Ein paar Jungs wollten das Graffiti „Diamant Girl“ in Detroit aus der Wand schlagen und gingen Folie kaufen, um die brüchige Wand zu sichern. Als sie zurückkamen, war da nur noch ein Loch. Ob ihnen jemand zuvor kam oder das Bild unter Trümmern liegt – keiner weiß es. Foto: midas

Für die Werke des Streetart-Weltstars Banksy wird viel Geld gezahlt. Deshalb werden seine Graffitis oft geklaut – oder verschwinden auf andere Weise. Ein Buch wartet mit schrägen Geschichten auf.

Die Aussicht auf den großen Gewinn kann den Geist vernebeln. Ein Londoner Hausbesitzer orderte einen Bautrupp, der ein viktorianisches Reihenhauses im englischen Margate zerlegte. Hausflur und Treppen wurden entfernt, eine Stahlkonstruktion angebracht, um die Außenwand zu stabilisieren und ein Gemälde auf der Fassade ausbauen zu können: die „Hausfrau“ von Banksy.

 

Manches taucht Jahre später wieder auf

Banksy ist eben nicht irgendein Künstler, sondern ein Weltstar. Kaum taucht ein neues Werk des Street-Art-Künstlers auf, pilgern die Fans sofort los, denn oft ist Eile geboten. So flott, wie Banksy seine Motive in Nacht- und Nebelaktionen anbringt, so schnell sind sie oft schon wieder verschwunden – geklaut in der Hoffnung, das große Geld zu machen.

Will Ellsworth-Jones hat Verständnis für solche Begehrlichkeiten. „Es liegt einfach nicht in der menschlichen Natur, einer solchen Versuchung zu widerstehen“, schreibt er in seinem Buch „Banksy – Lost Works“, das an die wichtigsten verschwundenen Werke erinnert. Der Londoner Journalist befasst sich seit vielen Jahren mit Banksy und kann allerhand kuriose Geschichten erzählen. Wie viele seiner Werke schon zerstört wurden, weiß aber auch er nicht. Manches taucht Jahre später sogar wieder auf – wie die Autotür eines Mazdas, die irgendwann bei einer Auktion in Kalifornien angeboten wurde.

Ein echter Banksy kann das Image einer Stadt aufpolieren

Banksy hat es längst ins Museum geschafft, aber im Herzen war und ist er immer Street-Art-Künstler geblieben. Deshalb hat er auch Rolltore, Verkehrspoller oder Müllcontainer bemalt, wohl wissend, dass das Ergebnis nicht lange Bestand haben wird. Inzwischen würden Gemeinderäte Banksy aber oft zu Füßen liegen, meint Ellsworth-Jones. Sie wissen zu gut, wie ein echter Banksy das Image einer Stadt aufpolieren kann.

Als vor knapp zwanzig Jahren in London an der Rückwand eines Londoner Zeitungskiosks ein Graffiti auftauchte von einem Jungen, der „What“ an die Wand pinselt, reagierte ein Händler schnell. Er drückte dem Besitzer tausend Pfund in die Hand, ließ das Werk abtragen und verkaufte es weiter für stattliche 250 000 Pfund.

Die alte Kühltruhe vor Banksys „Hausfrau“ wurde als erstes geklaut. Foto: Midas/Cover-Motiv

Das was die Initialzündung, inzwischen sind Banksy-Jäger zu einem ernsthaften Problem geworden und beschäftigen sogar die Gerichte. 2018 bemalte Banksy am Pariser Club Bataclan die Tür, durch welche die Menschen bei dem Terroranschlag geflohen waren. Diebe rückten mit Brecheisen und Winkelschneider an und hoben die Tür aus den Angeln. Da sie sich allerdings nicht verkaufen ließ, tauchte die Tür wieder auf und kehrte zurück. Prompt stritten sich die Eigentümer des Gebäudes und die Stadt Paris darüber, wem die Tür nun gehört. Am Ende eines langwierigen Rechtsstreits entschied das Gericht: den Hausbesitzern.

Nicht selten müssen Diebe feststellen, dass sich abgenommene Graffitis nicht so leicht verkaufen lassen. Banksy kündigt neue Werke auf Instagram an und bestätigt deren Echtheit auf seiner Homepage. Was von der Wand genommen wird, erkennt er nicht mehr an, weshalb die für ihn tätige „Pest Control“ den Arbeiten den offiziellen Stempel verweigert – selbst wenn die Motive in Bildbänden auftauchen. Auktionshäuser nehmen diese nicht autorisierten Werke auch oft nicht an.

Unter den Trümmern von Gaza

Das Mädchen, das mit seinem Einkaufswagen vom Himmel zu stürzen scheint, machte aus anderen Gründen Probleme. Zwölf Jahre war „Shop ’til you Drop“ an einem hohen Bürogebäude in London zu sehen. Als es abgerissen werden sollte, hofften die Eigentümer auf den großen Profit und hievten den Teil der Fassade mit einem Kran herunter. Seither wartet man vergeblich auf einen Käufer, der bereit ist, mehrere Millionen Dollar für das zehn Tonnen schwere Monstrum zu bezahlen.

Auch wenn die Übersetzung an manchen Stellen holprig ist, ist „Banksy – Lost Works“ ein lesenswertes Buch, das auch deutlich macht, dass es Banksy keineswegs nur um Schlagzeilen geht. 2022 reiste er in die Ukraine und hinterließ Graffitis als Zeichen der Unterstützung: In Hostomel sprayte er eine Frau im Morgenmantel mit Lockenwicklern, Gasmaske und einem Feuerlöscher – der verzweifelte Kampf gegen die Übermacht Russlands. Auch im Gazastreifen war er bereits 2015 und malte auf eine Eisentür, die als einziges von einem Haus geblieben war, die Göttin Niobe, die um ihre Kinder weint.

Was aus ihr geworden ist? Die Chancen seien ziemlich gering, so Will Ellsworth-Jones, die Tür in den Trümmern je wieder zu finden.

Will Ellsworth-Jones: Banksy – Lost Works. Die verschwundenen Werke. Midas Verlag, Zürich. 144 Seiten, 28 Euro.

Banksy macht keine Kunst mehr

Hype
Banksy zweifelt daran, ob er überhaupt noch Kunst produziert. „Es scheint nicht mehr so sehr um das Bild zu gehen, sondern um die Ereignisse, die sich um das Bild herum abspielen.“

Buch
Will Ellsworth-Jones: Banksy - Lost Works. Die verschwundenen Werke. 144 Seiten, Midas Verlag Zürich, 28 Euro.