hans Stuck am Steuer prompt von Sieg zu Sieg – und lässt Daimler hinter sich.

Die Nazis räumen ihm Freiräume ein

„Porsche, der kompromisslos nach den besten technischen Lösungen suchte und für den Zeit und Geld nachrangig waren, findet im Staat den Auftraggeber, der ihm diese Freiheiten einräumt“, bilanziert Pyta. Fortan kümmert sich der Firmenchef um die „politische Akquise“ und hält engen Kontakt zu Hitler, aber auch zu anderen ­Nazigrößen. Sein Büro profitiert von den Staatsaufträgen, konstruiert nicht nur Rennwagen und Autos, sondern auch Traktoren und Panzer. Die Villa am Feuerbacher Weg dient dabei nicht nur als Familientreffpunkt, sondern „sie ist Leit- und Kommandozentrale, und in der angebauten Garage werden ­Prototypen in Heimarbeit hergestellt“, so Pyta.

Auch der größte Staatsauftrag für den Bau eines Volkswagens, woran Porsche bereits früher gedacht hatte, kommt erst „entscheidend voran, als Hitler ihn auf die Agenda setzte“. Das Kleinauto, nicht zu verwechseln mit dem späteren Käfer, geht wegen des Kriegsbeginns aber nie in Produktion. Auf seiner Basis werden aber 50 000 Stück der militärischen Kübelwagen gebaut.

Dennoch bestimmen die Volkswagenpläne nach Kriegsende nochmals den Lebensweg Porsches. Ende 1945 soll er für die Franzosen unter dem Dach von Renault einen „voiture populaire“ entwickeln. Doch der Konkurrent Peugeot hintertreibt die Pläne und bezichtigt Porsche der Kriegsverbrechen. Der mittlerweile 70-Jährige wird verhaftet. Zwei Jahre später wird er freigesprochen, weil die Vorwürfe haltlos sind.

Aber noch einmal spielen die Nähe zu Hitler und die Verstrickungen in das NS-Regime eine Rolle: Porsche, der schon in den letzten Kriegsjahren mit der Firma nach Kärnten und der Familie nach Salzburg gezogen war, beantragt die österreichische Staatsbürgerschaft, was abgelehnt wird. Daraufhin übersiedelt er wieder nach Stuttgart. „Wenn der Neustart in Österreich geglückt wäre, wäre nicht Stuttgart, sondern Salzburg die Zentrale von Porsche“, sagt Pyta. Wenig später beginnt unter der Ägide von Sohn Ferry der Siegeszug des Sportwagenbauers in Zuffenhausen auf einem Grundstück, das sich im Besitz einer jüdischen Familie befand und für das Porsche „weniger bezahlte als der Marktwert“, so der Historiker.

– Wolfram Pyta, Nils Havemann, Jutta Braun: „Porsche – vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke“, Siedler-Verlag, 28 Euro.
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