Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn hoch zu Ross Foto: IMAGO/Heritage Images/IMAGO/? Fine Art Images/Heritage Images

Man kennt die Lieblingsaristokratin der Habsburger mittlerweile in allen Lebenslagen. Doch die furiose Damenreiterinnen-Perspektive, in der sie der Roman „Sisi“ von Karen Duve zeigt, ist neu – und umwerfend komisch.

Weihnachten auf Gödöllö ist schlicht, viel friedlicher und intimer als in Wien. Im neun Meter hohen Festsaal steht ein Tannenbaum, der bis zur Decke reicht – was man in kaiserlichen Kreisen eben so schlicht nennt. Vergoldete Nüsse, Tannenzapfen, Äpfel, darunter Schokobonbons vom Wiener Hofzuckerbäcker Demel, später stellt sich heraus, dass der Kronprinz jedes einzelne schon angebissen hat. Am 24. Dezember ist nicht nur Heiligabend, sondern auch der Geburtstag der Kaiserin. In dem ungarischen Jagdschloss mit den vielen ö fühlt sie sich bedeutend wohler als in der Hauptstadt, weil man da besser reiten kann. Und das ist nun einmal Sisis größte Leidenschaft, zumindest in dem Roman, den Karen Duve dem österreichisch-ungarischen Wildfang mit der ewig jugendlichen Figur und den imposanten Haaren gewidmet hat.

 

Bevor man sich nun über diese furiose Damenreiterinnenperspektive wundert, sollte man sich vielleicht erst einmal fragen, warum die Duve nun auch noch an der Sisi-Story mitstrickt. Als gäbe es nicht schon genug Versionen der Habsburger Lieblingsaristokratin, die noch oder gerade post mortem über die mythenbildende Fantasie im nostalgisch verklärten Zauberreich der Monarchie gebietet. Und vielleicht ist das ja schon die Antwort auf beides, die Pferde wie den Roman: So wie die Kaiserin als eine der besten Reiterinnen ihrer Zeit darin über Gräben und Zäune galoppiert, um einem Leben als „Anziehpuppe im Geschirr“ zu entkommen, so setzt sich Duves Text in seiner lakonisch leichten Sprache unbekümmert über das hinweg, was Kult und Kitsch um die schöne Herrscherin aufgehäuft haben.

Großnarzisstische Stilikone

Der literarische Parforceritt beginnt 1874 in England an der Seite von Leuten, die damals schon so hießen wie heute, die Spencers oder Middletons. Und er endet drei Jahre später nach einer Reihe waghalsig wilder Jagden, Affären und Eskapaden mit der Hochzeit der ebenso pferdebegeisterten Lieblingsnichte. Die um ihre makellose Haut besorgte Kaiserin hat mit Ende dreißig ein Alter erreicht, in dem sie morgens ängstlich im Spiegel kontrolliert, ob die Nacht etwa wieder eine zarte Spur neben die ahnungslos schlafenden Augen gezogen hat. Eine Naturheilerin soll ihr mit Schönheitsbädern und allerlei Quacksalbereien die schlimmsten Entstellungen vom Leibe halten.

Alter, Etikette, die von ihrem Mann eingeschleppten Geschlechtskrankheiten – nichts wie weg! Vor jeder ihrer Pferdevergnügungen lässt sich die großnarzisstische Stilikone von der Schneiderin in ihr Reitkleid nähen. Alles muss sitzen. Dann geht es los: „Die Kaiserin ist glücklich. Wie der Wind in ihren Ohren braust. Wie die Kiesel um sie herumprasseln“. Doch um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ein um rassige Pferdestärken beschleunigtes Update der Schönen-Herrscherinnen-Saga überlässt Karen Duve den Leuten vom Film, die gerade mit zwei neuen Sisis an den Start gegangen sind.

Picklige Grafen und betrunkene Hirsche

Ihr Roman will nicht feministisch oder voyeuristisch entstauben, im Gegenteil: Er ist dort in seinem Element, wo der Schlamm spritzt. So erfährt man hier einiges über die, die unter die Hufe der ganzen schönen K. u. K.- Herrlichkeit geraten: Unzählige zerfetzte Füchse, zertrampelte Hunde, die einfachen Leute, die wie die Fliegen an einer Cholera-Epidemie sterben, die abgelegten Mätressen, mit denen sich Franz Joseph die harte Mühe des Regierens versüßt, während seine Frau auf Gödöllö die Pferde sattelt. Selbst die, die in der volatilen Gunst der Kaiserin stehen, werden nicht verschont. Der kentaurische Freiheitspakt mit der Lieblingsnichte endet in der von der hohen Gönnerin arrangierten Zwangsehe mit einem verpickelten, jähzornigen Grafen.

Niemand entkommt, weder die Nichte, noch die Kaiserin selbst und schon gar nicht jener arme Hirsch, der sich einmal in die Stadt verirrt und vor der kaiserlichen Jagdgesellschaft schließlich in einen Trödelladen flieht, wo das stolze Tier von Sisis tollkühnen Kavalieren Schnaps eingeflößt bekommt, bis es so betrunken ist, dass es sich an einem Strick abführen lässt. Man kann nicht anders, als das metaphorisch zu lesen.

Ikonen gehören entweder beweihräuchert oder gestürzt. Karen Duve macht keines von beiden. Besser als jede Celebrity-Reporterin mit Zutritt zum Hof nutzt sie die Lizenzen personaler Erzählperspektive um zwischen Innen und Außen, Ressentiment und Schmeichelei, Gefühl und Etikette, Sadismus und Empathie hin und her zu wechseln. Die trockene Respektlosigkeit ihres Stils steht im schönsten Widerspruch zur zeremonialen Fallhöhe, aus der sie die Figuren stößt. Der Kaiser: „Lächelt jovial, und vergewissert sich alle fünf Minuten, dass sein Schnurrbart noch existiert“. Die Fürstin von Hohenlohe schaut wie ein Kreuzworträtsel in alle Richtungen. Und der romantische Bayernkönig Ludwig II., der seine Kutsche am liebsten von Schwänen ziehen lassen würde? Ganz schön dick für einen Zweiunddreißigjährigen, faule Zähne und schrecklicher Mundgeruch.

Ist das die Gesellschaft, in die sich manche tatsächlich zurücksehnen? Karen Duves Massenmythen-taugliche Paarung von Sisi und Pferd kehrt dieser versunkenen Welt mit wildem, lustigem Lachen den Rücken. Vermutlich wäre die Kaiserin ihr dabei nur zu gerne gefolgt.

Karen Duve: Sisi. Roman. Galiani Verlag. 416 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
Bevor die 1961 in Hamburg geborene Karen Duve zu einer der vielseitigsten deutschen Gegenwartsautorinnen wurde, fuhr sie 13 Jahre lang Taxi, wovon ihr gleichnamiger, auch verfilmter Roman von 2008 handelt. In der Märkischen Schweiz, wo sie heute lebt, bewegt sich die passionierte Reiterin lieber zu Pferde.

Werk
Karen Duve debütierte 1999 mit dem „Regenroman“, einem Bestseller, wie ihre folgenden Bücher „Dies ist kein Liebeslied“ (2002) oder „Die entführte Prinzessin“ (2005). 2014 veröffentlichte sie die Streitschrift „Warum die Sache schief geht“. Unter ihren zahlreichen Auszeichnungen ist auch der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, den sie 2017 für ihren Zukunftsthriller „Macht“ erhielt. Zuletzt erschien der Droste-Hülshoff-Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“.