Der Ausgrenzung folgte ein Höhenflug: In der Rolle des Onegin erlebte Osiel Gouneo „Superheldengefühle“, wie er schreibt. Foto: Bayerisches Staatsballett/S. Gherciu

Der schwarze Balletttänzer Osiel Gouneo schildert in der Autobiografie „Black Romeo“ seine Rassismus-Erfahrungen. Auch die Verwalter des Cranko-Erbes treten darin auf. Aus Stuttgarter Perspektive liest sich das Buch besonders spannend.

Bei einer „Schwanensee“-Wiederaufnahme fand sich vor einigen Jahren dieser Hinweis an der Infowand des Stuttgarter Balletts: „No suntanned swans, please!“ Wenn schon Sonnenbräune bei der Besetzung des weißen Klassikers ein Problem ist, wie ergeht es dann erst Tänzerinnen und Tänzern in der Welt des Balletts, deren Pigmentierung von Natur aus nicht dem blassen Ideal entspricht?

 

Die aus Sierra Leone stammende schwarze Ballerina Michaela DePrince hatte ihren schwierigen Weg zum Ballettstar in der Autobiografie „Ich kam mit dem Wüstenwind“ 2014 aufgeschrieben. Nun berichtet auch Osiel Gouneo, afrokubanischer Tänzer am Bayerischen Staatsballett, der sich selbst als „maximal pigmentiert“ beschreibt, in der Autobiografie „Black Romeo“ von seiner nicht immer einfachen Karriere in der weißen Welt des Balletts.

System Ballett muss hinterfragt werden, damit es sich ändert

Aus Stuttgarter Perspektive liest sich sein Buch besonders spannend. Die hässlichsten Erfahrungen, die der schwarze Tänzer machte, fallen gefühlt in die Zeit, als selbst Sonnenbräune bei „Schwanensee“ unerwünscht war. Seither ist zum Glück viel passiert, auch dank Menschen, die wie Osiel Gouneo Stellung beziehen. „Das System Ballett muss immer wieder neu hinterfragt werden, damit es sich zum Besseren entwickelt“, schreibt der Kubaner. Genau das leistet sein Buch, das mehr als einen Lebensweg skizziert.

Osiel Gouneo in „Schmetterling“, einem Ballett von Lightfoot/León Foto: BSB/Nicholas MacKay

„Ich weiß, Rassismus ist ein großes Wort, und man sollte mit dem Vorwurf vorsichtig sein, aber auch ich habe ihn in Europa erlebt.“ Mit diesem Satz leitet der Tänzer in „Black Romeo“ zwei Vorfälle am Norwegischen Nationalballett ein. Bei einem davon, der Gouneo in seiner ersten Spielzeit 2013/14 in Oslo widerfuhr, spielten die Verwalter des Cranko-Erbes (im Buch fälschlicherweise als Cranko-Gesellschaft bezeichnet) aus Sicht des Kubaners keine rühmliche Rolle: Er und seine Partnerin, die Britin Natasha Jones Dale, seien bei „Onegin“-Proben konsequent übergangen worden. Sie waren als eine von vier Besetzungen für das Paar Lenski und Olga vorgesehen.

Nach einer Woche wehrte sich der Tänzer. „Ich habe das vor allem für meine Kollegin Natasha getan, die am Boden zerstört war“, äußert sich Osiel Gouneo bei einer Begegnung im Münchner Ballettprobenzentrum zu den Vorwürfen und fügt hinzu: „Es ist doch eine enorme Zeitverschwendung, Erste Solisten für Proben einzuteilen und zugleich zu wissen, dass sie nicht zum Zuge kommen werden.“ Falls seine Hautfarbe bei der Besetzung der Rolle ein Problem gewesen sei, erklärt der schwarze Tänzer im Rückblick, hätte er zumindest gern für seine Partnerin den Weg freigemacht.

Der Enttäuschung folgen gute Erfahrungen

Auch das betont Osiel Gouneo: Sehr bewusst habe er den Namen des damals die Proben leitenden Ballettmeisters nicht genannt. Denn inzwischen hat der Kubaner, der von Onegin bis Petrucchio große Cranko-Rollen tanzt, viele gute Erfahrungen bei deren Einstudierung gemacht. Ob Reid Anderson oder Marcia Haydée, für ihn die „Godmother“ des Balletts: Gerade ihre Tipps seien für ihn enorm hilfreich dabei gewesen, Figuren in ihrer Tiefe zu ergründen.

