Die Landeszentrale für politische Bildung hat einen Bildband zum Jubiläum unseres Bundeslandes herausgegeben. Die 350 Fotos erzählen von kleinen und ganz großen Ereignissen – und wecken viele Erinnerungen.
Vor 70 Jahren ist das Bundesland Baden-Württemberg gegründet worden, und man könnte sich diesem Jubiläum auf vielfältige Weise nähern: mit tiefgründigen politischen Gedanken, mehr oder weniger wahren Lobeshymnen oder, wie jüngst wegen einer rein württembergischen Veranstaltung in Stuttgart, mit dem Aufflackernlassen alter Animositäten zwischen den zwei Landesteilen. Oder man kann, wie es die Landeszentrale für politische Bildung jetzt mit einem famosen Bildband gemacht hat, ganz allein Fotos sprechen lassen.
Tatsächlich hat dieser Bildband „Baden-Württemberg in Bildern 1952-2022“ nur kurze Bildunterschriften, ansonsten sollen die Fotos selbst kleine und große Geschichten erzählen. Da sind etwa fünf Damen im Jahr 1953, die an einem Wühltisch in Karlsruhe Stoffe begutachten – aus ihren abgehärmten Gesichtern kann man erahnen, was sie im Krieg durchgemacht haben. Da sind im Jahr 1954 ein paar Lausbuben in kurzen Hosen und langen Kniestrümpfen, die sich vor einem Kinoplakat drängeln und von der großen weiten Welt träumen. Oder da sind die zwei Raucher, die 2007 aus den Lokalen verbannt wurden und die nun draußen in einem provisorischen Zelt ihrer Lust frönen müssen.
Alltagsgeschichte statt Großkopferten-Geschichte
Reinhold Weber, einer der fünf Macher des Bandes, betont, dass man mit den Fotos bewusst ein sehr niederschwelliges Angebot habe machen wollen, um die Menschen mitzunehmen durch die Geschichte des Südweststaates. Ein Bild des allerersten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Reinhold Maier, sucht man deshalb vergebens – dafür Eindrücke von Kriegsheimkehrern oder der ersten Nachkriegs-Fechterinnen aus Calw, die nicht nur gegen ihre Sportkolleginnen, sondern immer auch gegen Vorurteile kämpften.
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Aus 3000 Fotos seien 350 ausgewählt worden, so Reinhold Weber, was sehr schwer gewesen sei. Manche Ereignisse zu dokumentieren, sei natürlich Pflicht gewesen, wie die RAF-Zeit, Tschernobyl, die Wende oder die verregnete Sonnenfinsternis 1999. Nach manchen Motiven hätten sie aber lange suchen müssen, etwa von der ersten Mondlandung 1969. Am Ende glückte es doch: Eine Traube von Menschen steht in einem Elektronikgeschäft in Stuttgart um ein Dutzend klobiger Fernseher herum.
Jeder kann eigene Fotos einsenden
Umgekehrt sei es mithilfe der 70 teilnehmenden Stadtarchive, Museen und Einzelpersonen gelungen, auch Bilder von völlig überraschenden und fast vergessenen Ereignissen in den Band aufzunehmen. So wurde ein wunderbares Foto vom ersten Christopher Street Day im Land – 1979 in Stuttgart – entdeckt. Eine weißhaarige Mutter steht neben Männern in Lederkluft und hält ein Schild hoch, auf dem zu lesen ist: „Mein Sohn ist schwul – na und!“
Schön ist im Übrigen auch das leichte, angeraute Papier, das dem Bildband einen gewissen Retro-Stil verleiht. Alle Land- und Stadtkreise sind mit mindestens einem Foto vertreten; da wollten die Autoren nichts auf sich kommen lassen. Mit QR-Codes im Buch kann man daneben auch direkt auf Internetseiten mit Filmen gelangen, etwa über den ersten mobilen Blitzer im Land im Jahr 1956 oder über das Schauinsland-Rennen 1980. Und: Der Band wird von einem Online-Projekt begleitet – auf dem Landeskunde-Portal Leo BW kann man viele der Fotos einsehen und selbst eigene beisteuern. Auf dass der Erinnerungsschatz zu 70 Jahren Baden-Württemberg weiter anwachse.
Landeszentrale für politische Bildung (Hg.): Baden-Württemberg in Bildern 1952 bis 2022. Menschen. Geschichte. Ereignisse. 248 S. Preis 18 Euro zzgl. Versand. Der Band kann nur über den Webshop der Landeszentrale erworben werden unter www.lpb-bw.de/shop