Fünf Jahre hat Orhan Pamuk an seinem Roman geschrieben. Foto: imago images / /Sahan Nuhoglu

Der neue Roman des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk erzählt von einem Pestausbruch um 1900 im östlichen Mittelmeer. Er bietet alles, was man sich wünschen würde: Liebe, Verbrechen, große Geschichte. Doch etwas stimmt hier nicht.

Stuttgart - Alles an diesem Buch riecht nach Weltliteratur: die Mottos von Leo Tolstoi und Alessandro Manzoni, die gediegene Sprache, der Nobelpreis-geadelte Autor, der große geschichtliche Prospekt und der weite Horizont, der die fiktive zum Osmanischen Reich gehörende Mittelmeerinsel Minger mit unserer Gegenwart verbindet. Und doch stimmt hier etwas ganz grundlegend nicht. Und das liegt nicht allein an der Pest, die auf dem romantischen Eiland dunkle Gewitterwolken aufziehen lässt.

 

Schon drei Jahre hat der türkische Schriftsteller Orhan Pamukan seinem Roman „Die Nächte der Pest“ gearbeitet, der von einer zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus China aufziehenden Seuche handelt, bis er von einer abermals aus dem Fernen Osten sich ausbreitenden Pandemie eingeholt wurde. Vieles, was direkt auf jüngste Erfahrung gemünzt zu sein scheint, hat daher einen anderen Ursprung als den naheliegenden einer bloßen literarischen Einkleidung aktueller Ereignisse. Roman und Wirklichkeit stehen vielmehr im Verhältnis einer wechselseitigen Erhellung. Von der Vergangenheit so zu erzählen, dass man sich darin wiederzuerkennen glaubt – auch dies ist etwas, was man nur großen Werken zugutehalten würde.

Der kranke Mann am Bosporus

Es ist die Zeit des kranken Mannes am Bosporus. Die Landkarte des Osmanischen Reichs schrumpft, die Großmächte beginnen das stolze Erbe unter sich aufzuteilen. Erst vor Kurzem ging Kreta verloren. Und nun bricht auch noch auf Minger die Pest aus und droht das fragile Miteinander von Muslimen, Christen und Orthodoxen zu vergiften. Sultan Abdülhamid schickt seinen obersten Gesundheitsinspektor auf die Insel, um die Seuche mit Quarantänemaßnahmen einzudämmen. Als dieser nach kurzer Zeit ermordet aufgefunden wird, übernimmt sein Kollege, ein mit der Nichte des Sultans, Prinzessin Pakize, verheirateter Arzt, der nun gleich die zweifache Aufgabe hat, einerseits die Pest zu besiegen, andererseits einen Mord aufzuklären.

„Die Nächte der Pest“ spielen auf mehreren Ebenen zugleich. Eine ist die der realen historischen Ereignisse: die Expansion der Kolonialmächte, west-östliche Kulturkämpfe, separatistische Bestrebungen, die das wankende Großreich bedrohen, das um Reformen ringt und von Intrigen zerfressen wird. All dies bildet die Voraussetzung für das, was auf der fiktiven Insel Minger wie unter einem Brennglas zum Ausbruch kommt, begünstigt vom psycho-sozialen Zündstoff der Seuchenbekämpfung. In dieser Doppelbelichtung wird Geschichte zugleich abgebildet wie parabolisch überhöht.

Querdenken um 1900

Die Zahl der Pesttoten steigt, auf allen Seiten machen Verschwörungsmythen die Runde. Griechen wie Muslime schieben sich gegenseitig die Schuld zu: Wird die Krankheit lanciert, um die wohlhabende griechische Oberschicht außer Landes zu treiben und die Demografie zugunsten der Muslime zu verschieben? Oder sollen umgekehrt die Zurückbleibenden ihrem Schicksal überantwortet bleiben, damit die Pest ethnisch bereinigte Zonen schafft, die später von den Heimkehrern besetzt werden können? Querdenken um 1900. Während die einen beharrlich die Existenz der Seuche leugnen, schützen sich andere mit geweihten Amuletten, überall gärt die Wut über die Quarantänemaßnahmen.

Als die Pestinsel international isoliert wird, kommt es zur Revolution. Unterstützt von der Elitetruppe seiner Quarantänesoldaten setzt sich der Leibwächter von Prinzessin Pakize an die Spitze der Aufständischen und ruft die Unabhängigkeit Mingers aus: „Es lebe Minger, es leben die Mingerer, es lebe die Freiheit!“ In seiner Parole wie in seinem Namen Kamil steckt so viel vom Gründervater der modernen Türkei, dass Orhan Pamuk in seiner Heimat der Beleidigung Kemal Atatürks angeklagt wurde. Denn auch diese Revolution kennt ihre Schreckensherrschaft.

Sehnsucht nach dem Ende

Doch den Leser plagen andere Probleme als türkische Zensoren. Und damit wäre man bei dem, was mit dem Buch nicht stimmt. Denn obwohl hier alles aufgeboten wird, Liebe, Verbrechen, große Politik, epidemiologische Aktualität, ziehen sich die Nächte der Pest quälend dahin. Der epische Strom dieses 700 Seiten starken Buches kreist in endlosen Wiederholungen und versickert schließlich in unzähligen Einzelheiten. Es ist geradezu ein Phänomen, wie konsequent hier Spannungsbögen verschleift werden zugunsten einer ermüdenden Nebenordnung aller Details. Dass die Geschehnisse von einer Historikerin, der Urenkelin Prinzessin Pakizes, erzählt werden, fällt auf den Roman zurück. Dröhnende Langeweile wird zunehmend zur Begleitmusik für an sich hochdramatische Ereignisse.

Mit jeder Seite wächst die Sehnsucht, die Seuche möge endlich ein Ende haben. Immerhin darin kommen literarische Erfahrung und Wirklichkeit zur Deckung.

Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest. Roman. Übersetzt von Gerhard Meier. Hanser. 696 Seiten, 30 Euro.