Osiel Gouneo Foto: BSB/Nicholas MacKay

Und so erlebte der Wahl-Münchner in der Rolle des Onegin, für die er 2022 als Gast nach Oslo zurückkehrte, einen besonderen Bühnenmoment: Er sei dem Charakter buchstäblich unter die Haut geschlüpft. Und diese Energie, mit der ein Tänzer sein Publikum berührt, machte die Ballettbühne für ihn „zu einem außerterrestrischen Raum für Superheldengefühle“.

Die Witwe MacMillans streicht ihn aus der Premieren-Besetzung

Sieben Jahre davor hatte eine weniger schöne Erfahrung beim Norwegischen Nationalballett Osiel Gouneo dazu bewogen, sein Glück anderswo zu suchen. Vorausgegangen war ein Einmischen der Witwe Kenneth MacMillans in die Besetzung von „Manon Lescaut“. Nur einen Tag vor der Premiere in Oslo erfuhr Osiel Gouneo, dass er die Rolle von Manons Bruder nicht tanzen sollte, zumindest nicht bei diesem großen Anlass.

Cover (Detail) Foto: C. H. Beck/Nicholas MacKay

Künstlerisch nachvollziehbare Begründungen habe er für seine Absetzung nicht bekommen, schreibt Osiel Gouneo. Als Rassisten will er diejenigen, die solche Entscheidungen treffen und mittragen, dennoch nicht bezeichnen. Eher als Opfer eines Systems, das ein weißes, europäisches Erbe pflegt. Wie gefährdet darin in einer Zeit, in der um kulturelle Aneignung gestritten wird, die Rolle eines schwarzen Tänzers ist, zeigt Osiel Gouneo in seinem Buch spannend auf.

Alle Nichtweiße landen in einem Topf

Die Traditionen dieses weißen Systems spiegeln sich für ihn auch in der Wahrnehmung von Hautfarben, die Unterschiede zwischen schwarzen und hellen „mixed race“-Tänzern ignoriere. Das Argument, das andere Nichtweiße wie Benito Marcelino doch schon Jahrzehnte vor ihm den Onegin getanzt hätten, lässt der Kubaner deshalb nicht gelten und sagt mit einem Lachen: „Das ist, wie wenn ich Blonde und Rothaarige in einen Topf werfen würde.“

Der Künstler zählt, nicht die Hautfarbe

Aber eigentlich sind Hautfarbe und damit verbundene Rekorde wie derjenige, der erste „Black Romeo“ auf der Pariser Ballettbühne gewesen zu sein, für Osiel Gouneo nicht wichtig, auch wenn das der Titel seines Buchs suggeriert. „Mir geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität“, sagt der Kubaner, für den allein der Künstler zählt – nicht seine Hautfarbe. Wie das auf der Bühne aussieht zeigt er am 1. Dezember bei einer Gala zum Buch im Stuttgarter Theaterhaus, wenn der Tanz im Vordergrund steht.

Info

Buch
Osiel Gouneo (mit Thilo Komma-Pöllath): „Black Romeo – Mein Weg in der weißen Welt des Balletts“. Verlag C. H. Beck. 250 Seiten. 28 Euro. Am 1. Dezember stellt der Tänzer seine Autobiografie bei einer Gala im Theaterhaus Stuttgart vor.

Herkunft
Osiel Gouneo wurde 1990 in Matanzas geboren. Die Stadt war einst ein bedeutender Umschlagplatz für Zuckerrohr und Sklaven. „Ihr Reichtum wurde auf den Schultern der Ausgebeuteten und Entrechteten aufgebaut“, schreibt der Tänzer.

Ausbildung
Auf Wunsch der Mutter beginnt der Neunjährige in einem Musikinternat eine Ballettausbildung, die in Kuba kostenlos ist. Vorbehalte gegenüber der Kunst „in weißen Strumpfhosen“ lösen sich, als der Teenager in einem Video den schwarzen Ballettstar Carlos Acosta tanzen sieht. „Das war ganz ernsthaft ein Kulturschock für mich“, schreibt Gouneo.

Karriere
Die Schule des Kubanischen Nationalballetts und die Kompanie selbst, in der Osiel Gouneo mit 21 Jahren zum „Primer Bailarín“ ernannt wird, sind Sprungbrett für den Afrokubaner. Er tanzt große Rollen und kommt über Oslo nach München. Eine Rückkehr nach Kuba kam für ihn nie in Frage: „Ich war hungrig darauf, die Welt und neue Choreografen zu entdecken. In Kuba war das bis vor kurzem nicht möglich“, sagt Osiel Gouneo.