Judith Hermann beherrscht die Kunst, aus Restbeständen des Lebens etwas Neues zu formen. Ihr für den Leipziger Buchpreis nominierter Roman „Daheim“ ist ein Meisterwerk.
Stuttgart - Eine junge Frau wird von einem abgehalfterten Zauberer angeworben, für ihn in die Kiste zu steigen und sich zersägen zu lassen – der alte Trick, jeder kennt ihn. Hätte sie sich darauf eingelassen, vielleicht hätte ihr ein abenteuerliches Leben geblüht. Doch im letzten Moment hat sie sich anders entschieden. Das war vor dreißig Jahren. Ungefähr zu einer Zeit also, als eine junge Autorin namens Judith Hermann in gefeierten Erzählbänden wie „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ zu einer Art Geisterseherin ihrer Generation wurde, deren Figuren in kettenrauchender Trance dabei zusahen, wie aus dem Augenblick heraus bedeutsame Formationen entstehen, um kurz darauf spurlos wie Rauch wieder zu verfliegen.
Was war und was hätte sein können
In der Zwischenzeit hat die Autorin weitere Erzählbände veröffentlicht, die von einer nur noch teilverzauberten Kritik immer wieder reflexhaft auf Markenzeichen, Manierismen oder Maschen abgeklopft wurden. Die Protagonistin ihres neuen Romans „Daheim“ hat unterdessen Reisen gemacht, einen Mann getroffen, geheiratet, die gemeinsame Tochter aufgezogen und sich danach wieder getrennt. Nun lebt sie allein nahe der Küste in einem alten Haus, unter dessen Dach ein Tier sein Unwesen treibt.
Und weil ein Bauer aus der Nachbarschaft ihm mit einer Marderfalle auf den Leib zu rücken versucht, taucht aus der Erinnerung plötzlich wieder jene magische Kiste auf, in der sich das Leben der jungen Frau geteilt hat, in das, was war, und das, was hätte sein können – in einen tatsächlichen und einen imaginären Teil.
Warten auf die große Katastrophe
Und mit diesen beiden Dimensionen hat auch zu tun, wer zu fassen versucht, was in dem Zauberkasten dieses Buchs eigentlich passiert. Handelt der Roman von einer einsamen Frau, die vieles zurückgelassen hat, ihre frühere Nikotinsucht mit Teeaufgüssen aller Art bekämpft und nun vor ausdrucksvoller nördlicher Meereseinsilbigkeit sonderbare Leute kennenlernt, die von Wurzeln und Wallungen reden, wenn sie überhaupt reden? Geht es um die Amour fou zu einem eher verhaltensauffälligen Schweinezüchter oder um den Phantomschmerz der Trennung und die fürchterlichen Vivisektionen der Seele, wenn sich das frühere Leben in ein Archiv der Erinnerungen verwandelt hat und die Tochter nur noch als Koordinate im digitalen Nirwana existiert?
Oder wird hier eine ganz andere Geschichte erzählt von einem Land, in dem es aufgehört hat zu regnen und in dem die Leute auf die große Katastrophe warten, sich in Häusern verbarrikadieren, die wie Zentralen „zur Durchsetzung eines komplizierten persönlichen Systems“ wirken oder gleich wie ein Atomschutzbunker. Kisten, Kästen, Fallen bilden eine durchgehende Motivkette.
Wiederkehr des Mythos
Jede der Figuren steht mit einem Bein in der ramponierten Wirklichkeit Gestrandeter, mit dem anderen auf dem gefährlich nachgiebigen Schlick einer mythischen Unterwelt, in die jederzeit zurückzusinken droht, was einer vorzivilisatorischen bestialischen Grausamkeit abgetrotzt wurde.
Man hat Hermanns Stil immer wieder mit allem möglichen verglichen: dem Kargheitschic in der Nachfolge des amerikanischen Erzählers Raymond Carver oder der abgeblätterten Melancholie in den Prospekten des Malers Edward Hopper. Hier aber drängt sich ein Verfahren auf, was man in der Kunstgeschichte Disguised Symbolism nennt: dass sich hinter dem in aller Genauigkeit Abgebildeten eine zweite Bedeutungsebene versteckt. Und wie auch immer man sie dechiffriert, stößt man auf eine Welt, um die es nicht zum Besten bestellt ist.
Soziales Stillleben
In dem vielsagend Ungefähren früherer Erzählungen hat sich eine Wirklichkeit breitgemacht, die nach Sperma, Ammoniak und Aftershave riecht und so unheimlich rumort, wie jenes Tier unter dem Dach daheim. Die sinnfälligen Ding- und Duftkataloge, die Judith Hermann sorgsam wie je arrangiert, haben mit nachsommerhafter Landlebenbeschaulichkeit nichts zu tun, sondern erscheinen wie ein höchst prekäres Stillleben, in dem das soziale Leben erstarrt ist, um jeden Moment wieder in seine Einzelteile zusammenzufallen. Ob für die Protagonistin dieses für den Leipziger Buchpreis nominierten Romans noch einmal etwas Neues beginnt, bleibt ungewiss. Für die Autorin aber beginnt ganz augenscheinlich ein goldenes Zeitalter ihrer Kunst.
Judith Hermann: Daheim. Roman. S. Fischer. 192 Seiten, 21 Euro.