Den Forstwissenschaftlern Stefan Meining (links) und Roland Hoch macht der Zustand des Waldes in Baden-Württemberg Sorge. Foto: Adobe Stock/Fotoschlick, Nadine Zeller

Forscher suchen nach Baumarten, die hohe Temperaturen und wenig Wasser vertragen. Zu Besuch in einem Versuchswald bei Freiburg.

Freiburg - Die Buche lässt die Blätter hängen, ihre Astspitzen ragen kahl in den Himmel. Roland Hoch lässt das Fernglas sinken. „Ich würde sagen: 50 Prozent“, sagt er. Stefan Meining nickt mit düsterem Gesichtsausdruck. 50 Prozent, das heißt, dass die Baumkrone nur noch zur Hälfte Blätter trägt. Meining notiert die Zahl in sein Tablet. Die beiden Forstwissenschaftler arbeiten für die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. An diesem Vormittag begutachten sie ein Waldstück in der Nähe des Attentals zwischen Freiburg-Ebnet und Stegen. Ihre Daten fließen in den Waldzustandsbericht 2019. Im Herbst soll er erscheinen. Die ersten Beobachtungen lassen nichts Gutes erwarten.

 

Wassermangel macht Bäume anfällig für den Borkenkäfer

Meining und Hoch stapfen während der Untersuchungsphase täglich durch den Wald. Ihr Stichprobenpunkt ist ein Pflock, der in den Boden getrieben wurde. Ihn umgeben 24 markierte Bäume, verteilt in allen vier Himmelsrichtungen. Ganz Baden-Württemberg ist überzogen mit einem Raster dieser Stichprobenpunkte. Der Buche geht es offensichtlich nicht gut. Ein Einzelfall? Auch wenn die Forscher erst warten wollen, bis der endgültige Bericht im Herbst vorliegt, machen sie sich Sorgen. Kränkelnde Buchen sind ein Phänomen, das man in dieser Vielzahl bislang nicht kannte. Die Dürre plagt sie.

Im Basler Hardwald mussten im Frühjahr 2000 Bäume gefällt werden – darunter viele Buchen. In Nordrhein-Westfalen weisen laut Schätzungen fünf Prozent der Buchen Trockenphänomene auf. Und auch im Schwäbischen geraten die Buchen in Trockenstress. Der Wassermangel macht den Buchen so zu schaffen, dass der Borkenkäfer sie reihenweise dahinrafft. Roland Hoch zückt ein Messer und treibt es in einen gefällten Baum am Wegrand. Die abgetrennte Rinde gibt den Blick frei auf ein typisches Brutbild des Borkenkäfers. Dass die Larven direkt unter der Rinde aufwachsen, hat seinen Grund: Dort gelangen sie an die wertvollen Nährstoffe des Baumes. Dabei kappen sie die Leitbahnen des Baumes und hindern ihn daran, Wasser zu transportieren. Eine Buche im Trockenstress klappt als Erstes die Blätter zusammen, um weniger Verdunstungsfläche anzubieten. Die Blätter bilden dann eine typische Schiffchenform. Hilft auch diese nichts, wirft sie ihr Laub komplett ab. „Nährstoffe, die eigentlich in den Stamm zurückfließen sollten, gehen so verloren“, sagt Roland Hoch. Dass ausgerechnet die Buche dahinsiecht, alarmiert die Wissenschaftler. „Immerhin ist sie hier heimisch“, sagt Stefan Meining und weist auf braune und rostrote Baumwipfel in den Waldhängen des Attentals.

Eichen aus Kleinasien

An vielen Orten Deutschlands hat mittlerweile ein Casting der anderen Art begonnen: „Deutschland sucht den Superbaum“. Der Baum der Zukunft muss anpassungsfähig sein, resistent gegen Trockenheit, Schädlinge und Hitze, er muss sich schnell von Dürren erholen, viel CO2 binden und obendrein noch Erträge erwirtschaften. Der Freiburger Forstwissenschaftler Martin Kohler hat schon seit zwölf Jahren ein paar Kandidaten im Blick. Auf einem ehemaligen Acker im Mooswald wachsen Bäume, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen könnten. Der Acker gehört der Stadt Freiburg, die das Gelände der Universität zur Verfügung gestellt hat. Auf dieser Versuchsfläche recken 14 verschiedene Arten ihre Wipfel in den Himmel – 8700 Bäume, die jährlich Daten abwerfen. Hier stehen einheimische Baumarten wie Buchen, Eschen, Kiefern direkt neben eingeführten Arten wie Douglasie, Roteiche, Zerreiche und Robinie. Alle Bäume finden hier ähnliche Bedingungen vor. So kann Martin Kohler genau beobachten, welche Bäume die Hitze besser aushalten.

Kohler zieht den Ast einer Zerreiche zu sich heran. Die Ränder der ovalen Blätter bilden tiefe Buchten, an deren Ende die filigranen Seitenrippen münden, welche das Blatt wie Adern durchziehen. Die aus Kleinasien stammende Eichenart kann bis zu 200 Jahre alt werden und eine Höhe von 35 Metern erreichen. Die Zerreiche hat die Feinwurzeln auch in tieferen Bereichen angelegt als die heimische Stieleiche. Sie weist eine höhere Fotosyntheseleistung vor allem nach den vergangenen trockenen Sommern auf, bindet also entsprechend mehr CO2. Dennoch macht Kohler klar, dass die Suche nach einer Alternative damit nicht abgeschlossen ist. Dafür sei es zu früh, der Wald noch zu jung.

Seine Begeisterung für die Zerreiche kann er dennoch nicht verbergen. Von fünf angepflanzten Eichenarten war sie die einzige, die nach Trockenzeiten ein Wachstumsplus verzeichnete.

Die Umgestaltung des Waldes kostet Zeit

Und einen weiteren vielversprechenden Kandidaten stellt Martin Kohler vor: die Robinie. Man muss den Kopf weit in den Nacken legen, um die Baumkronen zu sehen. „Das ist eine Baumart, die recht interessant ist, denn sie wächst in ihrer Jugend recht schnell und bietet viel Biomasse. Sie bindet also viel CO2, bringt den Waldbauern Erträge und produziert recht verwitterungsresistentes Holz.“ Nachteil der Robinie: Wenn sie genug Licht bekommt, ist sie kaum mehr zurückzudrängen und nimmt den anderen Baumarten die Sonne. Das muss man eben wissen und sie nicht an Waldhainen anpflanzen

Martin Kohler klettert die Sprossen eines im Wald stehenden Gerüsts hoch. Oben lehnt er sich ans Geländer: „Selbst wenn wir glauben, den Baum gefunden zu haben, dann ist noch nicht gesagt, wie Insekten, Vögel und andere Pflanzenarten darauf reagieren. Wir müssen versuchen, das ganze Ökosystem mitzudenken“, sagt der Forstwissenschaftler.

Es ist also kompliziert mit dem Wald. Denn selbst wenn sich unter den mediterranen Baumarten welche finden, die eine echte Alternative zu den bedrohten heimischen Waldbäumen darstellen – es kostet Jahrzehnte, bis Bäume ausgewachsen sind. Um den Wald für den Klimawandel fit zu machen, müssen die verantwortlichen Personen jetzt handeln.