Regina Schopf bietet in ihrer Buchhandlung mehr als nur Lesestoff. Foto: Benjamin Schieler

Der Buchladen Regina wird im Oktober 30 Jahre alt. Das Konzept hat sich verändert. In anderen Geschäften im Stuttgarter Norden ist das ähnlich.

Stuttgarter Norden - Die Welt war eine andere, damals, im Oktober 1989, als Regina Schopf in Giebel inmitten eines belebten Ladenzentrums ihren Buchladen eröffnete. 30 Jahre später ist sie im Gegensatz fast aller damaligen Nachbarn noch immer da – aber auch nur, weil sie ihr Sortiment kontinuierlich erweitert hat. Die Liebe zu den unendlichen Welten zwischen zwei Buchdeckeln, die einst mit Astrid Lindgren und Otfried Preußler begann, ist bei Regina Schopf ungebrochen. Aber allein mit Büchern als Geschäft zu überdauern, ist für sie nicht möglich. Und das nicht erst, seit der Internetgigant Amazon zum Symbol für das stetige Verkümmern der Buchhandelsvielfalt im Land geworden ist. „Es hat sich schon früh nach dem Start gezeigt, dass ich mehrere Standbeine brauche“, sagt Schopf.

Als Erstes nahm sie Glückwunschkarten ins Sortiment auf. Später kamen Zeitungen und Schreibwaren hinzu, dann sogar Modelleisenbahnen. Als die nahegelegene Lotto-Annahmestelle schloss, holte Schopf sie zu sich. Und als der Fotograf Peter Kempf nach annähernd fünf Jahrzehnten am Platz die Schotten dicht machte, übernahm die Buchhändlerin von ihm auf seinen Wunsch hin den Service für Pass- und Bewerbungsfotos.

Regina Schopfs Beispiel zeigt: Kleine, inhabergeführte Buchläden müssen sich etwas einfallen lassen, wollen sie nicht von der Bildfläche verschwinden. Die Angebotsvielfalt ist ein Mittel – der in Weilimdorf und am Killesberg ansässige Scharr ist gleichzeitig Papeterie und Büromarkt, „Hübsch und Gut“ in Feuerbach unter anderem auch ein Copyshop. Und im Botnanger Buchladen, 2018 zum dritten Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis als „Ausgezeichneter Ort der Kultur“ gekürt, stehen auch Spielwaren.

Das Geschäft mit der Literatur ist schwierig geworden

Ein exakt auf die Zielkundschaft zugeschnittenes Angebot und den perfekten Service zu bieten, nennt die Botnanger Inhaberin Uscha Kloke als Hauptargument für die Läden vor Ort. „Wer bei uns bis 18 Uhr bestellt, kann sein Buch, sofern es keine Lieferengpässe gibt, am nächsten Morgen abholen“, sagt sie.

Was die Händlerinnen eint, ist, dass sie besser sein wollen als Amazons Algorithmus, wenn ihre Stammkundschaft Empfehlungen möchte. Die honoriert das, in Giebel genauso wie in Botnang oder bei Ursula Schairer, die seit 1980 mit ihrem Buchladen Feuerbach mit Literatur versorgt. „Ich habe tolle Stammkunden, die zu mir halten“, berichtet Schairer und ist erfreut, dass immer mehr jüngere Leser bewusst lokal einkaufen. Sie schätzen die Buchläden auch als Kulturorte für Veranstaltungen.

Die Leipziger Buchpreisträgerin Anke Stelling war jüngst zu Gast in Botnang. Ursula Schairer begrüßt am 28. Oktober den KZ-Überlebenden Gerhard Maschowski zum Zeitzeugengespräch. „Egal wer kommt: Unsere Lesungen sind immer ausverkauft“, sagt Uscha Kloke.

Regina Schopf sieht ihre Aufgabe auch als eine Art Seelsorge. Sie will heimatverbundenen Menschen einen Anlaufpunkt bieten. „Die dürfen bei mir ihr Herz ausschütten“, sagt sie. Gebrechlichen, älteren Kunden bringt sie das bestellte Buch auch mal persönlich nach Hause – in ihrer Mittagspause.

Dass das Geschäft mit der Literatur schwierig geworden ist und viel Leidenschaft abfordert, daraus machen die Händlerinnen keinen Hehl. Auch Kyriakos Sidiropoulos, der seit rund neun Jahren von Stammheim aus die rein online existierende Nischenbuchhandlung Greek-book.de für griechische Literatur betreibt, sagt: „Die Nachfrage könnte größer sein.“ In Giebel kommt hinzu, dass der Stadtteil nicht gerade mit einer hohen Kaufkraft gesegnet ist und die Begeisterung für Literatur immer mehr abzunehmen scheint. Aber deswegen zu jammern käme Regina Schopf nicht in den Sinn. Die Welt mag eine andere sein als vor 30 Jahren, aber nicht alles müsse sich ändern. „Wir zeigen Flagge“, sagt sie. „Wir bleiben hier.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: