Von außen täuschend echt, aber wie sieht es innen aus? Auch in Maria Schraders Berlinale-Film „Ich bin dein Mensch“ (im Bild Sandra Hüller und Dan Stevens) geht es um die Beziehung eines humanoiden Roboters zu einem Menschen. Foto: Berlinale/Christine Fenzl

Diese Perspektive ist neu: In seinem ersten Roman seit der Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis lässt Kazuo Ishiguro einen Künstlichen Menschen erzählen.

Stuttgart - Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat sich jüngst in seiner Stuttgarter Zukunftsrede mit der Frage beschäftigt, ob sein Beruf in absehbarer Zeit von Künstlichen Intelligenzen übernommen werden könnte. Die Ergebnisse, die er von einem Abstecher ins Silicon Valley mitgebracht hat, sahen eher nicht danach aus. Dafür steht im neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro eine hochintelligente Maschinengefährtin nicht nur im Mittelpunkt, sondern erweist sich zugleich als wunderbare Erzählerin. „Klara und die Sonne“ ist in der Ich-Perspektive geschrieben – der Ich-Perspektive einer KF, was soviel bedeutet wie Künstliche Freundin.

 

Im Schaufenster eines Spielwarengeschäfts wartet die KF Klara wie einstmals höhere Töchter in Schweizer Mädchenpensionaten darauf, auserwählt zu werden, um als freundliche, hilfsbereite Gespielin das Leben ihres künftigen Gegenübers zu versüßen. So wurde sie programmiert. Bis es soweit ist, verfolgt sie das Treiben auf der Straße. Klara ist nicht mehr die neueste Typenreihe, dafür beobachtet sie genau.

Die Szene erinnert an Platons Höhlengleichnis. Draußen fliegen Schemen des Lebens vorbei, Daten, die die Künstliche Freundin sammelt, um sie zu einem Bild der Welt zusammenzusetzen. Und wie bei Platon ist es die Sonne, die die Wahrheit ans Licht bringt, hier in Form der Solarenergie, die Klaras Akku Leben spendet.

Poesie einer programmierten Sprache

Ishiguro geht es in seinem Roman nicht darum, dystopische Zukunftsszenarien durchzuspielen. Am besten stellt man sich Klara so vor wie den Butler in dem Roman, mit dem der britisch-japanische Autor berühmt wurde, „Was vom Tage übrig blieb“, dessen uhrwerkartiges Pflichtgefühl das eigene Glück den Regeln einer starren hierarchischen Ordnung opfert. Hat dort eine ritualisierte Etikette die Ausdrucksformen formatiert, ist es hier die rührend ungelenke Poesie einer programmierten Sprache, in der Klara festhält, was auf sie zukommt.

Wie sie muss sich der Leser aus den andrängenden Eindrücken einen Reim machen: Büromenschen in ranghohen Anzügen, „Läufer“ oder „Bettelmänner“ prägen das Straßenbild. In den Blick rücken Fragmente einer frostigen Klassengesellschaft, in der die „Gehobenen“ ihre Kinder in „Interaktionsmeetings“ fit für ihre Karrieren an Elitecolleges machen, die die Ungleichheit weiter zementieren. Die Aussortierten oder durchs Raster Gefallenen organisieren sich am Rand in merkwürdigen Gemeinschaften. Und Maschinen „blasen Umweltbelastung“ in die Luft, die die Sonne verdunkelt.

Bisweilen lösen sich die Gesichtseindrücke der künstlichen Erzählerin in Kästchen, Segmente und geometrische Formen auf. Ganz ähnlich wird hinter dem Geschehen immer wieder eine Art symbolischer Quellcode sichtbar, eine zweite Bedeutungsebene, die im nächsten Moment wieder in gestochen scharfe Handlungssequenzen umschlägt.

Was ist es, das in uns fühlt?

Klara wird von einem Mädchen erwählt, das die kompetitive Umgebung, in der es aufwächst, krank gemacht hat. Zwischen beiden entspinnt sich ein emotionales Band, wenn man die bedingungslose algorithmische Anpassung an das Wohlergehen einer Bezugsperson so nennen will. Aber warum eigentlich nicht? Die Bereitschaft zur Unmenschlichkeit findet sich jedenfalls eher aufseiten der Menschen als bei ihren Replikanten.

Ist Empathie am Ende eine Frage der Datenverarbeitung, und lässt sich durch aufmerksame Beobachtung das, was das Individuum unverwechselbar macht, reproduzieren? Das menschliche Herz könnte das Schwierigste sein, was sie zu lernen habe, sagt Klara einmal: „Es könnte wie ein Haus mit vielen Räumen sein. Trotzdem denke ich, dass eine eifrige KF im Lauf der Zeit jeden einzelnen Raum betreten und einen nach dem anderen erkunden und kennenlernen könnte, bis sie alle wie ihr eigenes Zuhause werden.“

Die Frage, was es bedeutet, wenn Menschen von Robotern ersetzt werden, nimmt sich aus den Augen eines Roboters anders aus als umgekehrt. Ist Klara anfangs dazu bestimmt, dem Mädchen die perfekte Gefährtin zu sein, steht mit der fortschreitenden Krankheit irgendwann die Frage im Raum, ob sie nicht auch an dessen Stelle treten könnte.

Zeitgenössische Lichtmythologie

Aber am besten lässt man es erst gar nicht so weit kommen. Zusammen mit dem Freund des Mädchens, der nicht zu den Gehobenen zählt, versucht Klara, den Dingen einen anderen Verlauf zu geben. Und in diesem Teil der Geschichte spielen nicht nur Liebe und Opferbereitschaft eine Rolle, sondern auch die vereinten Kräfte eines keine Genregrenzen duldenden Erzählens. In hybrider Schönheit vermischen sich Elemente von Märchen, Science Fiction, Kindergeschichte und Gesellschaftsroman zu einer zeitgenössischen Lichtmythologie. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn daraus kein Kultbuch für die Generation „Fridays for Future“ würde. Wie schon bei Platon ist die Idee des Guten die Sonne, sie spendet die Kraft, an der die kranke Menschheit genesen kann, und rettet eine vielfach verpestete Umwelt.

Dank Klaras Einsatz ist das Mädchen schließlich erwachsen geworden. Sie braucht nun keine Künstliche Freundin mehr. Und was wird aus Maschinen, die ausgedient haben? Aus der dröhnenden Einsamkeit eines Schrottplatzes heraus erzählt Klara, was von ihren Tagen als KF übrig blieb. Daniel Kehlmann, einem großen Bewunderer von Ishiguros Kunst, könnte hier durchaus noch eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen.

Info

Autor Kazuo Ishiguro wird 1954 in Nagasaki geboren, kommt aber schon 1960 nach England, wo er Englisch und Philosophie in Canterbury und Norwich studiert. In seinem Debüt, „Damals in Nagasaki“ von 1982, beschäftigt er sich mit dem japanischen Kriegstrauma aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Durchbruch gelingt ihm mit seinem dritten Roman „Was vom Tage übrig blieb“, der Jeff Bezos so begeistert haben soll, dass er beschloss, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und ein Unternehmen zu gründen – Amazon. „Klara und die Sonne“ ist Ishiguros erster Roman, seit der in London lebende Autor vor vier Jahren den Literaturnobelpreis erhalten hat.

Buch Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing Verlag. 352 Seiten, 24 Euro.