Man könnte meinen, Julia Schoch erzähle in ihrem neuen Buch vom Scheitern einer Beziehung: Doch in Wirklichkeit hat sie einen der schönsten Liebesromane der letzten Jahre geschrieben.
Was der Liebe unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft widerfährt, ist ein kanonisches Thema der Weltliteratur – Flaubert, Fontane, Tolstoi und all die andern. Das entscheidende Distinktionsmerkmal, in dem sich all diese Geschichten gleichen, ist das Unglück. Und wenn ein Teil davon aus Desillusionierung, Gewohnheit oder Abstumpfung besteht, so könnte man beinahe befürchten, dass davon nicht nur Beziehungen und Ehen bedroht sind, sondern auch alle, die heute noch darüber schreiben. Ja, vielleicht ist ein Liebesroman ein ähnlich großes Wagnis, wie das zu durchleben, wovon er handelt.
Die Autorin Julia Schoch hat sich diesem doppelten Risiko unterzogen. Und als wäre die Last literarischer Ahnenschaft nicht schon groß genug, kommt in ihrem Fall noch die frisch nobilitierte Übermutter autobiografischen Schreibens hinzu: Annie Ernaux, die gerade – egal wohin man blickt – vertraut hervorzublinzeln scheint. Schwierige Startbedingungen also für dieses „Liebespaar des Jahrhunderts“, zumal wenn alles von vornherein darauf hinauszulaufen scheint, dass aus dem Drei-Wort-Satz „ich liebe dich“ der andere ebenso lange wird: „Ich verlasse dich.“
Aus drei Jahren werden dreißig
Doch noch eine weitere Wendung zieht sich durch den existenziellen Zwischenraum, den jene beiden Erklärungen als Anfangs- und Endpunkte markieren: „Die kriegen uns nicht.“ Daran kann man sich halten, auch wenn das Liebespaar dieses Buches so wenig wie alle anderen dagegen gefeit ist, Gewöhnungs-, Alterungs- und Abstumpfungsprozesse zu durchlaufen. Diese folgen unweigerlich irgendwann auf den Tag, an dem ein junger Mann vor der Tür einer Plattenbausiedlung am Stadtrand steht, um im Leben einer Studentin aus einer Tasse Vanille-Tee eine neue Zeitrechnung entspringen zu lassen. Was sich zwischen den beiden in einer Diktatur aufgewachsenen jungen Leuten, die dieselben Filme, dieselbe Musik und Sehnsucht kannten, entspinnt, besiegelt zunächst ein Pakt von drei Jahren, dann würde man weitersehen. 30 Jahre sind daraus geworden.
Einen Ausschnitt davon hat der Auftakt von Julia Schochs Trilogie „Biografie einer Frau“ bereits ins Licht gerückt. Im ersten Band „Das Vorkommnis“ brachte das unvermittelte Auftauchen einer Halbschwester der Ich-Erzählerin scheinbar unverrückbare Gewissheiten ins Gleiten. Nun hält sie fest, was der gewöhnliche Gang der Dinge an sich zu reißen versucht, die Liebe ihres Lebens.
Vereinigungen und Verwerfungen
Selbst in ihren typischen Zügen ist diese Geschichte viel zu besonders, um von Traditionen, Konventionen und anderen Absehbarkeiten eingeholt zu werden. Die kriegen sie nicht. Denn es gibt etwas, dass der Flüchtigkeit des Glücks entgegensteht. Und das ist die Sprache.
„Wie es aussieht, lässt sich das Wichtigste im Leben mit sehr wenigen Worten sagen“, schreibt Julia Schoch, die diese Kunst wie niemand anderes beherrscht. Auf 190 Seiten schlägt die Ich-Erzählerin einen sich über drei Jahrzehnte spannenden Handlungsbogen, unter dem neben zwischenmenschlichen ebenso deutsch-deutsche, ost-westliche Vereinigungen und Verwerfungen Platz finden, eine kleine Geschichte des Reisens, Wohnens, Arbeitens, Kindererziehens, Filme, Literatur, Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten – alles ist da. „Mir kommt es vor, als hätten wir unsere Liebesbeziehung parallel zur Geschichte des Westens gelebt.“
Doch die Sprache ist eben nicht nur ein Mittel, den schleichenden Prozess der Ernüchterung zu beschreiben, den jene Entwicklungen flankieren. Sie hat zugleich die eigentümliche Kraft, ihn umzukehren. Wo die Liebenden immer weiter auseinanderrücken, schmiegen sich die Worte immer enger an die Chronik der schwindenden Gefühle. Dem Bedeutungsverlust des Lebens wirft sich die Bedeutungsproduktion der Literatur entgegen, sodass noch in den traurigen Resten der Liebe, die ein nie abgeschickter Trennungsbrief signiert, das „Ich verlasse dich“ nach seinem Gegenteil klingt.
Denn dieser Roman, der zur Voraussetzung zu haben scheint, etwas sei zu Ende gegangen, ist in Wirklichkeit eine einzige Liebeserklärung, das Hochamt einer großen Sehnsucht. Und je mehr dieses Paar vom Alltag abgeschliffen wird, umso feiner gewinnt es genau darin ein eigenes schmerzlich-schönes Profil. Die Entfremdung wird im Erzählen transparent als ein anderer Aggregatzustand der Liebe, eine Verpuppung, aus der am Ende wie ein Schmetterling die Erkenntnis schlüpft, bei den zurückliegenden dreißig Jahren könnte es sich vielleicht genau um das gehandelt haben, was man ein erfülltes Leben nennt. Darin unterscheidet sich dieses „Liebespaar des Jahrhunderts“ dann eben doch markant von allen anderen Beziehungszerrüttungsgeschichten der Weltliteratur.
Julia Schoch: Das Liebespaar des Jahrhunderts. Roman. DTV, 192 Seiten, 22 Euro.
Info
Autorin
Julia Schoch wurde 1974 in Bad Saarow geboren, und ist in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg aufgewachsen. Für ihre Romane und Erzählungen hat sie zahlreiche Preise erhalten, unter anderem 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung. Am 22. April wird ihr in Aalen der Schubart-Literaturpreis verliehen.
Trilogie
„Das Liebespaar des Jahrhunderts“ ist der zweite Band der Trilogie „Biografie einer Frau“. Im ersten Band „Das Vorkommnis“ wird die Erzählerin durch das unvermittelte Auftauchen einer Halbschwester aus der gewohnten Bahn ihres Lebens gerissen.