Ein überlebensgrosses Porträt der Fußball-Legende Diego Maradona im Pavillon des Buchmessen-Gastlandes Argentinien Foto: dpa

Die Frankfurter Buchmesse erinnert an die Militärdiktatur des Gastlandes Argentinien.

Frankfurt - Sie waren Schriftsteller, Essayisten, Journalisten und Dichter. Wegen ihrer Überzeugungen hat man sie während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) verschleppt, gefoltert und ermordet. Nun soll an sie erinnert werden: mit einer Anthologie und einem eigenen Bereich auf der Frankfurter Buchmesse.

"Wir werden zeigen, welche Zerstörung die Militärdiktatur im Bereich der Literatur angerichtet hat", sagt der Schriftsteller Mario Goloboff, der die Anthologie über die verschwundenen Autoren herausgegeben hat. Die acht Porträtierten stehen für alle anderen Publizisten, die in den Folterkellern der Militärs verschwanden. Der Band umfasst 500 Seiten mit deren Texten, Erzählungen, Fragmenten und Gedichten. Dazu kommen Essays und Kritiken über jeden der Autoren und eine Kurzbiografie.

"Ich habe die Schriftsteller ausgewählt, die vor und in den 1970er Jahren eine große Bedeutung für die Literatur Argentiniens hatten", erklärt Goloboff. "Die Militärjunta hat uns alle als Subversive beschimpft." Wie bei den verschwundenen Autoren waren Goloboffs politische und kulturelle Aktivitäten den Militärs ein Dorn im Auge.

Der heute 71-Jährige verbrachte die Jahre der Diktatur im französischen Exil. 1983 ging er zurück und lehrt heute Literatur an der Universität La Plata.

"Meine Adresse, falls ich noch lebe"

Einer der Autoren, denen auf der Buchmesse und in Goloboffs Buch gedacht wird, ist Rodolfo Walsh. Der Journalist und Erzähler wurde verschleppt und am 25. März 1977 ermordet. Kurz davor schrieb er einen "Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta". Es ist eine der frühesten und prononciertesten Anklagen gegen die Militärherrschaft.

"Ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden", macht er die Militärs für den schlimmsten Terror verantwortlich, den Argentinien je erlebt habe. "Fünfzehntausend Verschwundene, zehntausend Gefangene, viertausend Tote und Zehntausende Vertriebene sind die nackte Bilanz dieses Terrors", schreibt Walsh nach nur einem von sieben Jahren Diktatur.

Walshs Hauptwerk "Das Massaker von San Martin" erschien 1957 und ist ein journalistisch-investigativer Tatsachenbericht über einen politischen Mord. Die Kritik lobte das Buch als ein Vorbild für die Haltung, die Recherchetechnik und den Stil eines kritischen Schriftstellers.

Einzige Frau in Goloboffs Auswahl ist Diana Guerrero. "Sie wurde regelrecht ausgelöscht", sagt der Herausgeber. Nicht ein einziges Bild ließ sich von ihr finden, weshalb sie in der Anthologie auch die Einzige ohne Foto ist. Die Essayistin wurde zusammen mit ihrem Ehemann am 27. Juli 1976 verschleppt und ist nie wieder aufgetaucht.

Guerrero war Literaturprofessorin an der Universität von Buenos Aires. Sie schrieb vor allem sozialkritische und politische Texte über Kunst und Literatur. Zudem geht Goloboff zufolge das wohl wichtigste Buch über den bedeutenden argentinischen Schriftsteller Roberto Arlt auf ihr Konto. An den Erzähler, Roman- und Drehbuchautor Haroldo Conti erinnert seit Juni 2008 das Kulturzentrum auf dem Gelände der Mechanikerschule der Marine Esma, das nach ihm benannt wurde. In der Esma betrieben die Militärs während der Diktatur das größte Gefangenen- und Folterlager in der Hauptstadt. Contis psychoanalytische Literatur erinnere ihn an Faulkner, sagt Goloboff. Er werde heute wieder viel gelesen, wie auch andere verschwundene Schriftsteller, von denen einige auf den Lehrplänen stehen.

Conti wurde am 5. Mai 1976 als einer der ersten Autoren verschleppt. Kurz davor schrieb er seinem kolumbianischen Kollegen Gabriel Garcâa MÖrquez in einem Brief über sich und seine Frau: "Martha und ich leben fast wie Banditen, wir verheimlichen unsere Bewegungen, unsere Aufenthaltsorte, wir sprechen verschlüsselt." Der Brief endet mit "unten folgt meine Adresse, falls ich noch lebe".

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