Christian Kracht, Autor und Romanfigur. Foto: © Noa Ben-Shalom

25 Jahre nach seinem legendären Roman „Faserland“ setzt Christian Kracht die Reise fort: Sein neuer Roman „Eurotrash“ führt durch Abgründe der Erinnerung und endet in den Gipfellagen der Literatur.

Stuttgart - Mitte der 90er Jahre ist ein junger Schnösel in Barbourjacke von Norden nach Süden gereist und hat Literaturgeschichte geschrieben. Das heißt, um genau zu sein, Litergeschichte geschrieben hat der Autor Christian Kracht mit seinem Roman „Faserland“. Was der junge Schnösel mit ihm zu tun hat, ist so offen wie die Frage, ob dieses Buch nun eine abstoßende Oberflächlichkeit von Markennamen, blasiertem Geschmäcklertum und wohlstandsverwahrlosten Attitüden zeigt oder nicht eher das gespenstisch hergerichtete Sterbegesicht einer Gesellschaft.

 

Zweifellos aber beginnt mit dieser Reise, die in Sylt startet und nach einer trunkenen Stafette durch allerlei gut angezogene Milieus auf dem Züricher See endet, eine neue Zeitrechnung. Und je nachdem, wie begeistert man nun das Wort Popliteratur in die Runde wirft, hat man sich schon für eine Lesart entschieden, in der Autor und Schnösel eine engere Gemeinschaft bilden, die sich immer wieder in seltsamen Posen und Projekten ausprägt.

Unterstrom von Gewalt und Kälte

Unterdessen ist ein Werk entstanden, das seit diesem Beginn nie wieder der eigenen Zeit so nah auf die Haut gerückt ist, auch wenn sie immer Bezugspunkt blieb und die Verwechslung von Autor und Figur stets virulent. Krachts Romane spielten fortan in der näheren oder ferneren Vergangenheit, zu Zeiten der Islamischen Revolution, in kolonialen Kokoshainen, im Japan der 30er Jahre oder in der alternativen Gegenwart einer sowjetischen Schweiz. Und aus ihrem Unterstrom von Gewalt, Kälte, Ästhetizismus wurde immer wieder eine Sympathie mit dem Bösenherauszulesen versucht. Bis die Sphinx Christian Kracht 2018 während einer Frankfurter Poetikvorlesung überraschend die Grausamkeit seiner Texte und die darin herumspukende fetischisierte männliche Sexualität als Folge einer verdrängten jugendlichen Missbrauchserfahrung offenlegte. Und sich bei derselben Gelegenheit zu einer leicht pyromanischen Wesensart bekannte.

Beides kehrt wieder in dem neuen Roman „Eurotrash“, mit dem Kracht wieder in der Gegenwart angekommen ist, dort wo „Faserland“ vor etwa 25 Jahren geendet hat, in Zürich. Und wenn in dem seltsamen Titel des Debüts nicht nur das Zerfasern der Wirklichkeit und textiler Mummenschanz anklingen, sondern auch das Land der Väter, so ist die Weggefährtin in der Fortsetzung der Reise nun die Mutter.

Sie hat den Sohn zu sich gerufen in ihr Hadesreich zwischen Psychiatrie und elitärer Verwahrlosung mit Seeblick unter der Obhut einer diebischen Haushälterin. Betäubt von Barbituraten und Antidepressiva aller Art, Wodka und billigem Weißwein dämmert sie dem Ende entgegen, mit zerschrammtem Gesicht von vielen Stürzen. „Meine Mutter nämlich war sehr krank, das heißt krank im Kopf, nicht nur dort, aber dort vor allem.“

Totes Geld, tote Materie

Hinter ihr liegen eine Kindheit als Tochter eines SS-Untersturmführers, an dem die Entnazifizierung spurlos vorübergegangen ist, und die Ehe mit einem Aufsteiger, der zur rechten Hand des Verlegers Axel Springer wurde und seinen Herkunftskomplex mit einer Midas-haften Überassimilation an die bessere Gesellschaft kompensierte. Wie sie dem Sohn an ihrem 80. Geburtstag in der Nervenheilanstalt Elfenstein in Winterthur erzählte, wurde sie als Elfjährige über Wochen von einem Fahrradhändler aus dem NS-Klüngel ihres Vaters vergewaltigt, ein Schicksal, wie es ihrem Sohn später in einem kanadischen Internat widerfahren sollte. „Alles, was nicht ins Bewusstsein steigt, kommt als Schicksal zurück“, heißt es einmal.

Totes Geld, tote Materie, totes Gold, sadomasochistische Geheimkabinette, unter dem Bett gehortete Schätze und im Keller die Verbrechen der Nazis – so ist die Welt eingerichtet, um die diese Familie in einer verfluchten ewigen Wiederkunft kreist. Und sie kommuniziert mit einer kalten finsteren Schweiz, die zu Reichtum und Tod ein besonderes Verhältnis pflegt, deren Städte dunkle grausame Namen tragen wie Winterthur und wie Zürich verpestet sind von Angebern und Aufsteigern, geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis. Thomas Bernhard hätte sie nicht schöner verwerfen können.

Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Bann zu brechen. Zusammen mit der Mutter noch einmal auf eine Reise zu gehen, dem Rad der ewigen Wiederkehr in die Speichen zu fallen. Und so beginnt eine letzte Ausfahrt durch obskure Kommunen, Gletscherhöhen und Abgründe der Erinnerung. Wie Thomas Mann die Galionsfigur der ersten Reise ein Vierteljahrhundert zuvor war, ist es diesmal Jorge Luis Borges, dessen Erzählungen Kracht schon als Kind im Maßstab eins zu eins mit Lego nachzubauen versucht. Das teuflische Realitätsprinzip einer von Geld und Gier getriebenen Ökonomie setzen die beiden Reisenden außer Kraft durch Verausgabung: Sie verschleudern und verschenken das Blutgeld des Familienvermögens, und die Rebellion gegen den analen Charakter des Reichtums findet ihren eigenen künstlichen Ausgang.

Übergangsritus zum ewigen Leben

So biografisch und beklemmend bekenntnishaft diese Reise auch beginnt, so tief führt sie gleichzeitig hinein in die Gegenwelt der Literatur, ohne die die Wirklichkeit sich nicht ertragen ließe. Die Schweiz wird zur Transitzone zwischen Auto und Fiktion. Und wo dieses seltsame Paar zur einen Seite den Parcours der Widerwärtigkeiten und Schuldverstrickungen von Familie und Gesellschaft abschreitet, so heiter realisiert es zur anderen hin die innige Verwandtschaft mit weiteren seltsamen Paaren der Weltliteratur von Beckett, Diderot oder Cervantes. Das Mutterland ist das Reich der Literatur und der Geschichten. Und seine Verheißung ist als altenglisches Zitat auf Borges’ Grab in Genf zu lesen: „And ne fohtedon na“ – „Habt keine Angst“.

„Eurotrash“ ist vielleicht Krachts persönlichster Roman und zugleich sein objektivster. Was nicht heißt, dass man irgendeinem Faktum jenseits des Erzählten trauen könnte. Genau darin liegt die Wahrheit dieses Buches. War „Faserland“ ein exemplarisches Zeitbild, ist dieser literarische Übergangsritus von Tod zu ewigem Leben schon jetzt ein Klassiker – ein Buch, wie es nur alle zweieinhalb Jahrzehnte erscheint.

Info

Autor Christian Kracht, geboren 1966 in Gstaad/Schweiz, ist in den USA, Kanada und Südfrankreich aufgewachsen. Sein Vater war Generalbevollmächtigter Axel Springers. Kracht hat als Journalist unter anderem für „Tempo“ und „Spiegel“ gearbeitet.

Werk Sein erster Roman, „Faserland“, erschienen 1995, gilt als eine Art Urknall der deutschen Popliteratur. Es folgten „1979“, „Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten“, „Imperium“ und „Die Toten“. „Eurotrash“ ist Krachts sechster Roman. Zusammen mit seiner Frau, der Regisseurin Frauke Finsterwalder, mit der er eine Tochter hat, schrieb er das Drehbuch zu „Finsterworld“.

Buch Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer und Witsch. 304 Seiten, 22 Euro.