Zwischen Fiktion und Wirklichkeit: Abbas Khider Foto: imago/gezett/imago stock&people

In seinem neuen Roman bürgert Abbas Khider ein Leben in der Fremde im Freiraum der Literatur ein. Am Mittwoch stellt der Autor sein neues Werk in Stuttgart vor.

Stuttgart - Abbas Khider ist ein schöner Mann, der gerne lacht, obgleich er auch das hässliche Gesicht der Welt kennt. Das Gleiche könnte man auch von Said al-Wahid sagen, dem Protagonisten von Khiders neuem Roman. 1973 wurde Khider in Bagdad geboren, verteilte Flugblätter gegen den Diktator Saddam Hussein, wurde verhaftet und gefoltert. Auch Said al-Wahid kennt dieses Regime. Als illegaler Flüchtling reiste Khider durch verschiedene arabische und europäische Länder, bis er nach Deutschland kam. Genau wie seine Romanfigur.

 

So, und wer nun glaubt, er wisse Bescheid, der täuscht sich gewaltig, auch wenn man sicher noch viele weitere Parallelen anführen könnte, die wichtigste: beide sind Schriftsteller geworden. Damit wäre man bei dem seltsamen Titel angekommen: „Der Erinnerungsfälscher“. Denn derjenige, aus dessen Leben hier erzählt wird, macht die Erfahrung, dass er sich auf sein Gedächtnis nicht verlassen kann. Die Texte, die er schreibt, erscheinen ihm wie die verfälschte Story seines Lebens, gleichzeitig erkennt er darin die Freiheit, die Welt nach Lust und Laune in neue Wirklichkeiten zu verwandeln.

Absurder Witz und existenzieller Horror

Und schon haben die Geschichten aus Said al-Wahids Alltag in der Fremde einen doppelten Boden bekommen. Gerade hat eine Lesung in Mainz seiner Autorenkarriere einen Schub gegeben, da erreicht ihn der Anruf seines Bruders aus dem Irak: die Mutter liegt im Sterben. Said beschließt sofort nach Bagdad zu fliegen, „möglicherweise hat die Mutter es eilig, den Rest der Familie im Jenseits wiederzusehen“.

Den Weg zu einer letzten Begegnung bahnt die Erinnerung. Es sind Szenen aus dem Dschungel der Einbürgerungsbürokratie, groteske Schikanen, deren absurder Witz sich mit dem existenziellen Horror für den Betroffenen seltsam verbindet. Auch die endlich erlangte deutsche Staatsangehörigkeit hilft nicht wirklich weiter. „Papier ist Quatsch!“, muss er in einer Neuköllner Eckkneipe erfahren, in die es ihn auf der Flucht vor dem Regen verschlagen hat, in einer Gegend, wo sich das bunte dauerhafte Straßenfest des Viertels in mit Deutschlandflaggen dekorierte Ödnis verliert.

Stationen eines eingebildeten Lebens

Auch in Bagdad haben sich unterschiedlichste Fraktionen mit ihren jeweiligen Flaggen in die verrauchten und verkohlten Ruinen, die von der Diktatur nach dem amerikanischen Intermezzo übrig geblieben sind, aufgeteilt. Gerade formiert sich der IS. Und wer in die falschen Hände gerät, wird „in die Pfanne geschlagen“ oder „verklebt“, was beides leider viel harmloser klingt, als es ist. Die Fremde spürt er mitten in Bagdad mächtiger als in den fernen Ländern, in denen er wegen seines Aussehens regelmäßig zum Zeigen seiner Papiere aufgefordert wird. Ägypten, Libyen, Griechenland sind die Stationen dieses eingebildeten Lebens. Denn die Realität, die Said durchläuft, spottet dem, was man sich gewöhnt hat, für wirklich zu halten.

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In seinem Roman „Die Ohrfeige“ hat Khider einem Fall von Asylmissbrauch ein Gesicht gegeben und dabei demonstriert, dass die Empathie des Lesers zu gerechteren Urteilen kommt als der Buchstabe des Gesetzes. Ganz ähnlich verfährt er hier mit dem Status der Wirklichkeit. Manchmal werden drei Versionen ein und desselben erzählt – eine plausibler als die andere. Mit dem freien Verfügen über seine Geschichte emanzipiert sich der letzte Chamissopreisträger Abbas Khider von dem sogenannter Migrantenliteratur mit paternalistischer Geste zugewiesenen Erzählgetto. Als gewinne hier ein Text seine Glaubwürdigkeit einzig durch die getreue Abbildung des Erlebten. Die gefälschte Erinnerung ist die bessere Literatur.

Termin Am 3. März um 19.30 Uhr stellt der Autor den Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher. Roman. Hanser. 128 Seiten, 19 Euro.