Gabriella Zalapìs Roman „Ilaria“ ist ein faszinierender Roadtrip durch soziale Verwerfungen, ein Italien am Rande des Bürgerkriegs und einen Irrgarten der Gefühle.
Manchmal glaubt man schon genau zu wissen, wohin die Reise geht, und landet am Ende dort, wo man es nie erwartet hätte. Diese Erfahrung haben die Lesenden mit der Titelfigur von Gabriella Zalapìs Roman „Ilaria“ gemeinsam. Als das achtjährige Mädchen an einem Maimorgen zu Beginn der Achtzigerjahre überraschend von ihrem seit Kurzem getrennt lebenden Vater aus der Schule abgeholt wird, rechnet es mit einem jener Treffen in dem Lokal „Chez Léon“, bei dem die Eltern wieder einmal vergeblich versuchen würden, ihren Streit beizulegen. Doch was stattdessen beginnt, ist eine halsbrecherische Irrfahrt, die das junge Mädchen, das gerade noch an der Kletterstange vor ihrer Schule kopfzuunterst im „Schweinebaumel“ den Träumen an ihr Idol, der rumänischen Kunstturnerin Nadia Comăneci, nachhing, jäh aus allem Gewohnten abstürzen lässt.
Für die Lesenden wiederum scheint klar zu sein, wohin das führt. In eine Geschichte von der Art, wie sie sich gerade vor den Augen der Öffentlichkeit in dem eskalierten Sorgerechtsstreit um die Kinder der Hamburger Unternehmerin Christina Block und ihres Ex-Manns abspielt: Entführung, manipulierte Gefühle, Zugehörigkeitskonflikte. Alles, worum es dabei geht, enthüllt der autobiografisch inspirierte Text Gabriella Zalapìs aus der unmittelbaren Erlebnisperspektive eines Kindes. Und vielleicht gerät gerade dadurch so vieles mehr in den Blick, nicht nur das absehbare soziale Drama, sondern auch die Fliehkraft der Fantasie, mit der man sich der Wirklichkeit widersetzt.
Schnell wird deutlich, warum sich Ilarias Mutter von ihrem Mann getrennt hat und mit den Kindern in die Schweiz nach Genf gezogen ist. Von dem mittlerweile in Turin lebenden arbeitslosen Filou aus gutem Haus ist wenig zu erwarten: cholerisch – „wenn Papa aufgeregt ist, bin ich lieber still“ –, alkoholisch, launisch, wenn wieder eine „Telefonata“ mit der Mutter in Schreien erlischt.
Reise durch ein Land am Rand des Bürgerkriegs
Aus einem Wochenende werden Wochen, Monate, schließlich eine zweijährige Odyssee, Folge keines trojanischen, sondern eines Rosenkriegs. Die Fahrt führt in den Süden entlang der Routen, die ein touristisches Herz höherschlagen lassen, Florenz, Genua, Rom, Sizilien. Aber es ist nicht Bella Italia, sondern ein Land am Rand des Bürgerkriegs.
Die italienischen Schlager aus dem Autoradio, die die Zeit und Ilarias emotionales Chaos sentimental kolorieren, wechseln sich ab mit Meldungen über Mafiamorde, rechts- und linksterroristische Anschläge, einem Attentat auf den Papst. In Turin begegnet das Kind dem Subproletariat der „posteggiatori“, die Leuten beim Einparken helfen; es lernt Fabrikarbeiter kennen, die alles verloren haben, durch Asbest ihre Zähne und durch den Krach ihr Gehör, aber nicht ihren Stolz; in Kalabrien starren ausgemergelte Fischer stumm in den leeren Horizont.
Ilarias früheres Leben rückt unterdessen in immer weitere Ferne, die Schule, die Freundinnen, die Geburtstagsfeste, Weihnachten. In die Mutterrolle schlüpfen Verkäuferinnen, Freundinnen, Verwandte, Traumgebilde. Die anderen Familien sind gewaschen und gekämmt, sie schläft in unsauberen Betten über verrauchten Bars, in denen der Vater Witze erzählt, anderen Frauen nachschaut und einen Whiskey nach dem anderen kippt.
