Die absonderlichsten Einfälle hat immer noch der Schriftsteller Michael Köhlmeier. Sein neuer Roman „Die Verdorbenen“ pflanzt einem realen Zeitbild der alten BRD eine surreale Seele ein – mit verblüffendem Ergebnis.
Es gibt Literatur, die vom Wiedererkennen lebt, dem Gefühl der Resonanz eigenen Erlebens im Dargestellten. Es gibt Literatur, die das Gegenteil macht, die die Welt verfremdet und zeigt, wie man sie noch nie gesehen hat. Und dann gibt es noch einen Roman wie Michael Köhlmeiers „Die Verdorbenen“, in dem auf seltsame Weise beide gegenläufigen Tendenzen zur Deckung kommen.
Alles erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar, auf den zweiten zutiefst befremdlich. Schon im ersten Absatz: „Wir sind unschuldig gewesen. Wobei die Schuld darin bestünde, nicht zu wissen, was man anderen antut.“ Müsste es nicht gerade andersherum heißen? Trotzdem lässt man sich von der scheinbaren Triftigkeit dieser Aussage in eine Geschichte ziehen, in der auf Schritt und Tritt der Boden unter der mit zweifelsfreier Selbstverständlichkeit geschilderten Wirklichkeit nachgibt.
Gespräche über Sex wie über Brückenbau
Und so befindet man sich irgendwann in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts in Marburg, wo der Ich-Erzähler Johann Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Er schlägt sich als Tutor durch, nimmt in den Ferien für den Österreichischen Rundfunk Songs auf und schreibt für eine Regionalzeitung eine wöchentliche Serie über die Wegbereiter der modernen Literatur – erstaunlich, was zu dieser Zeit in Regionalzeitungen möglich gewesen sein soll. Es ist die Geschichte von einem der auszog Dichter zu werden und wenn man will, kann man darin manches wiedererkennen, was über das Leben Michael Köhlmeiers bekannt ist. Was das folgende nur umso unheimlicher macht.
Er begegnet einem seit Kindertagen einander verbundenen Studentenpaar, Tommi und Christiane. Nach dem Spaziergang mit letzterer um einen See ohne nennenswerte Vorkommnisse, beschließt die junge Frau spontan ihr Leben zu ändern und es fortan an der Seite Johanns zu verbringen. Hoppla, das ging schnell. Aber ringsum wird gerade die Liebe befreit, und in progressiven Kreisen redet man über Sex wie Ingenieure über Brücken. Die Dialoge, in denen sich Johann und Christiane über ihre Lage austauschen, klingen dagegen eher nach jenen, mit denen der werdende Schriftsteller experimentiert: „Mein Ziel war, einen Dialog zu schreiben, in dem nicht ein einziges Wort von Bedeutung wäre, der den Leser aber lange nicht schlafen lässt.“
Aus Johann wird Gianni, wie ihn Christiane fortan nennt. Es entwickelt sich eine merkwürdig verzogene Dreiecksbeziehung, auf die der Begriff Amour fou so wenig passt wie der Kuchen, mit dem Christiane sie eröffnet. Es sei denn man, versteht unter verrückt die leicht verschobene Atmosphäre, die über Szenen liegt, in denen nichts richtig zueinanderpasst: die Fantasien nicht zur Wirklichkeit, die Apathie der Geliebten nicht zu obsessiver Leidenschaft, der Geschäftssinn des Ich-Erzählers nicht zu seiner politikwissenschaftlichen Sozialisation im Marburg der Siebzigerjahre. Ausgerechnet Geld, der Inbegriff abstrakten Tauschverkehrs, verbürgt ihm das Echte – „ein Lied über das Geld wollte ich schreiben, wie gut Geld riecht, wie weich es ist, das Papiergeld geschmeidig, die Münzen wie Kieselsteine“.
Als hätte man einem realen Zeitbild der BRD eine surreale Seele eingepflanzt. Hänsje, wie die Eltern zu ihm sagten, litt früher einmal unter einer schweren Krankheit. Im Fieberwahn habe er unverständliche Vorträge gehalten in einer fremden kalten Stimme, tiefer als ein Kind. Dieser Roman ist der Traum einer verfremdeten Welt, wie bei Dornröschen wartet man darauf, sie könnte erwachen. Statt einer schallenden Ohrfeige kommt es zu einem Acte gratuit, einer willkürlichen Tat, wie sie schon dem Sechsjährigen durch den Kopf spukt, als sein Vater ihn fragt, was sein Wunsch für das Leben sei: „Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten.“
In seinem zwielichtigen Schelmenroman „ Die Abenteuer des Joel Spazierer“ hat Köhlmeier schon einmal eine zwischen Abgrund und Erwähltheit changierende Hauptfigur auf Reisen durch die Katastrophen der Geschichte geschickt, einen bezaubernden jungen Mann, einen Schlawiner, aber auch einen mehrfachen Mörder, Sträfling und Stricher. Auch der Ich-Erzähler fragt sich mit Blick auf Christiane, was er für einer sei, dass er eine solche Macht über einen Menschen ausübe. Hinter jeder Maske steckt eine weitere, Hänsje, Johann, Gianni, Dichter, Zyniker, Liebhaber, Tramp. Immer wieder nimmt die literarische Persona biografische Züge Michael Köhlmeiers an, doch durch die Augenhöhlen bläst der kalte Wind des Nichts.
„Auch die absonderlichsten Einfälle der absonderlichsten Literaten hatten den ominösen realen Kern, aus dem beim Dichten die Absonderlichkeiten wuchsen“, schreibt Johann einmal. Es wäre verlockend, all dies, die vergletscherten Gefühle, die apathische Egozentrik, die vom Zufall bestimmte Richtungslosigkeit dieses Lebens auf den realen Kern einer Sozialkritik hin entschälen zu können. Vielleicht würde man dann wieder ruhig schlafen. Aber diesen Gefallen erweist der Erzähler nicht.
Wie ein unheimlich funkelnder Diamant lässt sein Roman alle interpretatorischen Zudringlichkeiten an sich abprallen. In seinen Facetten spiegelt sich ein absonderliches Bild des Lebens, und wer könnte der Versuchung so geschliffener Paradoxien widerstehen, wie die, die Johann am Schluss entgegenschleudert wird: „Du aber bist ein durch und durch und von allem Anfang bis in Ewigkeit Unschuldiger, und das ist fürwahr das Widerlichste, wozu es ein Mensch bringen kann.“
Michael Köhlmeier: Die Verdorbenen. Roman. Hanser Verlag. 160 Seiten, 23 Euro.
Info
Autor
Michael Köhlmeier, 1949 geboren, lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, im österreichischen Hohenems in Vorarlberg. Wie der Protagonist seines neuen Romans studierte er in den Siebzigerjahren Germanistik und Politologie in Marburg/Lahn. In vielen seiner mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Bücher durchdringen sich Fakten und Fiktionen. So auch in seinem zuletzt erschienenen Roman „Das Philosophenschiff“, eine Parabel auf den bolschewistischen Terror.