Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal erzählt in ihrem Romandebüt „Identitti“ von einer strauchelnden Professorin und den Fallstricken des Wunsches nach eindeutiger Zugehörigkeit. Näher an die Debattenwirklichkeit unserer Tage kann man nicht gelangen.
Stuttgart - Wie Entzauberungen aussehen könnten, hat die eben schon wieder verrauchte Debatte über den Philosophen Michel Foucault gezeigt. Sie hat sich an der unbewiesenen Behauptung entzündet, der Wegbereiter eines postkolonialen Denkens, das allem zur Befreiung verholfen hat, was sich den Normen einer hegemonialen westlichen Vernunft widersetzt, habe sich nach schlimmster Kolonialherrenart in Tunesien an einheimischen Kindern vergangen. Je mehr über diesen ungeheuerlichen Verdacht ans Licht kam, desto unschärfer wurden die Indizien und desto wahrscheinlicher erschien, dass hier an einem Theoretiker Vergeltung geübt werden sollte, dessen Name für den ganzen Aufruhr steht, der derzeit unter dem Etikett der Identitätspolitik die Gemüter erhitzt.
Damit wäre man bei dem Roman „Identitti“ der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal angekommen. In dessen Mittelpunkt steht der fiktive Fall der indischstämmigen Professorin Saraswati, die als Speerspitze des antirassistischen Diskurses an der Universität Düsseldorf den ersten Lehrstuhl für Postkoloniale Theorie innehat und in ihrem Kampf für die Anliegen von Persons of Color, kurz PoCs, gegen die weiße Mehrheitsgesellschaft auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurückschreckt. So kann es schon einmal passieren, dass sie weiße Studierende aus ihren Seminaren komplimentiert mit dem Hinweis, diese seien nur für Students of Color bestimmt.
Wüster Shitstorm von links und rechts
Für ihre beste Studentin Nivedita, die unter dem Namen Identitti einen Blog betreibt, wird die Begegnung mit dem quecksilbrigen, sich über alle Zuschreibungen hinwegsetzenden Denken zum Erweckungserlebnis. Sie ist die Tochter einer Mutter mit polnischen Vorfahren und eines indischen Vaters, die sich in diesem „unübersichtlichen Mischmasch aus Herkünften“ nie irgendwo zugehörig gefühlt hat und von ihrer indischen Verwandtschaft als Kokosnuss verspottet wird, außen braun, innen weiß. Die Kultstatus genießende Saraswati wird zu ihrem Idol – neben einer indischen Göttin, mit der sie intimen Austausch pflegt, um darüber in ihrem Blog zu berichten.
Bis die Bombe platzt und die von indischer Weisheit umflorte Galionsfigur akademischer Diversitätsdiskurse Saraswati als Karlsruher Zahnarzttochter namens Sarah Vera Thielmann enttarnt wird. Für Nivedita alias Identitti bricht eine Welt zusammen, und über die Trümmer fegt ein wüster Shitstorm: „So weit ist es bereits gekommen, deutsche Professorin verkleidet sich als N. . ., um Gendergaga unterrichten zu dürfen“, tönt es von rechts. Und aus der PoC-Community: „White privilege at its best: wenn es money und fame gibt, wollen sie plötzlich so sein wie wir.“
Blitzende akademische Rüstung
Damit beginnt ein intellektueller Schaukampf, in dem alles, was für und wider die identitätspolitischen Auseinandersetzungen unsrer Zeit ins Feld zu führen ist, aufgeboten wird. Hochgerüstet mit dem theoretischen Arsenal angelsächsischer Begrifflichkeit um Race, Gender, Blackness, Whiteness, kulturelle Aneignung lässt Mithu Sanyal die Kontrahenten antreten, um mit diebischer Freude zu verfolgen, wie sie sich in Widersprüche verwickeln und in ihrer blitzenden akademischen Rüstung ins Stolpern und Straucheln geraten.
Und weil die Autorin keine parteiische Schiedsrichterin sein will, hat sie die Grenzen der Fiktion kurzerhand geöffnet und einen repräsentativen Chor von Stimmen in den Raum des Romans geholt, der das Geschehen kommentiert: Politiker wie Ruprecht Polenz, Schriftstellerinnen und Publizisten wie Fatma Aydemir, Meredith Haaf, Patrick Bahners, Ijoma Mangold und viele andere haben mit Tweets an dem vielstimmigen Text mitgeschrieben. Näher kann man der Debatten-Wirklichkeit unserer Tage nicht kommen. Wie auch Saraswatis Geschichte der reale Fall der Bürgerrechtsaktivistin und Universitätsdozentin Rachel Dolezalzugrunde liegt, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte, bis ihre Eltern den Schwindel auffliegen ließen.
Humane Botschaft
Was „Identitti“ jedoch über ein bloßes belletristisches Teach-in hinaushebt, sind die ureigensten Kräfte der Literatur. Gegen die Fiktion einer eindeutigen Identität setzt dieser Roman die Feier der Vielfalt als gattungspoetisches Pendant zu jenem „Mischmasch aus Herkünften“, in dem sich Nivedita schließlich dank Saraswati zu Hause fühlt: ein Mix aus bollywoodhaftem Schwulst, filigranen Kammerspiel-Dialogen, Campus-Roman und Professorenwitz.
Trotzdem ist das alles kein reines Vergnügen. Das liegt zum einen daran, dass irgendwann der Anschlag von Hanau in die muntere Selbstvergewisserungssatire kracht. Zum anderen findet das Mysterientheater vom Triumph der Theorie über das Leben in einem akademischen Raum statt, der einem großen Teil der weißen und nicht weißen Mitglieder der Gesellschaft versperrt bleibt, von dem man sich gewünscht hätte, über alles Trennende hinweg erreichbar zu sein für die humane Botschaft dieses Romans, die Nivedita am Ende in die Welt schickt: „Wir alle sind alle Geschlechter, alle races, alle Klassen, alle Kasten, wir alle sind ganz unreligiös das Wunder der Schöpfung.“
Die Autorin in Stuttgart
Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren. Wie ihre Romanfigur Nivedita ist sie die Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters.
Werk
Die Kulturwissenschaftlerin schreibt regelmäßig für verschiedene Medien, von der „taz“ bis zum britischen „The Guardian“. Ihre kulturwissenschaftlichen Sachbücher „Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ und „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ fanden große Beachtung.
Termin
An diesem Dienstag um 19.30 Uhr stellt die Autorin ihren Roman im Literaturhaus Stuttgart via Livestream vor in Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart, die sich in dieser Saison mit der Frage „Wer sind wir?“ beschäftigt.
Mithu Sanyal: Identitti.
Roman. Hanser Verlag. 432 Seiten, 22 Euro.