Wie sich die beiden mit zusehends immer windigeren Tricks und Gaunereien durchschlagen, könnte an Bonnie und Clyde erinnern. Doch was in die vom Vater beschworene untrennbare Liebe hineinspielt, gleicht bei Ilaria eher einer Art familiärem Stockholm Syndrom. Licht und Schatten, Tunnelmomente und weite Ausblicke flackern ineinander wie auf einer Autofahrt: „Ich lache, weil ich Angst habe.“
Hauch der Utopie
Dann Sizilien, wo die exaltierte Großmutter väterlicherseits in ihrem großbürgerlichen Palazzo mit flammend rotem Haar die Reste bröckelnder Grandezza zusammenkehrt. Auch das nicht unbedingt kindgerecht. „Mi raccommanda“ – „hörst du“ – wird das Kommando einer Zucht, in die sich Ilaria fügt, wie der biegsame Leib Nadia Comănecis in die gewagtesten Luftnummern. Allein irrt sie durch weitläufige Zimmerfluchten, Spiegelkabinette und Abstellräume. Und so leichtfertig unscharf mit dem Adjektiv „surreal“ umgesprungen werden kann, so präzise benennt es hier den Abzweig, den die Reise nun in eine Welt nimmt, die über die ramponierte soziale Wirklichkeit von Klassengegensätzen, Schulpflicht, erwachsenem Versagen hinausführt.
Ilaria landet in der vormodernen Welt einer kauzigen Bekannten der Großmutter. Das mit Koseworten wie Principessa bestochene mittlerweile neuneinhalbjährige Mädchen trifft nun auf eine echte Principessa, aus deren Familie sogar ein Papst hervorgegangen ist. So wie das Kind aus seinem Leben, ist die alte Dame aus der Zeit gefallen. In ihrem ländlichen Zwischenreich blättert ein belebender Hauch der Utopie neue Seiten auf. Eine animistisch beseelte Natur fängt die aus allen Bindungen Gefallene auf, urwüchsige Kollektivität wird zum Ersatz für die verlorene Familie, und der in allen Lagen ihr Gleichgewicht bewahrenden rumänischen Kunstturnerin tritt Pippi Langstrumpf als Galionsfigur zur Seite.
Es ist nicht die letzte Station. Wie es sich für eine Odyssee gehört, ist die Heimkehr das Schwierigste. Am Ende hängt Ilaria wieder im „Schweinebaumel“ an der Stange vor ihrer Schule in Genf. Der Entbildungsroman ihrer schulfernen zwei Jahre hat sie gelehrt, den drohenden Rand des Nichts mit Zeichenstift und Einbildungskraft zurückzudrängen. Und wenn etwas diese herzzerreisende Grand Tour durch eine zerrüttete Kindheit rechtfertigt, dann so von ihr erzählen zu können, wie es der bildenden Künstlerin und Autorin Gabriella Zalapì hier gelingt. Das ist mehr als man erwarten durfte: kein erfahrungsgesättigtes Betroffenheitsbuch, sondern große Literatur.
Gabriella Zalapì: Ilaria. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Suhrkamp. 162 Seiten, 23 Euro.
Info
Autorin
Gabriella Zalapì ist bildende Künstlerin mit englischen, italienischen und schweizerischen Wurzeln und lebt in Paris. Sie studierte an der Hochschule für Kunst und Design in Genf und schöpft ihr Material unter anderem aus ihrer eigenen Familiengeschichte, wobei sie Fotografien, Archive und Erinnerungen aufgreift und sie in einem produktiven Spiel zwischen Geschichte und Fiktion arrangiert.
Termin
Am 11. Juni um 19 Uhr ist Gabriella Zalapì in Stuttgart mit ihrem Roman zu Gast im Institut français.